Zwischenruf

Gastkommentar | 27. Juli 2011, 10:54

Europa ist nicht selbstverständlich, seine Ideen in unserer Gesellschaft noch nicht ausreichend gefestigt. Lasst uns aufstehen und dafür kämpfen, so wie die Norweger, die trotz der Angst nun auf die Freiheit setzen

"Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein. Wir lassen uns unsere offene Gesellschaft nicht kaputt machen." (Jens Stoltenberg, norwegischer Ministerpräsident)

Noch immer stehen wir unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse, die sich am Freitag in Oslo und auf Utøya ereignet haben. Mindestens 76 Menschen haben ihr Leben verloren, viele werden noch vermisst. 68 von ihnen waren Mitglieder der sozialdemokratischen norwegischen Jugendorganisation AUF.

Ermordet und gezielt hingerichtet von einem ideologisch verblendeten Wahnsinnigen.

Kruder Netzfundamentalismus

Die kruden Thesen des Anders Behring Breivik sind keine Meinung eines Einzelnen, sondern Common Sense in einer sich vor allem im Netz organisierenden Minderheit. In zahlreichen Foren, auf Blogs und Boards treffen sich Menschen, die sich in einer gefährlichen Mischung aus Verschwörungstheorien, christlichem Fundamentalismus, Islamophobie und rassistischer Gesinnung ein eigenes Weltbild zeichnen, das in seiner radikalsten Form zu dieser Wahnsinnstat geführt hat.

Aber auch im gesellschaftlichen Mainstream finden sich Seitenarme dieser Ideologien, die bis in die Tiefen unserer Gesellschaft greifen:

Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab" trägt im Titel, was Breivik in seinem 1516-seitigen Manifest des Wahnsinns extremistisch untermauert. Was bei Sarrazin unter den Labels "Das wird man doch noch sagen dürfen!?" und "Endlich sagt es mal einer!" verkauft wurde, trägt auch einen Teil Breivik in sich und Breivik ein Teil von dem.

Nicht nur der feige Mordanschlag Breiviks, sondern auch diese menschenverachtenden Theorien sind direkte Angriffe auf die Idee eines geeinten, friedlichen Europas, auf offene Gesellschaften und auf Wertegemeinschaften, die sich aus Toleranz und Freiheit errichten.

Sie sind auch ein direkter Angriff auf Grundpfeiler der sozialdemokratischen Europapolitik. Sie stehen gegen alles, worauf Sozialdemokraten wie Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky ihre Visionen für ein geeintes Europa gründeten. Auch deshalb wurden diese unschuldigen jungen Menschen zum Ziel dieses Irren.

Plädoyer für den Mut

Unsere Antwort darf nicht Angst heißen. Unsere Antwort muss Mut bedeuten. Wir müssen uns offen gegen die wenden, die ihr eigenes Leben über das anderer stellen. Wir müssen dafür werben, dass die Interpretation der europäischen Idee nicht nur den Buchhaltern überlassen wird. Wir müssen die Vision von Europa mit Leben füllen, wir müssen Europa leben. Wir müssen Europa begreifen als mehr als einen Staatenbund, der nur aufgrund von Marktverpflichtungen miteinander kooperiert.

Europa muss die manifestierte Realität von Toleranz, Offenheit und Solidarität werden. Europa muss sich solidarisch mit den Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt erklären und ihnen Zuflucht bieten. Europa muss den Pluralismus zum Wesen, ja zum Streben seiner Existenz erklären.

Europa ist nicht selbstverständlich, seine Ideen in unserer Gesellschaft noch nicht ausreichend gefestigt. Lasst uns aufstehen und dafür kämpfen! Wir dürfen nicht länger diejenigen in unserer Mitte dulden, die mit Angst und Terror versuchen, die Menschen zu verunsichern.

Für ein starkes, offenes, tolerantes und pluralistisches Europa!

In Gedenken an die 76 ermordeten Menschen. (derStandard.at, 27.7.2011)

Autor

Mathias Richel, The European, der Sozialdemokrat ist Mitglied im "Gesprächskreis Netzpolitik und digitale Gesellschaft des SPD Parteivorstandes" und blogt auf blog.mathias-richel.de.

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Europa wird aber nie die manifestierte Realität von Toleranz, Offenheit und Solidarität werden solange es zugewanderten wie autochthonen Gruppen unter dem Deckmantel ebendieser Werte erlaubt selbige zu ignorieren oder gar mit Füssen zu treten.

Die trifft auf Menschen jedweder Herkunft und Glaubens, Parteien, Konzerne, Glaubensgemeinschaften etc. zu.

Deshalb muß sich Europa zuallererst von der eigenen Scheinheiligkeit und dem Zweckopportunismus verabschieden und die Werte, die es nach Aussen zu vermitteln versucht auch im Inneren umsetzen und vor allem zu ihnen stehen.

Dieses Europa, von dem jetzt so oft geschrieben wird ist doch bei näherer Betrachtung nichts weiter als eine leere Worthülse ohne jeglichen Inhalt.

"Autochthon" sind die "Eingeborenen", die "Ureinwohner" - ich weigere mich, mich von Wangennarben und anderen Neonazis, die einmal ein Ethnologie-Wörterbuch in die Hand bekommen haben, ständig als Dschungelbewohner bezeichnen zu lassen!

Leider ist es derzeit so, dass Toleranz, Offenheit und Solidarität in den Augen vieler Menschen mehr Aufwand als Erleichterung bedeuten.

Man muss den Menschen vor Augen führen, welch positive Auswirkungen ebendiese Werte haben können.

