"Die allermeisten Leute finden das mindestens seltsam"

29. Juli 2011, 18:33
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Im Wiener Umsonstladen "Schenke" wollen die Aktivistinnen weder Geld noch Geschlechterzwang

INTER, TRANS, FRAUEN, LESBEN: Diese Wörter prangen aus schwarzem Klebeband gefertigt auf einem transparenten rosa Stofftuch, das wie ein Vorhang in der Eingangstür der Schenke befestigt ist. 

Die Schenke ist ein Umsonstladen im achten Wiener Gemeindebezirk mit gemütlichem Raum zum Verweilen, Essen und Trinken auf Spendenbasis und für Veranstaltungen. An jedem Dienstag ist hier von 16:00-20:00 nur für Frauen, Lesben, Intersex- und Transpersonen geöffnet. Die Veranstalterinnen wollen ihnen und sich selbst an diesem Tag einen Raum geben, sich auszutauschen und voneinander zu lernen.

Der Umsonstladen

Den Schenkladen - kurz genannt "Schenke" in der Pfeilgasse im achten Wiener Gemeindebezirk gibt es seit Mai 2010. Genau wie im Kost-Nix-Laden im fünften Wiener Gemeindebezirk (derStandard.at berichtete) gilt auch hier das Prinzip: "Bedürfnisorientiertes Geben und Nehmen statt Kaufen und Verkaufen". Das heißt, dass Dinge gebracht oder mitgenommen werden können, ohne dass Geld beteiligt ist.

"Das ist Freiheit!"

Dabei kommt es auch immer wieder zu Aha-Erlebnissen. Emma, die jeden Dienstag die Schenke betreut, erzählt von einer Person, die vorbeigegangen ist und nachgefragt hat, ob wirklich alles gratis sei. Nachdem die Frage bejaht wurde, sagte die Person euphorisch: "Wow, so soll‘s überall sein. Das ist Freiheit!" 

"Für mich sind es diese kleinen Momente, um die es geht, weil sie dazu anregen darüber nachzudenken, dass das System in dem wir leben nicht das einzig mögliche ist und sicher auch nicht das beste", sagt Emma.

Neben dem Umsonstladen und dem "Café" beherbergen die Räumlichkeiten in der Pfeilgasse eine Anarchistische Bibliothek und ein Theoriebüro. 

Ein sozialer Treffpunkt

In gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre lädt die Schenke dazu ein, den ein oder anderen Nachmittag hier zu verbringen. Das "Café" verfolgt eine freie Preispolitik ohne Konsumzwang. Das heißt, eine Spende ist erwünscht, aber kein Muss. 

Ein queer-feministisches Projekt

Jeden Dienstag sind die Besucherinnen dazu eingeladen, gemeinsam über Sexismus, Rassismus und Theorien zu diskutieren. Oft verbringt man aber auch einfach eine gemütliche Zeit miteinander.

"Die Schenke ist ein Versuch konkrete Kritik in die Praxis umzusetzen und mit anderen Unterdrückungsachsen wie zum Beispiel Geschlechterverhältnissen zusammenzudenken und zu kritisieren", erklärt Emma. 

"Das Ganze ist ein queer-feministisches Projekt und beruht darauf, dass wir nicht von biologischen Annahmen ausgehen, sondern von Selbstdefinitionen. Uns interessiert überhaupt nicht wie irgendwelche Körper oder Geschlechtsorgane aussehen", fügt Rosa, die ebenfalls fast jeden Dienstagnachmittag die Schenke betreut, hinzu.

Kritik an der Gesellschaft

Die Annahme, dass Geschlechtsorgane das "wahre" Geschlecht festlegen, stellen die beiden in Frage. Den Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit und Vereinheitlichung des Geschlechts, der laut Rosa und Emma in unserer Gesellschaft sehr gewalttätig durchgesetzt werde, kritisieren sie. 

