"Glück gehabt, ich bin keine Türkin"

Interview26. Juli 2011, 18:36
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Radikale Jugend und bankrotte Künstler - Autorin Julya Rabinowich traf Sozialminister Rudolf Hundstorfer

Standard: Ist man als Künstlerin ein Fall für den Sozialminister?

Rabinowich: Das kommt darauf an, wo man sich mit seiner Kunst angesiedelt hat. Hat man Glück, eine breite Öffentlichkeit ...

Standard: ... und Müllverbrennungsanlagen verziert ...

Rabinowich: ... dann braucht man sicher keine Unterstützung. Ob die Kunst dann so wertvoll ist, lassen wir hintangestellt. Aber ich kenne auch viele Kollegen, von denen man nicht einmal mehr sagen kann, sie lebten von der Hand in den Mund. Das ist mehr ein Lavieren am Rande des Bankrotts.

Standard: Ein Drittel der Künstler lebt unter der Armutsgrenze. Ist das keine wichtige Wählergruppe?

Hundstorfer: Natürlich sind Künstler unsere Klientel. Wir haben mit dem neuen One-Stop-Shop in der Sozialversicherung auch einen wichtigen Schritt zu einer besseren Absicherung getan. Aber klar ist auch: Der Anspruch, von Anfang an von Kunst leben zu können, ist unrealistisch.

Rabinowich: Wer Künstler werden will, muss dieses Risiko kennen: Die Freiheit ist nicht umsonst.

Standard: Können Sie denn vom Schreiben leben?

Rabinowich: Seit einem Jahr bin ich erstmals so weit. Das ist mit einem gewissen Stress verbunden, der mich gleichzeitig vom Schreiben abhält. Ich kann mir nicht leisten, eine Lesung ausfallen zu lassen, und bin schon mit Grippe auf der Bühne gesessen. Aber ich habe mir den unsicheren Weg ausgesucht, das können viele andere nicht von sich behaupten.

Standard: Halten Sie Österreich nicht für ein soziales Musterland?

Rabinowich: Nein, ich sehe einige Abgründe klaffen. Bildung ist oft immer noch eine Frage von Einkommen. Kinder, die von niemandem Unterstützung bekommen, bleiben auf der Strecke, überforderte Lehrer kapitulieren. In Wiener Bezirken wie dem 15. schlummert großes Konfliktpotenzial, und die FPÖ bohrt genau dort hinein. Frustrierte junge Menschen werden radikal. Das ist ein dickes Pulverfass.

Hundstorfer: Ja, wir müssen hinschauen, sonst erleben wir eine Radikalisierung im großen Stil. Gewaltbereitschaft und soziale Verwahrlosung nehmen zu, immer mehr Jugendlichen fehlt Hilfe von den Eltern. Österreich sticht mit diesem Problem nicht hervor, wir brauchen zum Glück keine Security in den Schulen. Aber wir haben einen Rückschritt erlitten, als in den Jahren 2000 und 2001 die Begleit- und Stützlehrer massiv abgebaut wurden.

Standard: Schwarz-Blau-Orange regiert seit fünf Jahren nicht mehr - die Lehrer aber klagen immer noch über fehlende Unterstützung.

Rabinowich: Allein die Anwesenheit von Sozialarbeitern würde an Schulen irrsinnig viel bewirken. Jugendliche Kriminelle kommen später wesentlich teurer.

Hundstorfer: Sozialarbeit an den Schulen ist zweifellos ausbaufähig - auch im roten Wien ist da nicht alles auf dem letzten Stand. Wir implementieren aber gerade ein neues Coaching-Programm an Schulen. Ziel: Einen Monat vor Ende der Schulpflicht soll jeder Jugendliche wissen, wie es weitergeht.

Rabinowich: Für meinen Geschmack investiert das Land da viel zu wenig. Die Leute treibt ja nicht das Bedürfnis, gemein, böse und rassistisch zu sein, sondern schlicht die Verunsicherung und die fehlende Bildung.

Hundstorfer: Da und dort mag es noch zu wenig sein, aber in meinem Bereich pulvern wir 500 Millionen Euro im Jahr in Bildung und Ausbildung - das ist sehr viel. Es gibt eine Ausbildungsgarantie, überbetriebliche Lehrwerkstätten, Produktionsschulen mit integrierter Sozialarbeit, wo es darum geht, überhaupt einen geregelten Tagesablauf zu lernen.

