Wirbel um Saukopf vor Moschee

26. Juli 2011, 18:43
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Polizei ermittelt im Bregenzerwald gegen Unbekannte

Reuthe - Dreißig Jahre hatten die Muslime der Bregenzerwälder Dörfer Bezau und Reuthe ihr Gebetshaus im Personalgebäude des größten Holzverarbeiters der Region. "Dreißig Jahre hatten wir keine Probleme", sagt die Bezauerin Selvi Alkan. Seit der Verein ATIB (Österreichisch Türkisch Islamischer Bund) im Frühling ein leerstehendes Gasthaus an der L 200 gekauft hat und nun zum Gebetshaus und Treffpunkt umbaut, ist es mit der Ruhe vorbei:

Im April wurde ein Hakenkreuz in die Eingangstür geritzt, im Mai schlugen unbekannte Täter Fensterscheiben ein, und vergangenen Samstag kam es "zur wohl größten Beleidigung, die man Muslimen zufügen kann" (Uta Bachmann, Leiterin des Landesamts für Verfassungsschutz). Unbekannte legten einen Schweinskopf vor die Haustüre. "Der Kopf war zwar gebraten", versucht Ahmet Kartal, Obmann von ATIB, zu scherzen, "aber Geschenk wollte man uns damit keines machen."

"Was kommt als Nächstes?"

Nach den Vandalenakten vom Frühjahr wollte man diesen Übergriff nicht mehr hinnehmen und erstattete Anzeige. "Weil wir uns die Frage gestellt haben: 'Was kommt als Nächstes, wenn wir nichts tun?'", begründet Selvi Alkan. Nun sind die Muslime mit Unverständnis im Dorf konfrontiert. Wegen einem "Suukopf" mache man nicht so ein Theater, höre sie immer wieder, sagt Alkan. "Noch schlimmer sind die Postings auf Vorarlberg online." Da wird ATIB unterstellt, finanziert von der türkischen Regierung, den Bregenzerwald erobern zu wollen. "Wir arbeiten hart für unser Haus, bekommen nichts aus der Türkei", stellt Alkan klar.

In Reuthe leben muslimische und christliche "Wälder" mehr neben- als miteinander. Fritz Rüf, Pensionist und Leiter des Kolpingvereins, organisiert die örtliche Integrationsgruppe: "Die ist noch im Aufbau begriffen. Wir wollen mehr Verständnis für die jeweilige Kultur schaffen."

Versteckter Rassismus

Während Bürgermeister Arno Scharler keine Ausländerfeindlichkeit im 670-Menschen-Dorf ortet, ist Rüf kritischer: "An der Oberfläche schaut alles gut aus. Die Ausländerfeindlichkeit ist versteckt." Man rede nicht wirklich miteinander. "Der ganze Wirbel ist entstanden, weil die Muslime nun ein Gebetshaus an der Straße haben", vermutet Rüf. Sie seien sichtbar geworden und mit ihnen auch der Halbmond an der Hausfassade. Das störe einige, wie man an Stammtischen hören könne.

Der Schweinskopf ist aus Rüfs Sicht "eine besoffene Aktion" von Menschen, "die nicht wissen, was sie damit anrichten". Man sollte den Vorfall öffentlich diskutieren, sind sich Rüf und Alkan einig. Die Polizei ermittelt. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 27.7.2011)

  • Ein Schweinskopf bringt Unruhe: Reuthe in Vorarlberg
    foto: mohr

    Ein Schweinskopf bringt Unruhe: Reuthe in Vorarlberg

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