Leider versagt da unsere Gesellschaft auf ganzer Breite: Angefangen von Politikern über die Medien bleibt dem einzelnen fast nichts mehr anderes übrig als an das Versagen der europäischen Idee mit obigen Werten zu glauben.

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Ich denke nicht, daß es der erhöhte Aufwand ist, der die Europäer zweifeln lässt sondern die Scheinheiligkeit der politisch Handelnden.

Wo ist bsp. die Solidarität in Europa wenn Konzerne über das Gedeih und Verderb von 400 Mio. bestimmen.

Wo ist die Offenheit, wenn der Nikolaus aus Kindergärten verbannt wird und minderjährige Europäerinnen zwangsverheiratet werden.

Wo ist die Toleranz, wenn einem Sarrazin (beinahe) verboten wird seine Gedanken zu Papier zu bringen.

Dieses Europa braucht eine Welle der Aufklärung und einen Wertekatalog des gemeinsamen Konsens.

Gegenwärtig ist es das, was es immer war - die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und sonst nichts.

Sarrazins Buch ist nicht einmal beinahe verboten worden, vielmehr wurde darüber, zT recht emotional, diskutiert. Das ist doch genau das, dass sie hier einfordern, Diskussion.
Dabei müssen Sie aber auch zugestehen, dass man eben anderer Meinung, als Sie sein kann.
Das Europa eine Wertediskussion und eine politische Vision, abseits des rein Wirtschaftlichen braucht, ist auch meine Meinung. Nur diese Diskussion sollte dann auch eine sein.

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Die Diskussion über das Sarrazin-Buch ist aber in die völlig falsche Richtung gegangen - nämlich in die "Ja darf er das denn sagen" Richtung.

Dass man anderer Meinung sein kann ist selbstverständlich und erwünscht, aber letztlich muß es möglich sein auch gegen die "political correctness" festzustellen, daß gewisse Gruppen in Europa eindeutig gegen die europäischen Grundwerte leben und handeln.

Wenn jemand offensichtlich rassistisch verhetzt, mit unsauberen Statistiken, aus denen er Trugschlüsse zieht wie am Proletenstammtisch, dann muss man nicht ernsthaft diskutieren, ob er recht hat - sondern ob Bücher, die gezielt rassistische Verhetzung betreiben, verlegt werden dürfen sollten.

Das stimmt nicht ganz, mit diesem Buch wurde sich hauptsächlich inhaltlich auseinandergesetzt. Manche der Kritiker kamen eben zu dem Schluss, dass sie darin eine quasi rassistische Aussage sahen. Das ist genauso zu diskutieren, wurde aber von der anderen Seite sofort als Diskussionsverbot interpretiert.
Auch die Diskussion ob eine Meinung zB rassistisch begründet sei oder nicht, ist zuzulassen!

Sarrazin

die ideologische Basis dieses Wahnsinnigen ist exakt jene Sarazins.
Nun ruft Sarazin nicht zu derlei Gewalttaten auf, ist klar.
Das war die Tat eines Wahnsinnigen, aber warum ausgerechnet mit der kruden Verschwörungstheorie a la Sarazin? In den 80ern hätte er sich womöglich der Esotherik verschrieben, oder anderem Obskurantismus.
Das Wesentliche ist, dass diese neurechte Islamophobie wie die hysterische Xenophobie nichts anders als Rassismus sind. Und dieser Rassismus, von Strache bis Schwedendemokraten aber auch von Fekter bis in die Tiefe der gesellschaft hinein, ist ein gewalttätiger, aggressiver. Dieser Rassismus führt ja nicht nur in Oslo zu tötlicher Gewalt ....

Haben Sie in den 80ern schon gelebt? Das war vor politischer Korrektheit und Gender, da wäre Sarrazin ein Gemässigter im politischen Mainstream gewesen.

In Österreich vielleicht...

...ich bin in den 80ern in Berlin aufgewachsen. Damals wären Sarrazin Thesen nur im Lummer-Flügel der Berliner CDU (auch dann nur hinter verschlossenen Türen) und bei den Republikanern zu hören gewesen.

Damals waren die Grünen (in Berlin hiessen sie AL) noch links.

Richtig. Aber ich glaube, man muss auch sagen, dass es sicherlich eine kleine Basis gibt.

Wenn in Wien 20 türkisch(stämmig)e Jugendliche einen Park besetzen, sehen das halt viele. Die 200 anderen türkischstämmigen Personen die normal ihrem Leben nachgehen sieht keiner.

Und zusätzlich sagt man natürlich, ein Krimineller aus dem Ausland ist kriminell weil das seiner Kultur entspricht und ein inländischer Krimineller ist halt ein Abweichler.

Selten aber doch,

nahezu 100%ige Zustimmung !!!

"Sie sind auch ein direkter Angriff auf Grundpfeiler der sozialdemokratischen Europapolitik. Sie stehen gegen alles, worauf Sozialdemokraten wie Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky ihre Visionen für ein geeintes Europa gründeten."

darf man erfahren, welche "visionen für ein geeintes europa" zb herr kreisky gehabt hat und wo er diese kund getan hat?

"Für ein starkes, offenes, tolerantes und pluralistisches Europa!"

tolerant und pluralistisch aber nur solange es sich nicht um andere meinungen handelt ... und milch und honig sollte auch fließen, oder? ... und gemeint ist wohl ein "starkes sozialdemokratisches europa" ... dream on ... ^^

(wird eh nicht freigeschaltet, gell liebe zensi ... meinungsvielfalt ala standard halt ... ;o) )

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