Rabinowich: Integrationsmaßnahmen müssten auch auf die Eltern abzielen, die es manchen Kindern schwermachen. Ich habe das bei einem Bekannten erlebt, der aus einer Bauernfamilie aus Exjugoslawien stammt. Während seine Brüder Hilfsarbeiter wurden, hat er ein Studium abgeschlossen - und dabei seine Familie verloren. Die konnte mit ihm nichts mehr anfangen.

Standard: Bei Ihnen hat die Integration aber offenbar geklappt.

Rabinowich: Wir sind zu einer anderen Zeit gekommen, gehörten als Russen zu einer exotischen Minderheit - und fühlten uns tatsächlich willkommen. Meine Eltern waren gebildet und wollten sich unbedingt wieder auf dem gleichen Niveau einklinken. Aber selbst mit mangelhaftem Deutsch habe ich mitgekriegt, dass das türkische Gastarbeiterkind in der Rangordnung so was von unten stand - worüber ich mich als kleines Arschloch gefreut habe, weil ich ja was Besseres war. Doch es kann in der Schule etwas nicht stimmen, wenn sich eine Achtjährige denkt: "Puh, Glück gehabt, ich bin keine Türkin."

Standard: Warum gerade Wien?

Rabinowich: Eigentlich waren wir, ein Hybrid aus Auswanderern und Flüchtlingen aus der UdSSR, auf dem Weg nach Amerika. Doch dann hat ein Albtraum meinen Vater von diesem Ziel abgebracht: US-Präsident Jimmy Carter hat ihm eröffnet, das Künstler in Amerika oft Straßenkehrer werden. Solche absurde Geschichten sind typisch für meine Familie.

Standard: Was haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen?

Rabinowich: Sehr weit von ihnen habe ich mich nicht wegbewegt. Anfangs habe ich genauso wie sie gemalt, nur wurde jede meiner Bewegungen eifersüchtig kartografiert: "Mach nichts anderes als wir, aber sei ja nicht besser!" Auf Dauer war das nicht lustig, also habe ich die Sparte gewechselt.

Hundstorfer: Mein Vater war Betriebsrat, meine Mutter Fürsorgerätin. Das war eine ehrenamtliche Tätigkeit, die es heute nicht mehr gibt - eine Art wandelnde Außenstelle des Sozialamts in einem Grätzel. Dadurch habe ich die Grundsozialisation mitbekommen, auch für andere da zu sein.

Standard: Und Ihre Eltern haben gesagt: "Bua, du wirst Lehrling" ?

Hundstorfer: Nein, da war ich auch selber "schuld" , weil ich es in der Schule habe schleifen lassen. Dass ich mich nachträglich aber ins Bundesgymnasium für Berufstätige eingeschrieben habe, war schon aus eigenem Antrieb.

Standard: Hat aber nicht ganz geklappt, oder?

Hundstorfer: Nicht ganz. Aber die Schmalspurvariante, die Externistenmatura, habe ich dann doch geschafft. Die hatte einen entscheidenden Vorteil: kein Latein. Diese Matura wurde nur im öffentlichen Dienst anerkannt, für meinen Lebensweg hat das gereicht.

Standard: Wo haben Sie als Lehrling angefangen?

Hundstorfer: Meine ersten sechs Monate arbeitete ich im Franz-Josef-Spital, in der Materialverarbeitung. Seitdem liebe ich Spitäler als Gesamtkunstwerke.

Rabinowich: Da haben wir etwas gemeinsam. Sowohl als Patientin als auch als Dolmetscherin für Flüchtlinge habe ich in Spitälern berührende Erfahrungen gemacht - und nie Rassismus erlebt.

Standard: Ist Ihr letztes Buch, in dem eine Patientin einem Chirurgen nachstellt, autobiografisch?

Rabinowich: Nein! Ich habe zwar heftig recherchiert, bin aber nie nackt in einen OP-Saal gestürmt.

Standard: In Ihrem Text beim Bachmannpreis haben Sie ein anderes Leibthema des Ministers aufgegriffen: die Pflege. Warum?

Rabinowich: Weil die Lage der illegalen Pflegekräfte verheerend ist - das ist auch eine Herausforderung für die Politik. Selten werden Abhängigkeiten so offenbar wie in einem derartigen Arbeitsverhältnis: keine Kontrolle, schlechte Bezahlung, jeder ist auf den anderen angewiesen. Das eröffnet ein weites Feld an Grausigkeiten, die ich porträtieren kann.

