Falsch vermessender Antirassismus

26. Juli 2011, 19:02
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Wird Wissenschaft durch ideologische Vorannahmen verzerrt? Der US-Forscher Stephen Jay Gould versuchte genau das an rassistischen Schädelvermessungen zu zeigen

Doch womöglich war der Verzerrer Gould selbst.

Es gibt nicht viele Wissenschafter, die es schaffen, bei Die Simpsons Gaststar zu sein. Einer davon war der britische Physiker Steven Hawking, der gleich in mehreren Folgen Auftritte hatte. Ein anderer, dem diese populärkulturelle Nobilitierung zuteil wurde, war der renommierte Harvard-Paläontologe und Evolutionstheoretiker Stephen Jay Gould in Staffel 9, Folge 8. Titel: Der Tag der Abrechnung.

Dem 2002 verstorbenen Gould, der vor allem mit seinen grandiosen populärwissenschaftlichen Essays ein breites Publikum erreichte, droht indes nun selbst eine Abrechnung. Konkret geht es um seinen Klassiker Der falsch vermessene Mensch (1981), in dem sich der auch als Wissenschaftshistoriker tätige Gould kritisch mit dem US-Mediziner und Rassisten Samuel George Morton (1799-1851) auseinandersetzte.

Vermessene Vermessungen?

Morton wurde berühmt (und berüchtigt) dafür, dass er Hunderte von Schädeln vermaß und daraus auf die Gehirngröße schloss. Das machte er in erster Linie deshalb, um Hinweise darauf zu finden, ob die Menschheit auf eine "Rasse"zurückgeht oder ob Gott mehrere verschiedene Rassen in die Welt gesetzt hat.

Gould unterzog Mortons Daten einer Analyse und behauptete 1978 in einem oft zitierten Essay im Wissenschaftsmagazin Science und drei Jahre später in seinem Buch, dass Morton seine Daten gemäß seiner rassistischen Ideologie manipuliert habe, um zu zeigen, dass die Europäern allen anderen "Rassen" überlegen und intelligenter seien. Morton habe seine Daten allerdings wahrscheinlich unbewusst manipuliert, da er gar keine Anstalten unternommen habe, seine Angaben zu verheimlichen.

Der falsch vermessene Mensch wurde mit Preisen ausgezeichnet und leistete der relativistischen Betrachtung von Wissenschaft Vorschub: Goulds Schlussfolgerung war nämlich, dass Forschung, ja selbst wissenschaftliche Messungen durch ideologische Vorannahmen "unabsichtlich" verzerrt sein können.

Nun allerdings behauptet ein US-amerikanisches Team von Anthropologen im Online-Fachjournal PloS Biology (Bd. 9, Nr. 6), dass Mortons Daten korrekt gewesen seien. Vielmehr habe Gould selbst, ein erklärter Antirassist und Antikreationist, bestimmte Angaben von Morton verzerrt, um seine Thesen zu stützen.

Einer der Forscher tat sogar etwas, was sich Gould erspart hatte: Er unterzog Mortons Schädelvermessungen einer Kontrolle. Gemäß Goulds These müsste Morton die Umfänge der nichteuropäischen Schädel verkleinert und die der Europäer vergrößert haben. Bei der Überprüfung zeigte sich aber, dass sich seine Fehler über alle Schädel gleichmäßig verteilten.

Manipulierte Schädelgrößen

Nur die Köpfe der Ägypter, die Morton den "Negern" zurechnete, machte er systematisch größer statt kleiner. Gould hingegen habe beispielsweise ein zu geringes durchschnittliches Schädelvolumen für "Weiße" angegeben, bei jenem der indigenen Völker Amerikas indes übertrieben.

Die Anthropologen um David DeGusta und Jason E. Lewis stellen in ihrem Artikel und nun auch in einem Begleittext für die Zeitschrift New Scientist klar, dass sie sehr wohl Goulds grundsätzliche Bedenken gegen den Rassismus und biologischen Determinismus von Morton teilen würden. Zudem stellen sie klar, dass die ohnehin sehr geringen Unterschiede im Schädelvolumen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in keinerlei Zusammenhang mit deren Intelligenz stehen.

Bleibt die Frage, was ihre Kritik an Gould für dessen These der unbewussten Verzerrung von Wissenschaft bedeutet. Für Morton scheint diese unbewusste Manipulation jedenfalls widerlegt. Wie aber war es bei Gould selbst? Hat er Mortons Daten absichtlich gefälscht oder unabsichtlich hingebogen? Diese Frage lassen die Anthropologen offen. Von einer Verzerrung der Wissenschafter durch voreingenommene Forscher halten sie hingegen wenig, da die Methoden der Wissenschaft genau solche Verzerrungen ausschließen sollten. (Klaus Taschwer /DER STANDARD, Printausgabe, 27.07.2011)

  • Neue Debatte um alte Schädel: Ein US-Arzt und Rassist im 19. Jahrhundert dürfte seine Daten doch nicht manipuliert haben.
    foto: standard/corn

    Neue Debatte um alte Schädel: Ein US-Arzt und Rassist im 19. Jahrhundert dürfte seine Daten doch nicht manipuliert haben.

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