Kenia

Gebete um Regen im Lager der Dürreflüchtlinge

Reportage | Tobias Müller aus Dadaab , 26. Juli 2011, 18:52
  • Artikelbild
    foto: tobias müller

    Tierkadaver und verdorrte Büsche, Staub und flirrende Hitze am Rand des Flüchtlingslagers Dadaab. In der gesamten Region hat es seit nunmehr fünf Jahren nicht mehr richtig geregnet

In Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt, teilen Helfer ihre kargen Rationen mit Hungernden

Mit den Menschen kamen die Vögel. Nicht ein paar, sondern hunderte, schwarz, eineinhalb Meter groß und mit federlosem Kopf, auf dem kein Blut kleben bleibt, wenn sie Kadaver fressen. Sie hocken in den Bäumen, staksen über die ausgedörrte Ebene und hüpfen auf den frischen Gräbern. Die Marabus sind die Geier Dadaabs. "Früher waren sie nicht hier", sagt Shukri. "Sie sehen schrecklich aus."

Shukri lebt seit 20 Jahren in Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt, an der Grenze zwischen Somalia und Kenia. Er kam mit seiner Mutter hierher, nachdem somalische Rebellen seinen Vater erschossen hatten. Heute arbeitet er im Camp für die Hilfsorganisation Care als Flüchtlingsbetreuer. Das Lager wurde 1991 für 90.000 Menschen gebaut, 400.000 sollen derzeit hier leben. Täglich werden es mehr.

Seit die Dürre am Horn von Afrika die Menschen verhungern lässt, kommen pro Tag mehr als tausend Neue an. Weil im regulären Lager, wo es gemauerte Häuser, Wasserstellen und Toiletten gibt, schon seit Jahren kein Platz mehr ist, errichten sie in der Steppe am Rand des Lagers aus Zweigen und Müll ihre Hütten. Das Land glüht in der Mittagssonne, die wenigen Büsche und Bäume, die hier einmal Schatten gespendet haben, sind von den Menschen für Feuerholz gerodet worden. Zwischen den Hütten, wo die Kinder spielen, liegen verendete Tiere. Erdhügel und die Vögel zeigen die Stellen an, wo jene verscharrt sind, denen keiner mehr helfen konnte.

Zwölf Tage Fußmarsch 

Adej (70) ist seit sechs Tagen hier. Sie hat einst Mais angebaut und Ziegen und Rinder gehütet in Dinsor in Somalia. Als das letzte Tier verhungert und alle Felder verdorrt waren, hat sie sich auf den Weg gemacht, zusammen mit ihren Kindern, Enkeln und allen anderen aus dem Dorf. Unterwegs wurden sie von Banden ausgeraubt, die Männer geschlagen, die Frauen vergewaltigt. In Dörfern bekamen sie etwas Nahrung und Wasser, andere Flüchtlingen wiesen ihnen den Weg.

Nach zwölf Tagen Fußmarsch erreichten sie Dadaab. Sie ist überglücklich, hier zu sein, sagt Adej, auch wenn sie immer noch kaum etwas zu essen hat. Auf dem Weg ist keines ihrer Enkel oder Kinder gestorben - die meisten anderen Mütter und Großmütter hatten nicht so viel Glück. 80 Prozent der Neuankömmlinge sind Frauen und Kinder, die Männer bleiben meist mit dem letzten verbliebenen Vieh zurück.

Nur wer hier offiziell registriert ist, kann sich regelmäßig Mais, Mehl und Linsen bei den Essensausgabestellen holen - doch Adej will sich nicht gar nicht erst melden, weil sie es für sinnlos hält. Wer heute ankommt, der bekommt von den Ersthelfern einen Registrierungstermin im September. Sie hat hier einen Verwandten getroffen, der seine Rationen teilt und sie mit den Kindern in seinem Zelt schlafen lässt.

Ohne die Hilfe der alten Lagerbewohner würden viele Neuankömmlinge sogar hier verhungern. Auch Flüchtlingshelfer Shukri hat neue Flüchtlinge in seinem Haus aufgenommen, zwei Familien wohnen derzeit bei ihm, seiner Mutter und seinen acht Geschwistern. "Es ist schrecklich, wenn ich in die Gesichter der Menschen sehe", sagt er.

Chance bei Care 

Als er 1991 hierher kam, gab es genug zu essen und Häuser für alle. Er konnte hier in die Schule gehen und Englisch lernen. Seit zwei Jahren arbeitet er für Care und verdient dabei 40 Euro pro Monat. Insgesamt 2000 alteingesessenen Bewohnern bietet die Hilfsorganisation im Lager Arbeit. Die Zukunft der Neuen ist ungewiss.

