Rechnen gegen die Hungersnot

Kurt de Swaaf , 26. Juli 2011, 18:31

Die Hungerkatastrophe südlich der Sahara kommt nicht unerwartet: Afrika hat ein chronisches Ernährungsproblem

Wissenschafter erforschen die Ursachen und suchen nach Wegen aus der Not - unter anderem mit einem System zum Aufspüren von Hotspots.

* * *

Es ist wieder soweit. Auf dem afrikanischen Kontinent droht wieder eine gewaltige Hungerkatastrophe, vermutlich die schlimmste seit zehn Jahren, und eigentlich kann niemand sagen, sie breche unerwartet herein. Am 20. Juli schlugen das internationale Frühwarnnetzwerk Fews Net und mehrere Hilfsorganisationen Alarm. In zwei Regionen Süd-Somalias sei akute Hungersnot ausgebrochen, hieß es. Man erwarte eine Ausweitung des Hungers auf den gesamten Süden des Landes. Mindestens 3,2 Millionen Menschen bräuchten sofortige, lebensrettende Hilfe. In den vergangenen drei Monaten seien bereits Zehntausende gestorben.

Das Problem ist ein grenzübergreifendes. Es sind auch große Gebiete in Äthiopien, Uganda und Kenia von Nahrungsmittelmangel betroffen, und auch hier droht die Lage zu eskalieren. Insgesamt, so schätzen Experten, sind in Ostafrika rund zwölf Millionen Menschen in Gefahr. Dennoch liegt das Epizentrum des Desasters unbestreitbar im südlichen Teil Somalias, ein Gebiet, in dem ohnehin schon Dauernotstand herrscht. "In Somalia hat man die schlimmste Kombination: Bürgerkrieg, Dürre und Armut", meint der Geograf Steffen Fritz vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg bei Wien im Gespräch mit dem STANDARD.

Fritz war selbst als Freiwilliger in der Entwicklungshilfe tätig und arbeitet heute unter anderem an der Entwicklung von landwirtschaftlichen Informationssystemen. Vieles von dem, was Hunger verursacht, lässt sich mittlerweile gut in Modellen erfassen und analysieren. So hat der Forscher zusammen mit Kollegen aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und den USA ein System zum Aufspüren von bestehenden und zukünftigen Hunger-Hotspots für Afrika südlich der Sahara erstellt (vgl. Global and Planetary Change, Bd. 64, S. 222).

Kombinierte Daten

Die Wissenschafter kombinierten Daten zu Bevölkerungswachstum, Bruttoinlandsprodukt und sozialer Entwicklung miteinander. Dazu kamen detaillierte Angaben über den Gesundheitszustand der Menschen, die Klimabedingungen inklusive deren möglicher Veränderungen sowie Daten über die landwirtschaftliche Produktion in jeder Region.

Die Ergebnisse lassen nicht viel Gutes erahnen. Zwar könnte sich in manchen Ländern wie Nigeria und Angola die Ernährungssituation zukünftig entspannen, aber in vielen anderen Gebieten wird weiterhin stets Hungersnot drohen. Solche dauerhaften Hunger-Hotspots liegen in Äthiopien, Uganda, Ruanda, Burundi, Niger und Madagaskar. Teilen von Tansania, Mozambique und dem Kongo steht in Zukunft wachsender Hunger ins Haus, wenn sich die aktuellen demografischen und sozioökonomischen Entwicklungen nicht bessern. Für Somalia, sagt Steffen Fritz, ist die Datenlage sehr schlecht. Dadurch seien fundierte Prognosen kaum möglich.

Positiver Klimaeffekt

Interessanterweise zeigt die Analyse auch einen unerwarteten, positiven Aspekt auf. Für die wichtigen Nutzpflanzen Hirse, Reis und Mais könnten die Erträge vielerorts trotz Klimaerwärmung steigen. Ausgelöst wird dies durch die steigende CO2-Konzentration der Atmosphäre. Das Kohlendioxid kurbelt das Pflanzenwachstum an, ein Effekt, der in früheren Studien zur Auswirkung des Klimawandels auf die Landwirtschaft in Entwicklungsländern nicht berücksichtigt wurde.

