Schlacht gegen Speckbauch und Schokoträume

Reportage27. Juli 2011, 18:17
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Jedes vierte bis fünfte Kind schleppt zu viele Kilos herum, Übergewicht wurde zur Epidemie - In einem Sommercamp kämpfen Kids dagegen an - und gegen den Nimbus des Verlierers

Pressbaum - Klaus* nimmt's mit Galgenhumor. "Jetzt keine Fotos!", gebietet der Bub, als er seinen Bauch nach vorn schiebt. Das Leiberl spannt unter der Körperfülle, über dem Bund der Bermuda blinzelt eine Speckfalte hervor. 15 Kinder kreisen mit gut gepolsterten Hüften, angefeuert von zwei unverschämt drahtigen Burschen. "Kommt's, kommt's!", rufen die mit Pfeiferl und Stoppuhr bewaffneten Trainer, "Wille ist der erste Schritt zum Erfolg."

"Gorilla" oder "Arnold's Revenge" heißen die Übungen, durch die sich die Schar plagt. Schon die unterschenkelhohe Bank wird zur schweißtreibenden Hürde. Mit den Händen abgestützt klettert Klaus drüber, links-rechts-links-rechts, an springen ist nicht zu denken. Drei Anläufe braucht der 13-Jährige, um sich an die Sprossenwand zu hängen, zweimal schafft er es, die Knie anzuziehen - die als Ballast gedachten Medizinbälle bleiben auf der Matte. Dann wuchtet er seine 77 Kilo auf die "Schokolade", wie der Lederbezug des Turnkastens fieserweise im Fachjargon heißt, und zerrt in Kraulschwimmerposition an zwei straffen Gummibändern. "Hauptsache liegen", ächzt Klaus.

"Sudern gehört dazu", kommentiert ein Coach grinsend, ehe er seine Pappenheimer nach einer Stunde Gelächter, Gestöhne und generös toleriertem Zeitschinden mit dem finalen Pfiff erlöst. Plötzlich werden müde Beine wieder munter. "Am schnellsten sind wir dann", klärt ein Mädchen auf, "wenn es zum Mittagessen geht."

Das soll sich eigentlich ändern. "Fit statt dick" heißt das Sommerlager im Sacre-Coeur-Internat von Pressbaum, in dem Halbwüchsige zwischen zehn und 18 Jahren drei Wochen ihrer Ferien verbringen. Gut 1000 Euro zahlen die Eltern, damit ein Team von Pädagogen, Psychologen, Ernährungswissenschaftern und Sportlehrern ihre Kinder unter die Fittiche nimmt. Überschüssige Kilos sollen die Sprösslinge loswerden - und, wie Betreuer Stefan Biesenbender sagt, an Selbstbewusstsein zulegen: "Oft sind es ja nicht die Alphatypen, die zu uns kommen."

Wie miesepetrige Gesundheitsapostel sehen der Erlebnispädagoge und seine Mitstreiter nicht aus. Im Kammerl der Crew gibt es Butterkipferl, Energiedrinks und Marshmallows, der eine oder die andere hat selbst ein paar Pfund zu viel. Manchmal holen sich die Betreuer Pizza aus dem Ort, ohne die Kartons verschämt einzuschmuggeln.

"Im echten Leben gibt's ja auch die Schulfreunde, die sie zum ‚Mäci‘ schleppen wollen" , sagt Biesenbender, der von Hungerkuren in steriler Laboratmosphäre ebenso wenig hält wie von Boot-Camps, wie sie in Reality-TV-Shows ausgeschlachtet werden. Ein Zirkeltraining dann und wann ja, aber mit viel Spiel und ohne Wettkampfdruck. Verloren hätten dicke Kinder schon oft genug, meint er: "Und wenn ich einen den Berg hinaufjage, macht er das sein ganzes Leben nicht mehr."

Im Speisesaal gibt es Eis zu kaufen, auch Teilnehmer anderer Sommerkurse essen hier. Das Eskimo-Schild haben die "Fit statt dick" -Betreiber nicht abmontiert, wohl aber das Taschengeld eingezogen. Zwischen einem Weckerl mit Cottagekäse und einem Müsli mit fettarmem Joghurt durften die Campkinder beim Frühstück wählen, nun stehen sie bei der Salatbar an - unter kritischer Beobachtung. "Ist das denn klug?", fragt eine Aufpasserin, als ein Mädchen üppig Nudelsalat auflädt. Einem Buben, der um einen Extralöffel Reis zum Single-Fleischlaberl bittet, rät sie: "Probier's mit Gemüse!"

