Ein buntes Potpourri quer durch das Galerieportfolio oder - mutiger - die künstlerische Soloschau: In den Salzburger Galerien gibt es zur Festspielzeit wieder vielfältigste Angebote an das kunstsinnige Publikum
Salzburg - Die große Vielfalt fassen, dabei kann ein eleganter Titel
helfen: Defiant Gardens, also Gärten des Rückzugs, nennt etwa die
Galerie Mauroner ihr Angebot am Residenzplatz und in der Villa am
Ignaz-Rieder-Kai, wo im echten Gärtlein Arbeiten von Tony Cragg, Paolo
Grassino oder Jaume Plensa platziert sind. Die assoziative Bandbreite
des Titels reicht vom Ort der Stille und der Trauer bis zu jenem
Fleckchen Erde, das für das Nachdenken, die Beobachtung und das
Experiment reserviert ist.
Unter diesem weiten Bogen finden also die kleinen Bronzen des spanischen
Künstlers Baltazar Torres, die existenzialistische Fragen verkörpern,
ebenso Platz wie abstrakte Gemälde von Jakob Gasteiger, die intensiven
Farblandschaften Herbert Brandls oder die zarten Tuschezeichnungen der
türkischen Künstlerin Inci Eviner.
Faktischer der Zusammenhalt in der Galerie Altnöder, die Österreicher
der Generation 1951± präsentiert, also Künstler rund um die 60, wobei
der Schwerpunkt auf jenen Künstlern (von Siegfried Anzinger bis Hubert
Schmalix) ruht, die in den 1980ern als die "Neuen Wilden" reüssierten.
Eine trotz ernster Anliegen Laune machende, anregende Präsentation, in
der ein ganz frisches Bild Johanna Kandls herausleuchtet: Wie zu einer
Art Markt hat sie ein paar Dutzend Tische arrangiert.
Allerdings sind die auf einfachen Böcken ruhenden Tischplatten, bis auf
die Namensschilder von Philosophen und Wirtschaftsleuten, die die
Künstlerin hier gemeinsam an den Tisch setzt, leer: Von Theodor W.
Adorno bis Slavoj Zizek, von Microsoft-Chef Bill Gates bis zu
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg reicht die Tischordnung von Kandl,
deren Bilder sie in den letzten Jahren als kritische Beobachterin der
wirtschaftlichen und sozialen Lage unserer Zeit ausweisen. Nachdenklich
auch Alois Mosbachers Arbeiten, die das Bild einer Welt nach dem
Aussterben der Menschen zeichnen: eine Müllhalde, bevölkert von
mutierten Tieren.
Arbeit und Geld
Auf zwei Worte reduziert, collagiert Jochen Höller ein stimmiges Bild
unserer Zeit: Eigentlich mehr zufällig, denn die Bildingredienzen
stammen aus dem Jahr 1867, als Das Kapital von Karl Marx erschien.
Höller hat die Wörter "Arbeit" und "Geld" aus einer Ausgabe
ausgeschnitten und "angehäuft". So viel sei verraten: Arbeit gibt es
genug. Höllers Blatt ist Teil der Ausstellung living on the edge of a
silver future in der Galerie 5020, die keine kommerzielle Galerie ist.
Kuratorin Hildegard Fraueneder thematisiert eine Art Raum an der Kippe,
einen Möglichkeitsraum, der etwa Fragen zu immateriellen Formen des
Kapitals aufwirft, Alternativen anbietet oder sich auch nur die Freiheit
herausnimmt, überraschende Szenarien aus altbekannten Mustern zu
entwickeln.