Die wärmeliebende Hirse wird vermutlich sogar direkt von den steigenden Temperaturen profitieren - der Weizenanbau allerdings darunter leiden. Insgesamt dürfte das Nahrungsangebot aus lokaler Produktion um 1,6 bis 3,3 Prozent wachsen. Für die Menschen bedeutet das jedoch nicht weniger Hungergefahr, erklärt Steffen Fritz. Das Plus wird höchstwahrscheinlich von den rapide zunehmenden Bevölkerungszahlen wieder zunichte gemacht.

Trotz der komplexen Ursachen von Nahrungsmangel scheint der unmittelbare Auslöser der momentanen Not in Ostafrika, der Funken im Pulverfass sozusagen, ein Naturphänomen zu sein: La Niña. Dabei handelt es sich um eine unregelmäßig auftretende Meeresströmung, die im östlichen Pazifik außergewöhnlich viel kaltes Wasser aus der Tiefsee an die Oberfläche spült. Ähnlich wie ihr wärmeres Gegenstück, El Niño, hat La Niña weltweite Auswirkungen auf das Wetter. So fällt etwa der Monsun in Nordwest-Indien in La-Niña-Jahren meist stärker als normal aus. In Nordostafrika dagegen bleibt es dann oft trocken. Und das kann schlimm enden.

Bereits im Oktober 2010 meldeten Ozeanografen das Einsetzen von La Niña. Im vergangenen Herbst fehlte in Somalia dann der so genannte Deyr-Regen. Die Winterernte fiel aus, und das Vieh von Hirtenfamilien fand immer weniger Futter. Erste Warnungen hinsichtlich der Hungergefahr gab es dann Ende 2010, berichtet Steffen Fritz. Die Fachwelt wusste, dass es wahrscheinlich zu weiteren Regenausfällen kommen würde.

Bedrohte Hirtenvölker

"Man konnte die Hungerkatastrophe also ahnen, aber das Ausmaß noch nicht exakt vorhersagen." Ab April sei die Lage allerdings klar gewesen. Zu diesem Zeitpunkt zeigte sich das weitgehende Ausbleiben der Gu, des Frühlingsregens. Das bedeutete: Auch die Sommerernte würde missraten und viel Vieh verenden. "Ab da hätte man intervenieren können", sagt Fritz.

Wenn die internationale Hilfe schnell und effizient eingreift, könnte es noch gelingen, vorerst hunderttausende Menschenleben zu retten. Gelöst sind die Probleme damit allerdings nicht. "Es sieht nicht gut aus", sagt Steffen Fritz. "Vor allem die Hirtenvölker sind bedroht, weil ihre Ernährung stark von Milch abhängt. Auch wenn es wieder anfangen sollte zu regnen, wird es lange dauern, bis sie neue Herden aufgebaut haben."

Und sogar dann drohen stets neue Katastrophen. Die heute betroffenen Regionen werden immer wieder von Dürren heimgesucht, auch ohne Klimawandel. Es braucht also langfristige Lösungen. Das Elend muss an seiner Wurzel, der Armut, angepackt werden. "Kaufkraft", betont Fritz, "ist ein wichtiges Element. Die Katastrophe wäre nicht da, wenn die Leute ein bisschen Geld hätten." Damit ließen sich Nahrungsmittel von außen zukaufen.

Innovationen als Ausweg

Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage liegen unter anderem in landwirtschaftlicher Innovation. Neue Anbaumethoden, effektive und sparsame Bewässerung sowie der Einsatz von trockenresistenten Pflanzensorten und Kunstdünger könnten vielerorts Abhilfe schaffen. Wichtig wäre jedoch auch die zumindest teilweise Befreiung aus der Subsistenzwirtschaft, der Abhängigkeit von der Produktion für den Eigenbedarf.

Steffen Fritz kennt dies aus seiner eigenen Arbeit als Freiwilliger. In der kenianischen Region am Ostufer des Viktoriasees wurde früher hauptsächlich Mais und Sorghum angebaut. Jetzt produzieren die ersten Bauern in größeren Mengen die Energiepflanze Jatropha und verdienen damit Geld. "Das Gebiet ist zurzeit auch von der Dürre betroffen", berichtet Fritz. Doch die Menschen hungern nicht - dank ihres neuen, bescheidenen Wohlstands. (Kurt de Swaaf /DER STANDARD, Printausgabe, 27.07.2011)

Kommentar posten
11 Postings
Andreas Exner2
00
Jatrophe ist problematisch - Subsistenz ist zu stärken!