Hundstorfer: Ich bestreite, dass die Realität so furchtbar ist. Wir haben mittlerweile 30.000 ausländische Pflegerinnen angemeldet, die Dunkelziffer ist massiv geschrumpft, und die Ombudspersonen registrieren relativ wenig Beschwerden über gravierende Mängel. Aber natürlich: Um alles aufzudecken, müssten wir tausende Stichproben machen.

Standard: Sie schreiben nicht, wenn Sie glücklich sind. Warum?

Rabinowich: Schreiben macht mich nicht unglücklich, aber Thema wird, was in mir Erschütterungen auslöst. Ein Friede-Freude-Eierkuchen-Buch interessiert mich nicht - jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn man glücklich ist, aber nicht jeder weiß, wie sich Unglück in der Haut eines anderen anfühlt. Doch auch wenn meine Themen trist sind, ist es wichtig, dass genug Humor vorkommt. Wer nicht über Schlimmes lacht, krepiert daran.

Standard: Wie viel Leid birgt die Politik? Das "Profil" nannte Sie einmal den "Schmerzensmann" .

Hundstorfer: Das war in einer Ausnahmesituation, der Bawag-Krise. Nein, Politik muss schon auch Spaß machen.

Rabinowich: Wie entspannen Sie?

Hundstorfer: Ich gehe alle zwei Wochen massieren, tue manchmal zehn Minuten lang gar nichts. Und ich lege mich am Morgen, um halb sieben, gern eine Viertelstunde in die Badewanne.

Standard: Schlafen Sie da nicht gleich wieder ein?

Hundstorfer: Ich lese den Pressespiegel, das hebt den Kreislauf.

Standard: Was liest ein Sozialminister sonst noch?

Hundstorfer: Nicht nur das ASVG. Ich habe eine Kreuz-und-quer-Sammlung von Kriminalromanen, der jüngere Teil mit einem starken isländischen Einschlag - und den Ehrgeiz, vor dem Ende auf den Täter draufzukommen.

Standard: Als Schriftstellerin verarbeiten Sie gern reale Eindrücke. Muss sich der Herr Minister fürchten, vertextet zu werden?

Rabinowich: Nein, da habe ich eine viel kuriosere Fundgrube, aus der ich schöpfe: das Standard.at-Leserforum im Internet.(Gerald John, DER STANDARD; Printausgabe, 27.7.2011)

JULYA RABINOWICH (41), geboren in St. Petersburg, lebt seit 1977 in Wien. Sie studierte an der Uni für angewandte Kunst, Schwerpunkt Malerei und Philosophie. Als Schriftstellerin veröffentlichte sie die Herznovelle (Deuticke, 2011) und den Debütroman Spaltkopf (edition exil, 2008), in dem sie mit autobiografischen Elementen die Geschichte einer ausgewanderten jüdischen Familie erzählt. Rabinowich war Kandidatin beim diesjährigen Bachmann-Preis.

RUDOLF HUNDSTORFER (59), geboren in Wien, ist seit Dezember 2008 Minister für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz. Seine Karriere begann der gelernte Bürokaufmann im Wiener Magistrat, wo er oberster Vertreter der Gemeindebediensteten wurde. Danach führte der in den Arbeiterbezirken Margareten und Favoriten aufgewachsene Sozialdemokrat den Gewerkschaftsbund als Präsident durch zwei Krisenjahre infolge der Bawag-Pleite.

  • Die russische Einwanderertochter
 Julya Rabinowich diskutiert mit dem Urwiener Rudolf Hundstorfer 
über Sein und Schein des heimischen Sozialstaats. 
 
    foto: der standard/urban

    Die russische Einwanderertochter Julya Rabinowich diskutiert mit dem Urwiener Rudolf Hundstorfer über Sein und Schein des heimischen Sozialstaats.

     

  • "Gewaltbereitschaft und Verwahrlosung nehmen zu, immer mehr 
Jugendlichen fehlt Hilfe der Eltern."
    foto: der standard/urban

    "Gewaltbereitschaft und Verwahrlosung nehmen zu, immer mehr Jugendlichen fehlt Hilfe der Eltern."

  • "Auch wenn Themen trist sind, muss Humor vorkommen. Wer über 
Schlimmes nicht lacht, krepiert."
    foto: der standard/urban

    "Auch wenn Themen trist sind, muss Humor vorkommen. Wer über Schlimmes nicht lacht, krepiert."

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