Die kenianische Regierung will Dadaab offiziell nicht erweitern, weil sie fürchtet, dass dann noch mehr Flüchtlinge aus dem Nachbarland kommen. Sie will die Hungernden lieber in Somalia mit Essen versorgen, bevor sie die Grenze passieren - was aber derzeit kaum möglich ist, da die islamistische al-Shabaab-Miliz nur wenige Helfer in jene Landesteile lässt, die sie kontrolliert und die am schlimmsten vom Hunger betroffen sind. So lange das so bleibt, hilft den Menschen nur die Flucht - oder der Regen.

Seit fünf Jahren aber hat es hier nicht mehr richtig geregnet, auch wenn fast täglich schwarze Wolken über Dadaab ziehen und die Flüchtlinge verhöhnen. Shukri kann sich noch gut erinnern, als sie das letzte Mal ihr Versprechen gehalten haben, das war im August 2010. Für einige Minuten fielen ein paar Tropfen vom Himmel.

Seither betet er täglich um Regen. Frühestens im September könnte er laut Meteorologen erhört werden. Die Menschen hier werden auch dann nicht gehen - vielleicht aber die schrecklichen Vögel. (Tobias Müller, DER STANDARD Printausgabe, 27.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 97
1 2 3
Grammelschmalzbrot
11
27.7.2011, 12:15
Wer heute ankommt, der bekommt von den Ersthelfern einen Registrierungstermin im September

Da müßen wohl österreichische Beamte am Werke sein!

;-)

Balduin
10
27.7.2011, 11:44
Ein Königreich für einen Bewässerungsbrunnen.

Ach wenn wir doch bloß die Entwicklungshilfe für solche Dinge verwendet hätten. Aber Sarkasmus beiseite - natürlich können die Menschen vor Ort nur bedingt was dafür. Mit größeren Projekten sind einzelne oder kleinere Gruppen eben überfordert. Andererseits könnte man ab und an schon ein wenig Entwicklung in die richtige Richtung erwarten. Bei allen asiatischen Völkern funktionierts, warum dann nicht in Afrika.

emma goldman
11
27.7.2011, 16:47

"Bei allen asiatischen Völkern funktionierts":

PHILIPPINES: Starvation in all parts of Philippines requires immediate government action (2005)
LOST LIVELIHOODS
Starvation persists in Orissa (2008)
32 million Indonesians face starvation (1998)
http://southmovement.alphalink.com.au/southnews... onesia.htm
13 million children suffer from starvation in Indonesia today http://www.topix.com/forum/wor... MSN3TH6DBO

etc.etc.

Salz Burger
11
27.7.2011, 17:52

Natürlich kann es überall Probleme geben. Diese Asiaten haben es aber inzwischen geschafft, moderne Großstädte zu bauen in denen Menschen in Wohlstand leben.
So was scheint es in Somalia nicht zu geben.

emma goldman
00
28.7.2011, 22:29

geh bitte, all das oben genannte zur problematik der ernährung in asien stammt aus den letzten paar jahren.

Und Städte?

luanda
http://www.youtube.com/watch?v=Y... re=related
Lagos
http://www.youtube.com/watch?v=RSKvgU3TEm4
Abuja
http://www.youtube.com/watch?v=nvGgMLmMvow
etc. etc.

Sie sollten einmal ihren Ballast an eingerlernten Kindervorurteilen abwerfen.
Genauso wenig wie Laos, Kambodscha, oder Afghanistan mit China oder Südkorea zu vergleichen ist.
Genausowenig sind Nigeria, Ghana oder Angola mit Äthiopien oder Somalia zu vergleichen.

viel interessanter ist darüber hinaus ohnehin dies:
http://www.youtube.com/user/Sefi... nd=14&ob=5

fahrenheit 451
10
27.7.2011, 13:41

och brunnen wurden schon gegraben. nur war der effekt nicht dass die vorhandenen herden besser versorgt wurden sondern die herden erweitert wurden. in afrika zählt die anzahl und nicht der zustand der tiere als besitz. tja und dann ist die dürre gekommen.

ok die brunnen wurden nicht in somalia gegraben (dort kommt wegen den radikalislamischen fundis keiner hin bzw lebend nur selten zurück) aber gegraben wurden sie....

Ruskij
12
27.7.2011, 12:50

Ein Problem in Afrika sind die vielen untereinander verfeindeten Stämme. Hat ein Stamm einen Brunnen bekommen, versuchen die anderen, diesen unter Kontrolle zu bekommen.
Ein weiteres Problem sind auch die Militärs bzw. sonstige Machthaber, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel versuchen, die Leute klein zu halten.
In Asien haben die Nationen im Allgemeinen ein viel stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl, da hat man (zumindest als Außenstehender) den Eindruck, dass alle an einem Strang ziehen, um für die Gemeinschaft das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Salz Burger
20
27.7.2011, 17:53

Glücklicherweise sind wir Europäer durch die Mitgliedschaft bei der EU gerade dabei, die letzten Reste dieses Stammesdenkens zu überwinden. Wenn es auch in manchem Kleindenker noch tief drin steckt.