Der Artikel zielt in eine ganz falsche Richtung.

Die erwähnte Jatropha-Pflanze ist erwiesenermaßen eine Täuschung, wie ich in "Die Legende der Hl. Jatropha" belege: http://www.social-innovation.org/?p=2886

Das Hungerproblem in Afrika resultiert weiteres gerade aus der zu geringen Subsistenz, wie ich hier argumentiere: http://www.social-innovation.org/?p=2715

Schließlich sind in Afrika vielerorts in der Tat drastisch rückläufige Erträge aufgrund des von uns (globaler Norden) verursachten Klimawandels zu erwarten.

Dass der Standard derartig gefährliche Täuschungen verbreitet, ist in höchstem Maße kritikwürdig.

3dGeist
01
28.7.2011, 19:23

Das größte Problem in Afrika ist die Korruption.
Nichts geht ohne Schmiergeld, nichteinmal die Hilfslieferungen.
So kann es keine wirtschaftliche Entwicklung geben.

molekühl
00
28.7.2011, 14:01

"Die Katastrophe wäre nicht da, wenn die Leute ein bisschen Geld hätten."
Meine Worte. Wenn jeder Mensch auf einen gefüllten Kühlschrank achten würde, gäbe es keinen Hunger mehr auf de Welt, sag' ich immer. Nur - ich meine es halt nicht ernst, andere offenbar schon.

Bastardl
00
27.7.2011, 16:48
Kunstdünger als Innovation...

Weiß nicht, aber hat sich da schon schon einmal jemand mit Perma-Kultur beschäftigt - oder eben wirklich innovativen Landwirtschftsmethoden?
Habe da einmal ein wirklich schönes Projekt gesehen: Trichter (groß) ausheben, quasi versiegeln und auf den aufgeschütteten Erdreich diverse Planzen (zunächst Palmen und Sträucher gegen Dünen, dann Lebensmitteln) zur Verfestigung ansiedeln. Durch das gesammelte Kondenswasser entsteht in der MItte ein "Teich" insgesamt eine Oase...

Andreas Exner2
00
27.7.2011, 14:53
Hunger in Afrika, Klimawandel und Land Grab. Über imperiales Denken und sozial-ökologische Fakten

Ich finde den Artikel z.t falsch und z.t. verkürzt. Hier versuche ich eine adäquatere Sicht:
http://www.social-innovation.org/?p=2715

Sifu Lee
20
27.7.2011, 13:02

lesen Sie Jean Ziegler!

Chris Quast
02
28.7.2011, 17:08

mäck, mäck, naja jedem sein liebkind.

ich frag immer wieder gerne wie sollen die 6 mrd zusätzlichen menschen ernährt werden mit denen er immer hausieren geht.
zuletzt auch wieder in seiner "nichtgehaltenen" salzburgerfestspiel eröffnungsrede.

er verweist auf einen world-food-report ? es gibt einen world wealth report (ganz was anderes ;-)), aber google tut sich ein bissal schwer beim world food report

Der Kluge
01
28.7.2011, 20:40

westliche Landwirtschaftssubventionen, 12 Mrd Menschen möglich, Lebensmittelspekulation

Immer die gleichen sachlich falschen Phrasen der 1968er-Linken...

Johannes Benn
00
27.7.2011, 11:47
.

es ist doch einfach nur noch laecherlich. die klimamodelle werden von tag zu tag komplexer, ein effekt nach dem anderen wird eingerechnet und die endrechnung bleibt so willkuerlich wie eh und jeh.
auf diesem weg laesst sich das problem nicht loesen. naheliegend ist die voelker der selbstverantowrtung zu uebergeben

Cayenne69
01
27.7.2011, 13:27
"naheliegend ist die voelker der selbstverantowrtung zu uebergeben"

du meinst die "verantwortung" der milizen ?

Chris Quast
01
28.7.2011, 17:03

hmmm, schwierige frage, willst du oder angehörige den schädl hinhalten ?

oder ist da der ami wieder recht.

doppelt fein, denn man (der europäer im allgemeinen) braucht sich selbst die fingerlein nicht schmutzig machen, und wenn es nicht so läuft hat man einen altbewährten sündenbock

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.