Diffuse Triebabfuhr im Keller des Systems

26. Juli 2011, 17:10
  • Gesten der Hilflosigkeit inmitten einer zugemüllten Szenerie: Camilla 
Nylund als Elisabeth und Lars Cleveman in der Titelrolle von Richard 
Wagners "Tannhäuser".
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    foto: ap/timm schamberger

    Gesten der Hilflosigkeit inmitten einer zugemüllten Szenerie: Camilla Nylund als Elisabeth und Lars Cleveman in der Titelrolle von Richard Wagners "Tannhäuser".

Die Eröffnungspremiere provozierte viel Widerspruch - Regisseur Sebastian Baumgarten hatte zwar reichlich Assoziationen, jedoch kein tragfähiges Konzept

Angekündigte Skandale finden zwar nur selten statt; eine gewisse Aufregung lässt sich aber in der Regel prognostizieren. Und so ist auch bei der Eröffnungspremiere der 100. Bayreuther Festspiele der große Eklat oder auch das Skandälchen, das deutsche Medien herbeizuschreiben versuchten, ausgeblieben.

Der Unmut des Publikums war dennoch mit Händen zu greifen, und am Ende ergoss sich ein Buh-Orkan über Regisseur Sebastian Baumgarten und sein Team: Kaum jemand applaudierte in diesem Augenblick, und nicht einmal die wenigen obligatorischen Bravos klangen überzeugend.

Nun ist es nicht so, dass solche gebündelten Missfallensäußerungen automatisch auf eine ingeniöse, nur leider unverstandene Inszenierung hindeuten, auch wenn es bereits Legionen an visionären, bahnbrechenden Arbeiten ebenso erging. Es ist aber nicht auszuschließen, dass allein Bühnenästhetik und eingebrachte Assoziationen ausreichten, um die allgemeine Ablehnung zu provozieren.

Die Probleme dieses Tannhäuser reichten freilich viel weiter. Ausführlich hatte sich das Leadingteam im Vorfeld der Premiere selbst kommentiert und dabei manche richtige Beobachtung gemacht, so zur Kontinuität von Wagners Sprache bis in die Gegenwart, etwa zur romantisierenden Lyrik der Rockband Rammstein (die in den Pausen zu hören war, wenn das Bühnengeschehen im Festspielhaus weiterging).

Nur: Die Schlüsse, die daraus gezogen und tatsächlich sichtbar wurden, blieben derart unkonturiert und allgemein, dass sie sich beim besten Willen nicht als spezifische Aussage in Hinblick auf die Oper aufschlüsseln ließen.

Brodelnde Biogasanlage

Ausgehend von Nietzsches altem Gegensatzpaar "dionysisch" und "apollinisch", das auch der Regisseur bemühte, veröffentlichte Dramaturg Claus Hegemann im Vorfeld unter anderem ein riesiges Blatt voller Dualismen, auf dem neben "Spaß" und "Ernst", fast schüchtern, auch das Wort "Konzept" seinen Platz hatte.

In seiner Anwendung wirkte das Konzept dieser Inszenierung freilich weitgehend diffus, und das, was darüber hinaus konkret gemacht wurde, beliebig. So bereits jene Biogasanlage, die das Bühnenbild von Joep van Lieshout abbildete und als "geschlossenes System" fungieren sollte, innerhalb dessen die Triebkräfte des Titelhelden und damit von uns allen sichtbar werden sollten.

Die fabrikartige Halle steht an der Stelle der Wartburg, die hier als Registered Trademark firmiert. Da die Biogasanlage mit ihrem beherrschenden "Alkoholator" laut eingeblendetem Slogan auch "Möglichkeiten zur Triebabfuhr" beinhaltet, brodelt es aber von Beginn an unter der sterilen Hülle.

Im Keller des Systems befindet sich nämlich - in etwa so, wie sich der kleine Maxl das Unterbewusstsein vorstellt - der Ort der fleischlichen Lust, also: Wagners Venusberg, in dem auf dem Grünen Hügel nicht nur Tannhäuser eingangs weilt, sondern auch allerhand rotgefärbte Kreaturen und glitschige Tiere hausen.

