Guter Rat per Videobotschaft

26. Juli 2011, 19:33
posten

Ein oberösterreichisches Start-up ist dabei, eine Video-Enzyklopädie zu entwickeln, die mit typisch menschlichen Fragen umgehen kann

Informatiker helfen dabei, zwischen Mensch und Maschine zu übersetzen.

* * *

"Du gehst da rein und sagst nicht die erste Zahl. Er, dein Gegenüber, sagt die erste Zahl!" Die Ernährungsberaterin und TV-Moderatorin Sasha Walleczek weiß, wovon sie spricht: Wie Frauen erfolgreich Gehaltsverhandlungen mit einer männlich dominierten Chefetage führen, hat sie aus eigener Erfahrung gelernt. In einem knapp eineinhalbminütigen Video auf der Internet-Wissensplattform Expertaneous verrät sie ihre Tipps. Schließlich tun sich viele andere Karriereplanerinnen - und natürlich auch -planer - dabei schwer.

"Millionen von Berufstätigen müssen jeden Tag die richtigen Entscheidungen treffen. Unsere Plattform soll auf Knopfdruck die Funktion eines externen Mentors übernehmen, der aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung Tipps liefert", präzisiert Hubert Hofmann, der Gründer und Geschäftsführer von Scio Enterprises, die Idee hinter dem Projekt.

Was Expertaneous genau ist - außer ein Arbeitstitel samt einer ersten Beta-Version -, kann aber gegenwärtig noch gar nicht so leicht definiert werden. Erst Anfang 2011 entstand Scio als Start-up-Unternehmen des oberösterreichischen Softwareparks Hagenberg. Bereits im Mai 2011 zählte die Tech Tour Association, eine Vernetzungsplattform für Spitzentechnologie mit Sitz in Genf, diese Firma zu den 25 vielversprechendsten Start-ups Europas. Im Juni ist Expertaneous dann bereits online gegangen - allerdings noch nicht als funktionsfähiges Tool, sondern erst einmal als Demo zu einem ambitionierten Vorhaben.

"Wir sind gerade dabei, die ersten Initialsets mit Experten zu produzieren. In Zukunft werden das ein paar hundert Videos pro Mentor sein", erzählt Hofmann. Auf dieser Wissensplattform - so viel ist schon klar - werden thematisch unterschiedliche Kanäle gebündelt. Management- und Verhandlungstipps kommen zuerst, später folgen Ratschläge für die Gesundheit und die richtige Ernährung.

Ein wesentlicher Unterschied zu sozialen Netzwerken besteht darin, dass sich nicht jeder Videobotschafter selbst zum Experten erklären kann. Das ist auch deshalb notwendig, weil diese Form des Coachings künftig nur gegen eine monatliche Gebühr für den jeweiligen Kanal zur Verfügung gestellt wird.

Hofmann setzt für diesen "Content mit Vorvalidierung" auf gute Kontakte und die Kenntnisse, die er unter anderem während seiner 13-jährigen Tätigkeit als Wirtschaftsinformatiker in den USA gesammelt hat. Die Idee, Expertenwissen von qualifizierten und bekannten Menschen jedermann zugänglich zu machen, hatte er schon vor der Internet-Ära - nur war sie zu diesem Zeitpunkt kaum bis gar nicht realisierbar.

Schlaues Suchfeld

Warum diese Video-Enzyklopädie dennoch kein simples "Bezahl-Youtube für Manager" ist, liegt wiederum an der völlig anders strukturierten Technologie hinter der Plattform. Ein unscheinbares Suchfeld auf der Webseite bündelt dabei quasi die gesamte Forschungsarbeit, die zur punktgenauen Wissensvermittlung nötig ist. Josef Küng vom Institut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW), einer Forschungsstelle der Johannes-Kepler-Universität Linz, erklärt, wie dieses Feld funktioniert.

"Was wir für Scio entwickeln, ist eine Art intelligentes Fragebeantwortungssystem. Gibt der Benutzer etwa ,Wie fange ich Wale?' in dieses Suchfeld ein, bekäme er normalerweise die Rückmeldung: ,Hier gibt es nur Antworten auf Managementfragen!' Das bedeutet, es werden stur Dinge herausgefiltert, die andere Benutzer unter Umständen dennoch als relevant empfinden", meint Küng.

Das wissenschaftliche Patentrezept für die sinnvolle Zuordnung einer Benutzerfrage liegt nun in der Kunst, den richtigen Mix bekannter Verfahren einzusetzen. Erstens kommen dabei Fragehistorien zum Einsatz - dies setzt aber voraus, dass die Plattform bereits viele Benutzer besitzt, die schon einmal Rat erbeten haben.

Begriffsnetzwerk

Zweitens werden semantische, also sinnverstehende Technologien verwendet. Die werden in der Informatik auch Ontologien genannt und bezeichnen die Möglichkeit, über einen Referenzwortschatz Beziehungen zu ähnlichen Begriffen herzustellen. So ein "topic space" - oder Begriffsnetzwerk - ist aber nur so gut wie das Wörterbuch, das ganz zu Beginn eingerichtet wurde. Küng gibt zu bedenken, dass es von vornherein zu eng gefasst sein kann und die Suchabfrage später einschränkt. Deshalb wird als dritte Methode zusätzlich die Statistik eingesetzt.

Aussagen über die Häufigkeit von "wichtigen und unwichtigen" Wörtern sind jener Ansatz, mit dem praktisch sämtliche kommerziell erfolgreiche Suchmaschinen arbeiten. Die sachliche Richtigkeit von Wortkombinationen ist dabei völlig irrelevant. Deshalb können damit von Menschen gestellte Fragen nur schlecht zu bereits vorhandenen und inhaltlich vergleichbaren umgeleitet werden.

Als den wissenschaftlich anspruchsvollsten Teil dieser Forschungskooperation bezeichnet Küng die zukünftige Integration einer Zeitkomponente in die Suche. Aus der Beobachtung der Abfolge von Benutzeranfragen - also wie sich ein Mensch von einer Frage zur nächstlogischen hantelt - lassen sich wertvolle Trends zur besseren Beantwortung ablesen.

Wenden sich Ratlose übrigens mit noch nie formulierten Wünschen an die Experten der Plattform, können die Antwortvideos auch "on demand" produziert werden. Vorausgesetzt natürlich, die Frage hat noch irgendetwas mit dem entsprechenden Wissenskanal zu tun - und könnte auch andere User auf der Suche nach kompetenten Antworten beschäftigen. (/DER STANDARD, Printausgabe, 27.07.2011)

  • Ratgeber in Buchform haben den Nachteil, dass man ihnen keine Frage stellen kann. Im Internet können Fachleute demnächst konkrete Antworten geben.
    illustration: aydogdu

    Ratgeber in Buchform haben den Nachteil, dass man ihnen keine Frage stellen kann. Im Internet können Fachleute demnächst konkrete Antworten geben.

Share if you care.