Auch die Ausstellungsarchitektur unterstützt mit schiefen Wänden und
verwinkelten Raumnischen auch das Einnehmen anderer Blickwinkel. Die
Gruppe The Video Sisters sezieren zu diesem Zweck etwa ein eigenes
Video: Sie isolierten Nahaufnahmen aus dem ursprünglichen, komplexen
Zusammenhang und bieten auf diese Weise ungewohnte Perspektiven an. Die
Freiheit, sich unabhängig und an keinen Ort gebunden zu bewegen,
reklamieren etwa die singenden Meteoriten aus dem Video Orgon Rock
(2010) von Katrin Plavcak, Johanna Kirsch und Rudi Fischerlehner.
Im Vergleich dazu scheinen die Arbeiten des deutschen Künstlers Gerold
Miller sehr präzise Raum abzustecken. Die Galerie Ruzicska hat eine
Mini-Retrospektive mit Werken von 1996 bis 2011 zusammengestellt.
Millers bisweilen in grellfarbigen Lacken im Hard-Edge-Stil lackierten
Aluminiumobjekte könnte man auch als Rahmen lesen. Oder aber als Bilder,
deren Mitte frei bleibt, die eine magische Leere umschreiben. Also eine
präzis gerahmte Möglichkeitsform. Anlage titeln seine frühen Wandobjekte
passend.
Entgegen ihres klar definierten visuellen Eindrucks lassen sich die
Arbeiten aber gar nicht so leicht festlegen, sondern oszillieren
zwischen Design, Minimal Art und Malerei. Auch mögliche Kritik an ihrer
Glätte, ihrer Oberflächlichkeit nimmt Miller vorweg, indem er sich von
Zeit zu Zeit selbst befragt und seine Objekte hinters Auto gehängt über
den Asphalt schleift.
Die Spuren der Welt fressen sich auch in die Bilder von Anselm Kiefer,
dessen jüngsten Werkblock die Galerie Ropac präsentiert. Monumental sind
die Leinwände bei Kiefer immer, aber diesmal ist auch sein Motiv, der
Berg und das Gebirge, von monumentaler Größe. Der Künstler vermisst die
Berge, umrundet sie und macht in der Vorbereitung tausende Fotos von
ihren zerfurchten Massiven, etwa den Grimming in der Steiermark, auf den
ihn der befreundete Schriftsteller Christoph Ransmayr aufmerksam machte.
Die Berge sind für Kiefer Ursprung und Material der Alchimisten, Orte
der Verwandlung, wo die Erosion Krater in die Oberfläche riss. Die
Symbolkraft der Bilder spitzt er auch politisch zu.
Ein Solo gibt es auch in der kleinen Galerie UBR von Ulrike Reinert. Sie
präsentiert mit Julia Maurer eine junge, aber vielversprechende
Künstlerin, die in diversen Schauen in Wien auf sich aufmerksam machte.
Im kleinen Format (auf Leinwand und Papier) hält sie das, was schwindet,
den Moment, fest: Zerbrechliche Augenblicke der Einsamkeit, aber auch
zarte Minuten des Zueinanders, des Zwischenmenschlichen. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2011)
Defiant Gardens, bis 3. 9.: Galerie Mario Mauroner, Residenzplatz 1 und Ignaz-Rieder-Kai 9, 5020 Salzburg, www.galerie-mam.com
Generation 1951±, bis 17. 9., Galerie Altnöder, Sigmund Haffner-Gasse 3, 5020 Salzburg, www.galerie-altnoeder.com
living on the edge of a silver future, part I, bis 20. 8., Galerie 5020, Sigmund Haffner-Gasse 12, 5020 Salzburg, www.galerie5020.at
Gerold Miller. A Retrospective, bis 30. 8., Galerie Nikolaus Ruzicska, Faistauergasse 12, 5020 Salzburg, www.ruzicska.com
Anselm Kiefer. Alkahest, bis 24. 9., Galerie Thaddaeus Ropac, Mirabellplatz 2 und Ropac Halle, Vilniusstraße 13, 5020 Salzburg, www.ropac.net
Julia Maurer. Malerei - Zeichnung - Objekt, bis 3. 9., UBR Galerie, Auerspergstraße 51, 5020 Salzburg, www.ubr-galerie.com