"Das Dämlichste ist, gar nichts zu essen, weil ihr nachher umso mehr Fett anlegt" , sagt Amina El-Fityani und gibt Tipps, wie's besser geht: Schon ein Glas Wasser kann gegen knurrenden Magen helfen - weil sich Durst oft als Hunger tarne. Ein Belohnungssystem für den unterlassenen Griff in die Süßigkeitenlade empfiehlt die Ernährungswissenschafterin und natürlich Bewegung: "Geht zu Fuß in die Schule, nehmt die Stiegen."

Immer fetter, immer größer

Über Ballaststoffe und den Body-Mass-Index fachsimpeln die Kinder im "Ernährungsclub", sie wissen, dass eine 300-Gramm-Tafel Schokolade den Energiebedarf eines Tages deckt. Doch die Versuchungen sind vielfältig. Von "Naschkammern" berichten die einen, von einem Bottich voll mit Erdäpfeln träumen die anderen. Beim Papa gibt's zum Frühstück Croissants mit Butter und Nutella, erzählt ein Mädchen, ihre Freundin wird von Oma und Opa angefüttert. "Sag ihnen, dass du deinen Speckbauch loswerden willst", meint El-Fityani und rät, "Gefahrenzonen" wie Kühlschränke mit Stoppschildern zu versehen. Illusionsloser Kommentar eines Buben: "Eine Kindersicherung wäre besser."

Vier, fünf Kilo haben fast alle schon losgebracht, "im Camp ist das keine Hexerei", meint der ärztliche Leiter Karl Zwiauer. Der Härtetest kommt erst, wenn wieder die Sitzerei in der Schule losgeht, wo Cola-Automat und mit Mars und Twix aufgerüstete Pausenbuffets locken. Ein Drittel seiner Abgänger schaffe es, das Normalgewicht zu halten, sagt Zwiauer.

Vor drei Jahrzehnten hat der St. Pöltener Primar das Camp gegründet. Seither legte die westliche Welt "dramatisch" an Gewicht zu. Jedes vierte bis fünfte Kind in Österreich ist übergewichtig oder fettleibig, bei den Erwachsenen beträgt die Quote 30 bis 40 Prozent. Warum? "Da brauchen Sie nur in die Einkaufswagerl schauen", sagt Zwiauer. Die billigsten Sachen seien die fettesten, die Portionen immer größer. Turnstunden wurden gestrichen, Wiesen zugebaut. Das Fernsehen bietet 24 Stunden Kinderprogramm.

"Schöngeredet" werde diese "Epidemie" hierzulande, kritisiert der Arzt und fordert Bewusstseinkampagnen und andere Präventionsmaßnahmen, ehe Folgekrankheiten wie Diabetes das Gesundheitssystem sprengten: "Da ist die Politik seit Jahren säumig."

Bei den Familien, wo die Essenskultur erodiert sei, sieht Zwiauer den Schlüssel, weshalb die Eltern an eigenen Nachmittagen eingebunden werden. Biesenbender hat den Verein "Stark bewegt" gegründet, wo Groß und Klein Kontakt halten können, um zu kochen oder Sport zu treiben. Aber im Camp wiedersehen, sagt der Pädagoge, wolle er seine Schützlinge natürlich lieber nicht.

Auch Klaus will das vermeiden. Deutlich unter 80 Kilo hat der 1,69 Meter große Bub sein Gewicht gedrückt, und ein "Riesenspaß" war es obendrein. Von Geländespielen schwärmt er und von "Ersatzpapas und -mamas" im Betreuerteam. Doch ganz sind die süßen Träume der Kinder nicht verflogen. Als für den nächsten Tag ein Ausflug angekündigt wird, kommt ein Vorschlag zurück: "Nach Schokohausen!". (Gerald John, DER STANDARD; Printausgabe, 28.7.2011)

*Name von der Redaktion geändert

  • Zirkeltraining im"Fit statt dick" -Camp im Wienerwald: "Sudern gehört
 dazu."
    foto: der standard/fischer

    Zirkeltraining im"Fit statt dick" -Camp im Wienerwald: "Sudern gehört dazu."

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