Allzu simple Erkenntnisse

Damit sind ein Oben und ein Unten etabliert, die den Abend über - manchmal überraschend, meist vorhersehbar - zueinander in Beziehung gebracht werden. Etwa mit dem Clou, dass sich für das Wettsingen im zweiten Akt die Decke über der unteren Welt ein wenig hebt und die Bühne für die folgenden Darbietungen bildet. Kunst, so lernen wir also, ist nur möglich mit ein bisschen Dionysos, ein wenig sublimierter Lust.

Als ob man von der Simplizität solcher Erkenntnisse ablenken wollte, wurde die Szene noch mit filmischen Zuspielungen - menschliche Anatomie, Mikroben, barbusige Muttergottes - und einer Unzahl von Schlagworten zugemüllt, die unaufhörlich über Videowände flimmerten.

Wer sich davon nicht allzu sehr ablenken ließ, konnte vor allem vom Festspielorchester Bayreuth-Untypisches vernehmen. Freilich hätte Thomas Hengelbrock offenbar mehr Probenzeit benötigt, um seinem an der historisch informierten Aufführungspraxis geschulten Zugang ganz zum Durchbruch zu verhelfen. Doch er machte immerhin deutlich, wie prägnant man durch atmende Phrasierung und eine flexible, elastische Tongebung Wagners orchestrale Gesten verdeutlichen kann. Mit einem homogeneren Gesamtklang hätte dies freilich weitaus befriedigender wirken können.

Uneinheitlich auch die Sängerbesetzung, die wohl kaum im Hinblick auf die Erfordernisse der Produktion engagiert wurde: Lars Cleveman stemmte die Titelpartie zwar mit einiger Kraftanstrengung (und anfänglicher Kurzatmigkeit) respektabel, griff jedoch ebenso zu hilfloser Sängerpantomime wie Camilla Nylund, die als Elisabeth mit einem schönen Piano aufhorchen ließ. Rundweg überzeugten so nur der vielfach abschattierte, wohltönende Wolfram von Michael Nagy und der lebhafte junge Hirt von Katja Stuber.

Wie aber der forsche, mächtige Bass von Günther Groissböck zum nachdenklichen Landgraf passen sollte, blieb unklar, ebenso, wie die herb vibrierende Stephanie Friede eine Venus verkörpern sollte, für die die Regie eine Mutterrolle vorsah. Bei ihr schlug der Unmut des Publikums dann allerdings gar zu hemmungslos zu.

In Bayreuth ist eben auch die Aufregung rasch überdimensional. So bei der Vorfahrt der Prominenz, so bei der Frage, wer den Ring im Jubiläumsjahr 2013 inszeniert. Ob Frank Castorf, mit dem man noch verhandelt, dann für ein Skandälchen gut sein wird? (Daniel Ender aus Bayreuth/DER STANDARD, Printausgabe, 27. 7. 2011)

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Kunst

Kunst kommt von Können. Wenn sie vom Wollen käme, hieße sie Wunst!

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"Er weiß nichts, glaubt aber, alles zu wissen.
Das weist auf eine Karriere als Politiker hin."

George Bernard Shaw
Irischer Schriftsteller 1856 - 1950

P.S. Ich würde es auf Regisseure erweitern.

Wieder einmal ein Regisseur ohne jede Beziehung zur Musik

Sie dürfen sich bereits als die Totengäber des Musiktheaters feiern lassen: die selbstsüchtigen und selbstüberschätzenden Regisseure des "modernen" Musiktheaters.

Es geht ihnen doch nur mehr darum, sich selbst auffallend in Szene zu setzen und nicht um eine musikbezogenen Umsetzung eines Opernstoffes.

Und das Publikum sollte und muss dann widerspruchslos akzeptieren, was diese Selbstdarsteller auf die Bühne speien. Zu selbstverständlich horrenden Preisen.

Und sollte doch ein Teil der Besucher lautstark prostestieren, werden sie von den "intellektuellen" Spielleitern als provinzielle Trottel abgestempelt, die keine Ahnung von der "Hochkultur" und dem hochgeistigen Konzept der Aufführung haben!

Und diese Dilletanten im Zuschauerraum haben

Wieder mal das übliche generalisierende Geseiere

Den Schmarrn hat man doch schon vor 35 Jahren (an nämlichem Ort) verzapft - bei Chereaus Ring-Deutung, die mittlerweile als Meilenstein gilt (im Übrigen auch bei vielen Traditionalisten).