"Es müssen immer entweder Männer und Frauen sein. Es gibt aber auch Leute, die weder noch sind oder sich anders oder darüber hinausgehend identifizieren. Wir wollen hier einen Raum für uns haben, wo wir diese Zuschreibungen und diesen Zwang nicht haben und wo wir gewisse Basics nicht ständig verteidigen müssen", sagt Rosa.

Nicht nur geografisch besteht eine Nähe zum Frauencafè: Die Schenke ist mit anderen Projekten der queer-feministischen Szene vernetzt. Im Zuge der langen Nacht der Anarchie fand in der Schenke eine Diskussionveranstaltung mit Feministinnen, die im WUK die "Virginia Woolf" Schule gegründet haben, statt. Emma hat diese in besonders guter Erinnerung: "So findet eine Annäherung unterschiedlicher Feminismen und Generationen statt." 

Hier wird gemeinsam gekocht

An jenem Dienstagnachmittag, als dieStandard.at zu Besuch ist, ist nicht besonders viel los in der Schenke. Ein paar Frauen stöbern im Umsonstladen, während ein paar Mitarbeiterinnen gemeinsam im Schenke Café kochen. 

"Dass dienstags nur für Frauen, Lesben, Intersex- und Transpersonen geöffnet ist, finde ich gut. Immerhin hat die Schenke ja an zwei weiteren Nachmittagen für alle geöffnet", sagt eine junge Frau und schlüpft in die Umkleidekabine.

Hin und wieder gibt es Störenfriede

"Klar gibt es immer wieder irgendwelche lustigen Männer, die sagen 'Heute bin ich queer. Darf ich rein?', aber das ist dann meistens ein sehr provokantes Austesten der Grenzen", sagt Emma. Richtige Störaktionen gebe es bisher relativ wenig. 

Dass das Projekt nicht nur auf Zuspruch stößt ist Emma und Rosa bewusst. "Klar finden die allermeisten Leute das mindestens seltsam oder es ist nicht deren Lebensrealität. Wäre das nicht so würde es viel mehr solcher Räume geben und die gesellschaftlichen Verhältnisse, auf die dieser Raum reagiert, gäbe es nicht", fügt Rosa hinzu.

Wie finanziert sich das Projekt?

Anders als im Kost-Nix-Laden im fünften Wiener Gemeindebezirk, der die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung gestellt bekommt, müssen für die Schenke 700 Euro monatliche Mietkosten aufgetrieben werden. Die Miete wird über regelmäßige Geldspenden, sogenannten Patenschaften, und Spenden aus dem Café finanziert. 

Dass sich das antikapitalistische Projekt mit der Notwendigkeit an Geld in Widersprüchen bewegt, ist Emma und Rosa klar. "Wir müssen an Geld kommen, weil wir halt in dem System leben. Wir sind genauso an kapitalistische Verhältnisse gebunden. Gegen diese richtet sich der Raum einerseits, andererseits bewegt er sich auch in ihnen."

Am Montag und Donnerstag ist die Schenke von 16.00-20.00 für alle zugänglich. Außerhalb der Öffnungszeiten können die Räumlichkeiten für Workshops, Vorträge oder sonstige Veranstaltungen genützt werden. (Elisabeth Mittendorfer, dieStandard.at, 29.7.2011)

  • Im FuQ-Eck werden queer-feministische Zines (nicht-kommerzielle, selbstproduzierte Zeitschriften) zur Verfügung gestellt.
    foto: diestandard.at/mittendorfer

    Im FuQ-Eck werden queer-feministische Zines (nicht-kommerzielle, selbstproduzierte Zeitschriften) zur Verfügung gestellt.

  • In der Küche wird öfter gemeinsam gekocht.
    foto: diestandard.at/mittendorfer

    In der Küche wird öfter gemeinsam gekocht.

  • In der Schenke herrscht geütliche Wohnzimmeratmosphäre.
    foto: diestandard.at/mittendorfer

    In der Schenke herrscht geütliche Wohnzimmeratmosphäre.

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