Nie still stehen

13. Mai 2005, 11:47
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Wie die Schweizer auf die Uhr kamen und selbst in schwierigen Zeiten nicht mehr davon ließen

Ewig wie die unaufhaltsam fließende Zeit sollte er sein, der Bund, den die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden Anfang August 1291 am Rütli, einer Bergwiese am Westufer des Urner Sees, schlossen. Bis heute hat es gehalten, das damals durch den berühmten Rütlischwur besiegelte Fundament der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Viele betrachten das solcherart begründete Staatsgebilde als Glücksfall, als Fels in der Brandung politischer Wirren, als Zufluchtsort für allerlei Schutzsuchende oder als Mekka der Hochfinanz.

Man könnte die Eidgenossenschaft aber auch als "riesigen Kursaal mit Panorama, in den die Leute aus allen vier Weltgegenden kommen, um sich die Langeweile zu vertreiben", bezeichnen, wie Alphonse Daudet in seinen Geschichten vom Prahlhans Tartarin de Tarascon eher spöttisch bemerkte. Egal wie: Das erwähnte Herz für Flüchtlinge förderte - wiederum ein Glücksfall - letztendlich auch die Gründung der Schweizer Uhrenindustrie. Ein Gewerbe, das fast den Charakter eines Synonyms angenommen hat: Uhren und Schweiz sind heute eins.

Genese der legendären Schweizer Uhrmacherei

Die Genese der legendären Schweizer Uhrmacherei resultiert - Zufall oder nicht - indessen mehr aus Zwängen und reinem Selbsterhaltungstrieb denn aus freiwilligem Handeln: Gegen 1536 hatte der sittenstrenge Reformator Johann Calvin den Goldschmieden, einem für feines Arbeiten prädestinierten Personenkreis, schlichtweg verboten, Gegenstände herzustellen, welche der Verherrlichung des Papsttums und der Idolatrie dienten. Solchermaßen um beständige Einnahmequellen gebracht, mussten sich die Goldschmiede nach Alternativen umsehen. Diese bestanden in der Anfertigung von Luxusgegenständen und Schmuckstücken, bei denen ein tickendes Innenleben dem äußeren Glanz gebührende Funktionalität verlieh.

Rund 150 Jahre später, 1685, führte die Aufhebung des Ediktes von Nantes durch Ludwig XIV. aus religiösen Gründen zur Vertreibung vieler französischer Uhrmacher. Großteils fanden sie Zuflucht im protestantischen Genf, wo sie fortan dem Uhrengewerbe zu mächtigem Aufschwung verhalfen. Das Fundament für einen florierenden Handwerkszweig war gelegt. Und der schöpfte seine Erfolge fortan in erster Linie aus hochfeinen Zeitmessern, welche in aller Welt von sich reden machten.

Der Kanossagang der eidgenössische Delegation 1876

Natürlich erlebte auch die Uhr-Schweiz in regelmäßigen Abständen ihre Krisen. Letztlich ging sie jedoch aus allen stets gestärkt hervor. Zum einen, weil ihr die Rückbesinnung auf Bewährtes immer wieder gelang. Zum anderen, und das scheint der weitaus wichtigere Aspekt zu sein, weil sie den uhrmacherischen Komplikationen wie keiner ihrer Mitbewerber Beachtung schenkte. Bestes Beispiel ist jene Weltausstellung, die der amerikanische Kongress zur Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit 1876 in Philadelphia organisiert hatte. Dort erlebte die eidgenössische Delegation einen Kanossagang.

Was war geschehen? Eine echte industrielle Revolution! Mit präzisen Maschinen fertigten die amerikanischen Konkurrenten Teile für einfache Uhrwerke in großen Quantitäten und trotzdem guter Qualität. Und noch etwas Beängstigendes gab es damals zu vermelden: Die Bestandteile konnten im Servicefall ohne große Nacharbeit ausgetauscht werden. All das war in der Alten Welt noch absolute Zukunftsmusik. Neben dieser gigantischen Vorstellung machte sich die eidgenössische "Industrie" wie ein hilfloser Zwerg aus. Sozusagen über Nacht verlor die tickende Schweiz ihren wichtigsten Kunden. Das Desaster währte freilich nur kurze Jahre. Dann triumphierten sie wieder, die Eidgenossen. An ihren mechanischen Chronografen für Wettbegeisterte, ewigen Kalenderwerken und komplexen Repetitionsmechanismen kam und kommt - sofern er sie braucht(e) - auf unserem Globus fast niemand vorbei. Doch diese vermeintliche Unbesiegbarkeit brachte abermals Trägheit und Arroganz mit sich.

Prestige, Qualität, Werterhalt

Das zeigte sich, als in den 1970er-Jahren König Quarz das Zeit-Zepter in die Hand nahm und die fernöstlichen Mitbewerber Oberwasser bekamen. Vorübergehend jedenfalls. Denn auf diesem Gebiet hatten die Traditionalisten den Billigproduzenten anfangs nur wenig entgegenzusetzen. Aber sie besaßen jenes Quantum an Fortune, auf dass es manchmal ankommt. Anfang der 1980er-Jahre wendete sich das Blatt erneut. Und die Renaissance der Mechanik demonstrierte einmal mehr, wer tatsächlich Herr über die sanft tickenden Mikrokosmen ist.

Allein die Schweizer Armbanduhr verkörperte damals Prestige, Qualität und deshalb Werterhalt. Beweis: Die exorbitanten Secondhandpreise für Modelle der international anerkannten Luxusmarken. Wer kurz zuvor aufs richtige Uhr-Pferd gesetzt hatte, konnte im Handumdrehen reich werden. Alle Welt stürzte sich auf betagte Cartiers, IWCs, Pateks oder Rolexe. Um nur einige zu nennen. Und das wiederum förderte den ungeahnten Boom bei neuer Swiss-made-Mechanik. Bis in die frühen 1990er besaßen Österreichs westliche Nachbarn das absolute Monopol bei allem, was neben der üblichen Zeitanzeige weitere Funktionen aufwies. Wer sonst wäre imstande gewesen, mehr oder minder hilfreiche, dafür aber ausgesprochen faszinierende Zusatzfunktionen wie zum Beispiel Tourbillons oder Weltzeitindikationen innerhalb relativ kurzer Zeit zu entwickeln, zu fertigen und zu vermarkten? Dazu in feinster handwerklicher Qualität und vorzüglicher Optik?

Erst nach dem Fall der Mauer zeigte sich, dass auch die Sachsen, sprich A. Lange & Söhne sowie Glashütte Original, Armbanduhren dieses Anspruchs bauen konnten. Und sie stahlen den Eidgenossen durchaus die eine oder andere Scheibe Wurst vom Brot. Bange muss den Platzhirschen gleichwohl nicht sein. Die kreativen Deutschen befinden sich mittlerweile längst unter eidgenössischen Dächern. (DER STANDARD, rondo/16/05/2003)

Von
Von Gisbert L. Brunner
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