"Immer verblüffendere Ähnlichkeiten mit den früheren großen Einzelmassakristen"
Wien - Für den Vorarlberger Kriminalpsychiater Reinhard Haller ergeben sich im Persönlichkeitsprofil des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik "immer verblüffendere Ähnlichkeiten mit den früheren großen Einzelmassakristen". Der Experte zieht Vergleiche zum österreichischen "Bombenhirn" Franz Fuchs und zu "Unabomber" Ted Kaczynski.
"Für einen Ideenfanatiker ist es typisch, dass er seine private Wirklichkeit über die gesellschaftlichen Normen stellt und seine Wertungen als die allein maßgebenden betrachtet", sagte Haller. "Entscheidend ist für ihn sein persönliches Rechtsempfinden, nicht jenes der Gesellschaft oder des Staates. Dementsprechend fühlt er sich nicht schuldig, auch wenn er erkennt, dass er gegen geltende Gesetze verstoßen hat." Die Parallelität zu Unabomber Kaczynski und Franz Fuchs sei unübersehbar: "Beide haben sich damit verantwortet, dass das 'Naturrecht' wichtiger und über das Strafrecht zu stellen sei, dass man in 'Notwehr' gegen Überfremdung (Franz Fuchs) oder Industrialisierung (Ted Kaczynski) kämpfen müsse." Diese Haltung werde durch das Sendungsbewusstsein der Fanatiker, die die Welt von ihrer "Wahrheit" überzeugen wollen, verstärkt.
Fiktive Armeen und nicht korrigierbare wahnhafte Ideen
Die Fahndung nach etwaigen Mittätern des Norwegers sei absolut notwendig. Aber auch die Einzeltäter Kaczynski und Fuchs hätten sich immer auf eine große Organisation berufen: Beim Unabomber war es der Freedom-Club "FC", bei Fuchs die Bajuwarische Befreiungsarmee "BBA". "Durch fiktive Armeen wollten sie in der Öffentlichkeit die Angst schüren, dass hinter ihrer Idee nicht nur eine Einzelperson, sondern eine ganze Bewegung und ein gefährlicher Kampftrupp stehe."
Zur Zukunftsprognose des Attentäters ist der Kriminalpsychologe pessimistisch: "Aus allen bisherigen Untersuchungen weiß man, dass fanatische bzw. wahnhafte Ideen nicht korrigierbar sind und sich bis zum Lebensende als therapieresistent erweisen. Eine Idee ist nicht behandelbar, eine wahnhafte Überzeugung nicht therapeutisch korrigierbar."
Man müsse davon ausgehen, dass Breivik auch nach 21 Jahren (Maximallänge einer regulären Haftstrafe in Norwegen, Anm.) - ob in Haft oder einer psychiatrischen Institution - von der Richtigkeit seiner Idee und der Notwendigkeit seines Attentats überzeugt sein wird "und deshalb aller Voraussicht nach weiterhin eine Gefahr darstellen würde". Haller wies darauf hin, dass "bei einem der klassischen Massakristen, dem Hauptlehrer Ernst Wagner (Amokläufer, der 1913 in Deutschland 17 Menschen tötete, Anm.), seine wahnhafte Überzeugung bis zu seinem Tod fast 30 Jahre nach dem Anschlag unverändert vorhanden war, ebenso bei Franz Fuchs bis zu seinem Suizid im Jahr 2000 und bei Ted Kaczynski, der trotz Therapie auch heute noch - 69-jährig - in dieser unkorrigierbaren Wahnwelt lebt".
Fanatismus oder Wahnerkrankung
Für die Frage der Schuldfähigkeit sei entscheidend, ob der Attentäter "nur" an einer fanatischen Persönlichkeitsstörung oder "schon" an einer Wahnerkrankung leide. "Wenn er bereits wahnkrank wäre, müsste er als nicht zurechnungs- bzw. nicht schuldfähig gelten und in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht werden", betonte Haller. Die Grenze zwischen fanatischer und wahnhafter Idee sei äußerst gering, der Übergang oft fließend. Daher bedürfe es "einer sorgfältigen und langfristigen psychiatrischen Untersuchung", um zu klären, ob und gegebenenfalls ab welchem Zeitpunkt die Grenze zum Wahn überschritten worden sei. (APA)