Mathias
 
14
27.7.2011, 11:20
... was aber derzeit kaum möglich ist, da die islamistische al-Shabaab-Miliz nur wenige Helfer in jene Landesteile lässt ...

Und was gedenkt die UNO gegen diese "Rassisten" zu unternehmen?

Wie kann man Hilfsgüterlieferungen abweisen ... ach das ist hier nicht Israel, somit haben die meisten eh kein Problem damit ...

emma goldman
31
27.7.2011, 16:49

"Und was gedenkt die UNO gegen diese "Rassisten"

Erläutern Sie bitte. Die hassen Europäer oder wie?

parapente
53
27.7.2011, 10:42
Na ja,

Gebete um Regen werden schon helfen.
Halleluja!

Piefke in Tirol
15
27.7.2011, 12:39
Schaden tun sie aber auch nicht! Amen! :-))

Salz Burger
53
27.7.2011, 13:41

Sie schaden schon, weil sie falsche Hoffnungen wecken und wertvolle Zeit verplempert wird.

oberspirito
01
Gottloser Mensch?

dideldumdideldei
12
27.7.2011, 12:51
Pasta für alle. Ramen!

Wolfgang Lederbauer1
04
27.7.2011, 10:08
Seit die Dürre am Horn von Afrika die Menschen verhungern lässt, kommen pro Tag mehr als tausend Neue an....Seit fünf Jahren aber hat es hier nicht mehr richtig geregnet...

Wie könnte man dieser armen Bevölkerung helfen?

Durch innovative Lösungen. zB.:

- Vorgefertigte, rasch zu errichtende, gegen Hitze gedämmte Hauselemente

- Rasch zu errichtende Brunnen

- Schutz gegen Hochwasser

etc.

Entsprechende Konzepte für das rasche Errichten Untrekünften und von Brunnen ( innerhalb weniger Tage bis 50 m Tiefe und mehr ) haben wir erarbeitet. Nun müßte eine intensive Forschungs- und Entwicklungsphase beginnen und sofort Testprojekte errichtet werden.

http://so-for-humanity.com2000.at

Walter Mardaus
25
27.7.2011, 10:50

Die Menschen dort wollen das nicht. Sie wollen leben wie seit Hunderten von Jahren. Und sie vertrauen auf Allah. Also lass sie endlich in Ruhe.

Barbarin
30
27.7.2011, 17:57
Sie urteilen und machen sich lustig über das Leid von anderen?

...haben Sie den Verstand verloren, das zu posten, Sie arbeitsloser Schmarotzer!?

(Zensi, das ist nur ein Aufweck-ruf an den Poster...ich kenne ihn nicht, kann es also nicht wissen!)

Meine Vergleich verstanden, Sie Möchte-gern-Mensch, ohne Herz, E**r und soz. Intelligenz?

Salz Burger
10
27.7.2011, 13:43

Ja, wenn es so schlimm ist, ist diesen Leuten eh nicht zu helfen.

Marcus Octavio
 
11
27.7.2011, 12:49
sie menschenverachtender zyniker. schämen sie sich.

< silence >
08
27.7.2011, 10:27
Beispiel aus der Praxis

Eine Bekannte hat mit viel Einsatz in Kenia einen Brunnen finanziert (Spenden) und dort errichten lassen.
Kurze Zeit später hatte sich diesen Brunnen irgendein lokaler Hero unter den Nagel gerissen und von den anderern kräftig für dessen Benützung kassiert. Nur mit Mühe konnte der Brunnen wieder der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Ob das allerding heute noch so ist weiss ich nicht.
Wissen sie was das Problem ist? Kein Gemeinschaftsgefühl, kein Zusammenhalt, keine Vertragsqualität. Diametral wie z.B. In Japan auf die Krise reagiert wurde.

Heefcleeve
11
27.7.2011, 10:14

Alles schön und gut. Aber erst mal lebend dort ankommen.

< silence >
00
27.7.2011, 10:02
Was mich irritiert...

Die Männer blieben zurück mit den TIEREN?
Die alte Dame baute Mais an und hatte Ziegen und Rinder?
Wie kann man in einem dürren Land auch noch Viehzucht betreiben, die den Menschen die Ernte wegfressen?
Wieso werde die Tiere nicht geschlachtet, wenn sich Hungersnot abzeichnet? Die Frauen werden mit den Kindern auf den Todesmarsch geschickt, die Männer bleiben mit dem Steak daheim.
irgendwie unlogisch.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 97
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.