Tänzeln am Abgrund

27. Juli 2011, 18:35
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Die US-Politik kann sich nicht auf ein Konsolidierungsprogramm einigen. Die Investoren nehmen daher Deckung

Die USA haben ein Schuldenproblem. So weit so bekannt. Dass sie auch ein politisches Problem haben, zeigen die beiden politischen Parteien seit einigen Wochen besonders eindrücklich. Die Debatte um das Schuldenlimit zeigt, dass das institutionalisierte Schuldenlimit massive Probleme mit sich bringt. Republikaner und Demokraten sind sich uneins über die Wege, das Budget zu konsolidieren, und steuern daher auf eine technische Zahlungsunfähigkeit zu. Das wird zunächst die Ausgaben für den Sold von Soldaten oder der staatlichen Pension (Social Security ist NICHT Sozialhilfe, sondern öffentliche Rente) treffen, aber am Ende des Tages könnten auch die ersten Zahlungen auf Staatsanleihen (Zinsen und Tilgungen) ausfallen.

Die große Unbekannte ist: was sind die Folgen einer temporären Pleite der USA oder zumindest der Abstufung der Kreditwürdigkeit, die mittlerweile von Ökonomen als sehr wahrscheinlich eingeschätzt wird. 1957, als das Schuldenlimit die Air Force dazu zwang, ihre Investitionen deutlich zu senken, stürzten die USA in eine Rezession.

Auch heute nehmen Investoren den Kapitalmärkten nehmen immer mehr Investoren vor einem möglichen US-Default oder zumindest einer Rating-Abstufung Deckung. Die Kreditausfallversicherungen am kurzen Ende sind deutlich gestiegen, auch die kurzfristigen Treasury-Bills (Schuldverschreibungen mit weniger als einem Jahr Laufzeit) sind in den letzten Tagen gestiegen.

Die Zinsstrategin der US-Großbank Bank of America Merrill Lynch Priya Misra warnt in einem aktuellen Papier vor den Folgen eines Downgrades. Es käme dann zu einem massiven Deleveraging, also dem Abbau von Verschuldung, im Finanzsystem, was die Liquidität - ähnlich wie in der Lehman-Krise - austrocknen lassen würde.

"We believe outflows from money fund could be as substantial, and the effects could be similar to thos during the 2008 crisis." Auch die Financial Times befürchtet deutliche Parallelen zwischen der aktuellen Episode und der Krise nach Lehman.

Das Problem ist klarerweise, dass die US-Staatsanleihen im modernen Finanzsystem vielfach die Funktion von Geld erfüllen. Für die Hinterlegung von Staatsanleihen bekommen Finanzakteure über den Geldmarkt oder die Notenbank Liquidität, die sie zur Investition oder Spekulation nutzen. Wenn aber erstmals Haircuts, also Abschläge bei der Ausgabe von Liquidität, gibt, dann wird die Geldfunktion der Staatsanleihen deutlich eingeschränkt (siehe Chart). Das Downgrade ändert aber noch wenig an den offiziellen Risikogewichten, die nach Basel II (und daran ändert sich im neuen Regime Basel III auch nix) gelten. Erst wenn das Rating der USA unter AA- fällt, also vier Stufen unter AAA, fällt, müssen Banken die Bonds mit Eigenkapital hinterlegen. Kurzfristig ist es aber gerade das Vertrauen das zählt. Und das ist offenbar in den letzten zwei Tagen erstmals etwas gebröckelt. An den Anleihemärkten gibt es die ersten Bewegungen - so sind die Kreditausfallversicherungen für einjährige US-Anleihen auf ein Rekordhoch gestiegen. Das sollte den Druck auf die Politik, endlich zum Verhandlungstisch zurückzukehren, erhöhen.

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