Selbst wenn diese Produktion Schrott sein sollte - ich hab sie nicht gesehen, und Sie ziemlich sicher auch nicht - ist die Behauptung, dass eine Ausdeutung einer Oper prinzipiell gegen das Werk gerichtet ist, Unsinn. Unbestritten, dass sich manch einer verrennt.
Aber auch oberflächliche Bebilderung führt oft zu massiven Missdeutungen - oder glaubt irgendwer noch, die Cosi wäre wirklich eine harmlos-lustige Puderperücken-Klamotte, wie in der "guten alten Zeit". Und die Traviata war ein bewusster Frontalangriff auf das Publikum, kein Kostüm-Melodram.

Wenn Sie es begrüßen, dass die Elisabeth

ihre Arie "Dich teure Halle grüß ich wieder" in einer Biogasanlage singt, oder dass Exkremente zur Deutung des Tannhäuserstoffes herhalten müssen, dann gratuliere ich diesen Regisseuren. Denn dann haben sie es geschafft, das kritiklose Lifstile-Publikum als Alibi für abstruse Werkdeutungen zu instrumentalisieren. Denn man hat ja fortschrittlich zu sein, als zeitgeistiger Opernbesucher.

Viel Freude bei den Regisseur-Festspielen!

Oper scheint wirklich eine sterbende Kunstform zu sein, das sieht man an den seltsamen Postings hier. Offenbar geht es nur um schöne Kostüme in schönen Kulissen mit schönen Menschen die schön singen. Welche Inhalte da verhandelt werden - völlig egal. So soll der immer streitbare Neuerer Wagner zum netten Opernonkel domestiziert werden, der so aufgeführt zu werden hat, wie sich das der Standard-Poster eben vorstellt. Alte Menschen betrauern die Irrelevant ihrer Kunstform mit hysterischen: das ist ja alles Schrott-Geschrei, schreiben aber gleichzeitig: Ich habs eh nicht gesehen. Welche Anhänger gebiert diese Kunstform? Erschütternd ...

naja, du kannst ja gerne erklären, was ein "alkoholator"

und ein biogas-ambiente mit wagner oder tannhäuser zu tun haben sollen.
oder wenigstens mit irgendwelchen aktuellen (gesellschafts)politischen befindlichkeiten.
ich sehe nicht den geringsten zusammenhang.
und die premieren-zuschauer offenbar auch nicht.
auch nicht die kritiker. die faz-rezension spricht von einer "altbackenen, ärgerlichen, überflüssigen" inszenierung.
ich vermute: einige wenig begabte regisseure wollen auf "kunst" machen. und schwänzen ihre eigentliche aufgabe: das stück zu interpretieren.
kritische stimmen als ahnungslose nostalgiker zu verunglimpfen, geht auch nicht. denn warum findet man solche inszenierungen nur in deutschland, warum inszeniert baumgarten nicht in new york, paris, mailand, london, aix, salzburg?

Nur geht die Kritik hier fast immer über den Anlassfall hinaus

(Beinahe) Alle, die diese Produktion hier verreißen, haben sie nicht gesehen. Und nutzen sie ja auch nur als Vorwand, um genaralisierend auf ihren imiginierten Gottseibeiuns "Regietheater" eindreschen zu können.

Ich kenne auch Inszenierungen, die ich nicht nachvollziehen konnte, oder wo sich der Regisseur meiner Meinung nach in einem Konzept verrannt hat - aber wenn ich Interpretation (statt Bebilderung) will, muss ich das in Kauf nehmen.

Und viele der Kritiker hier haben ja auch Arbeiten aus Aix, London, Paris oder Salzburg zerrissen - etwa den aktuellen DaPonte-Zyklus in Salzburg.

Tannhäuser Inszenierung Bayreuth 2011

Tannhäuser zählt zu meinen Lieblingsopern.

Ich bin ja eigentlich ein höflicher Mensch, aber hierzu kann ich nur sagen: "Dem Regisseur hat einer ins Gehirn ge........ und vergessen umzurühren".

Wie krank muss man sein, um anstelle der schönen Wartburg und schöner Kostüme eine industrielle Biogasanlage als Bühnenbild zu verwenden und den Ritter Tannhäuser in dreckige Klamotten eines Chemieingenieurs zu stecken?

