Ehemaliger Gaddafi-Mann übernimmt kurzerhand die Botschaft, um seiner Ausweisung zu entgehen
Sofia/Istanbul - Ibrahim al-Furis hat seine Arbeitswoche mit einer
Palastrevolution begonnen. Seinem Vorgesetzten, dem Geschäftsträger der
libyschen Botschaft in Sofia, gab er eine Ohrfeige und sperrte ihn in
ein Zimmer ein. Die Porträts des ewigen Revolutionsführers Muammar
al-Gaddafi ließ er von seinen Kollegen zerreißen. Auf dem Dach des
Botschaftsgebäudes hisste er die Fahne der libyschen Rebellen. Da traf
auch schon ein Schreiben des bulgarischen Außenministeriums ein: Konsul
al-Furis wurde zur Persona non grata erklärt.
24 Stunden gab ihm Außenminister Nikolai Mladenov, um das Balkanland zu
verlassen. Denn was wie ein mutiger Bruch mit dem Regime in Tripolis
aussieht, ist in Wahrheit eine Diplomatenfarce. Ibrahim al-Furis, ein
Cousin des libyschen Geheimdienstchefs Abdullah Senussi, war bis zu
Wochenbeginn ein Gaddafi-Mann. Al-Furis soll die libysche Gemeinschaft
in der bulgarischen Hauptstadt seit längerem schikaniert haben. Die etwa
200 Libyer in Sofia setzte er unter Druck, um sicherzustellen, dass sie
im Gaddafi-Lager blieben. Die Aktivitäten des Konsuls dürften dem
bulgarischen Außenministerium zu weit gegangen sein. Einvernehmlich
wurde mit der Botschaft festgelegt, dass al-Furis Bulgarien diskret
verlässt. Abreisetermin war der vergangene Samstag. Doch der Konsul
änderte das Drehbuch. Deshalb erklärte ihn das Ministerium zur
unerwünschten Person.
Am Dienstag war das Ultimatum abgelaufen und der Rebellen-Konsul immer
noch da, verschanzt mit seinen Getreuen in der Botschaft am
Andrej-Sacharow-Boulevard in Sofia. Nur eine Konterrevolution wird ihn
wieder herausbringen, denn das Botschaftsareal ist extraterritoriales
Gebiet. Der Übergangsrat in Bengasi weiß nichts von seinem neuen Mann in
Sofia. Man möge ihn ausweisen, empfahl der Vizeaußenminister der
Rebellen, Slaheddin Bishari, in einem Schreiben an die Bulgaren. In
Tripolis werde er hingerichtet, behauptet al-Furis jetzt. Denkbar ist,
dass er in Wahrheit keine Zukunft mehr mit dem Regime sah und kurzerhand
die Sache der Rebellen für seine Zwecke kaperte. Mit Tripolis hat
Bulgarien noch eine Rechnung offen. Acht Jahre hielten die Libyer fünf
bulgarische Krankenschwestern fest. 2007 kamen sie auf Vermittlung des
damaligen Gaddafi-Freundes Nicolas Sarkozy frei. (Markus Bernath, STANDARD-Printausgabe, 27.7.2011)