Kann Wachsen wehtun?

  • Kinder können die Schmerzen in den Beinen oft nicht gut lokalisieren, betroffen sind aber meist Knie und Unterschenkel
    foto: apa/roland holschneider

    Kinder können die Schmerzen in den Beinen oft nicht gut lokalisieren, betroffen sind aber meist Knie und Unterschenkel

Zwischen Harmlosigkeit und Abklärungsbedarf: Nächtliche Wachstumsschmerzen bei Kindern

"Meine fünfjährige Tochter wacht mitten in der Nacht weinend auf und klagt über starke Schmerzen am linken Unterschenkelknochen", so ähnlich klingen viele Einträge verunsicherter Eltern in Internetforen. Das Problem läuft in Diskussionen unter dem Thema Wachstumsschmerzen. Dass Kinder ohne erklärbaren Grund plötzlich von Schmerzen geplagt werden, mag Eltern dramatisch erscheinen, doch was steckt dahinter?

"Keine richtige Erklärung"

Selbst Mediziner sind uneinig, denn die Ursachen sind wissenschaftlich nicht gut erforscht. Für den Wiener Kinderarzt und Kinderkardiologen Peter Voitl sind Wachstumsschmerzen ein "nebuloser Begriff", "etwas Unheimliches ohne richtige Erklärung". Robert Birnbacher, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Villach sagt: "Diese Schmerzen können bei Kindern mit normalem und gesundem Wachstum auftreten - ohne, dass es eine zugrunde liegende Erkrankung gibt." 

Es handle sich um ein nächtliches, oft wechselseitiges Phänomen, das von selbst wieder verschwinde und in der Hauptwachstumsphase bei Kindern - zwischen zwei und zwölf Jahren zu beobachten sei. Klassischerweise tritt es vorübergehend auf - am häufigsten in den Knien und Unterschenkeln, seltener in den Armen. Wachstumsschmerzen kommen relativ häufig vor: je nach Studie sind zehn bis 20 Prozent der Kinder betroffen. 

Ausschluss anderer Krankheiten

"Eltern sollten nicht gleich an schlimme Dinge denken", beruhigt Wachstumsspezialist Birnbacher. Erkrankungen des Bewegungsapparates, des Muskelsystems und des Skeletts müssen aber ausgeschlossen werden. Die Diagnose Wachstumsschmerzen ist daher eine Ausschlussdiagnose: "Bevor man davon spricht, muss man wirklich sicher sein, dass der Ausschluss der anderen Krankheiten erfolgt ist." Das geschieht in der Praxis mit Untersuchungen, Blut- oder Röntgenbefunden. Auch Kinderarzt Voitl empfiehlt im Vorfeld eine orthopädische Abklärung zum Ausschluss von Fehlstellungen.

Hilfe und Beruhigung in der Nacht

"Das wichtigste ist zu beruhigen und aufzuklären, denn die Schmerzen haben eine gute Prognose", so Birnbacher. Eltern rät er die schmerzenden Stellen ihrer Kinder zu massieren, zu wärmen, aber auch - wenn nötig - mit Schmerzmitteln zu behandeln. Die Medikamente sollen aber nicht über einen längeren Zeitraum hinweg eingenommen werden. Beruhigende Zuwendung empfänden Kinder als erleichternd. "Die Schmerzen sind harmlos, wenn andere Erkrankungen ausgeschlossen wurden", so Voitl.

Ursachendiskussion

Es gibt keine wissenschaftlich belegten, klare Ursachen, aber mehrere Hypothesen, die nicht alle mit Wachstum zu tun haben. "In manchen Fällen haben die Kinder gleichzeitig auch Kopf- oder Bauchschmerzen", weiß Birnbacher. Diskutiert wird die gesteigerte Aktivität von Kindern, die weichere Gelenke haben und diese daher verstärkt beanspruchen. Oder eine nicht ideale Durchblutung der kindlichen Beine im Wachstum. Theorien gibt es auch zu Vitamin- und Magnesiummangel oder Hormonstörungen. 

Wachstum sorgt dafür, dass sich der Knochen in die Länge streckt. Es kommt zu Veränderungen des Skelettsystems und des Muskel- und Bandapparates. Den Zusammenhang der Schmerzen mit diesem Vorgang, erklärt Birnbacher so: " In Zusammenschau mit der notwendigen Durchblutung tut sich in dieser Phase viel, daher treten die Schmerzen eben in der Wachstumsphase auf." Bei abgeschlossenem Wachstum erfolgten diese Veränderungen im Körper einfach nicht mehr in dieser Geschwindigkeit. Psychosomatische Ursachen schließt der Wachstumsexperte aus. 

Wann zum Arzt?

"Schmerzen kann man nicht messen, schon gar nicht bei Kindern", weiß Kinderarzt Voitl. Doch wann ist es notwendig deswegen einen Arzt aufzusuchen? Der Mediziner rät auf Nummer sicher zu gehen: "Schmerzen bei Kindern sollten immer medizinisch abgeklärt werden." (Marietta Türk, derStandard.at, 4.8.2011)

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