"Das erlaubt in der Konsequenz auch Gewalt"

Interview26. Juli 2011, 17:00
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Der Antirassismusexperte Johannes Jakobsson erklärt André Anwar und Steffen Klatt, wie rechte Ideologien Gewalt hervorrufen können

Standard: Überrascht Sie dieses Ausmaß an Gewalt?

Jakobsson: Es ist völlig unerwartet. Die antiislamistischen Bewegungen in Schweden und Norwegen sind bekannt für ein gewisses Maß an Gewaltbereitschaft, aber nicht in diesem Maß. Zumindest hier in Schweden hat es Zeichen gegeben, dass die Gewaltbereitschaft zugenommen hat. Gleichzeitig haben die Schwedendemokraten einen immer größeren Teil der Wähler für sich gewonnen.

Standard: Diesmal hat sich die Gewalt nicht gegen Moslems, sondern gegen Sozialdemokraten gerichtet. Ist das eine neue Qualität?

Jakobsson: Auch schwedische Rechtsextreme haben seit langem auf Sozialdemokraten gezeigt als diejenigen, die für die große Zahl der Moslems im Land verantwortlich seien. Die Sozialdemokraten hätten ihr Land verraten, indem sie die Ausländergesetzgebung zu stark liberalisiert und die Moslems ins Land gelassen hätten.

Standard: Glauben Sie, dass es sich um einen Einzeltäter oder um ein Netz von gewalttätigen Rechtsextremisten handelt?

Jakobsson: Ich hoffe, dass dahinter kein Netzwerk steht. Immerhin gehen Rechtsextremisten und Rechtspopulisten auf Distanz . Sie bezeichnen die Tat als schrecklich. Das fällt ihnen aber insofern schwer, als sie selbst eine radikale Rhetorik entwickelt haben.

Standard: Rechtspopulisten in ganz Europa haben in den vergangenen Jahren ihre Positionen gemäßigt, um sich neuen Wählerschichten zu öffnen. Ist das ein Widerspruch zu dieser neuen Form von Gewalt?

Jakobsson: Ja und nein. Sie sind in gewissem Sinn politisch korrekter geworden. Aber sie halten weiter an ihren Ideologien fest. Aus ihrer Sicht sind die "echten" Schweden und die "echten" Norweger mehr wert als Moslems. Das erlaubt in der Konsequenz auch Gewalt gegen sie.

Standard: Wie sollte eine demokratische Gesellschaft reagieren?

Jakobsson: Die demokratische Gesellschaft sollte so offen bleiben wie zuvor. Aber sie sollte sich stärker auf die Gewalt von rechts konzentrieren. Die Sicherheitskräfte sollten solche Extremisten besser beobachten. Gleichzeitig sollten wir eine härtere Haltung gegen solche Rhetorik einnehmen, die eine solche Tat erst möglich gemacht hat. (Das Gespräch führten André Anwar und Steffen Klatt/STANDARD-Printausgabe, 27.7.2011)

Johannes Jakobsson arbeitet für die schwedische Zeitschrift "Expo", die 1995 als Reaktion auf rechtsextremistisch motivierte Morde in Schweden gegründet wurde. Von 1998 bis 2004 wurde sie vom schwedischen Krimi-Autor Stieg Larsson geleitet.

  • Johannes Jakobsson
    foto: privat

    Johannes Jakobsson

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