Wenn Elisabeth singt: " . . . . dich teure Halle grüß' ich wieder", dann singt sie das nicht in einer prachtvollen Halle, sondern kriecht in einen Biogasbehälter - ich bin fassungslos!

Ich kenne kein besseres Beispiel, wie total unfähige Nichtskönner als Erben eines Genies, so etwas zulassen. Nur wenn sie geisteskrank sein sollten,

Ich empfehle für Wagner Fans auch die Tiroler Festspiele in Erl unter der Leitung von Gustav Kuhn. Die Inzinierungen sind schlicht gehalten, die Darsteller und das Orchester sind sehr gut und die Preise durchaus leistbar. Leider für 2011 schon ausverkauft (und bald zu Ende).

hab heuer die Meistersinger von Nürnberg und Parsifal gesehen, sehr schön :)

Ich glaube, gewisse Richtungen in der Kultur wissen nicht mehr, was sie mit dem Geld machen sollen.
Überweist es bitte nach Ostafrika oder an andere caritative Einrichtungen, aber bitte erspart uns solch Schwachsinn.

LEIDER

stimmt Ihre (fragende) Feststellung - sie ist aber doch zu ergänzen:gewisse Richtungen in der Kultur wissen gar nicht mehr, welche Aufgabe sie aufgrund der ihnen überantworteten Materie eigentlich hätten; sie sehen sich erst durch Ablehnung des Publikums bestätigt und finden in dessen Vertreibung ihre primäre Aufgabe!

Die Vergangenheit war halt immer besser - für manche Poster hier

allerdings ist diese Inszenierung tatsächlich (habe sie gesehen) ziehmlich Schrott.

Wenn diese Gegenwart

für die Zukunft Bayreuths Massstab ist, dann ist in der Vergangenheit sicher alles besser gewesen....

Da diese Inszenierung jetzt bereits Vergangenheit ist

kann es in Zukunft nur noch besser werden (ist allerdings nicht schwierig....)

Und welche Aufführung haben Sie gesehen? Wenn die Antwort lautet: "keine", dann: ersparen Sie uns doch Ihren Unsinn und überweisen Sie Ihre Internetgebühren lieber nach Afrika!

aufführungen gesehen

also ich war von 1962-1976 jeden sommer in bayreuth, dann wurde das niveau immer flacher, mit einigen ausnahmen

ab dem sommer 2000 versuchte ich es nochmals und fand das man mich dort oben szenisch und musikalisch beschiss. - also gab ichs auf.

und heute 2011 hört man auch musikalisch nur mehr schrott! (damit meine ich nicht den ausgezeichneten erwin schrott!)

Also ich war gestern in den Meistersingern und vor zwei Jahren in Parsifal. Die Bezeichnung "Schrott" ist vollkommen blödsinnig.

forget it

früher war immer alles besser

Wie sonst

sollte man diesen Trash denn bezeichnen?

Von welchem Trash sprechen Sie?
Der Herr sprach von der musikalischen Ausführung. Da war nix trashig. Da sind die Philharmonikersubstituten in der Staatsoper oft deutlich trashiger.

Von welchem Trash?

"Und heute hört man auch nur mehr musikalischen Schrott" - das schrieb doch Poster G. Verdi und irgendwer maulte zurück, dass das nicht stimme - DAS war meine Ausgangsbasis! Was nun Ihren konfusen Einwurf betrifft: Bleiben S' einfach auf Ihrem Hügel!

Antagonist1 gehört zum Trash Verein - einem Lieblingsausdruck

einiger Poster hier - dann sind sie mal so richtig up to date!!!!!

Ist schon ein Wahnsinn, was für Vögel hier unterwegs sind.

Keine wirkliche Ahnung von irgendaswas, seit Jahren (oder noch nie) vor Ort gewesen -- aber kräftig schlechtmachen.

So sind's, die Österreicher: Sudern sich um Sinn und Verstand.

Na dann

sudern Sie uns doch vor, wen Sie schon allen in B. singen hörten - wir lauschen! Nilsson, Mödl, Ludwig dürften es kaum gewesen sein, denn die hörten wir....

Bleiben Sie einfach daheim und erinnern Sie sich verträumt an die Zeiten, in denen alles besser war. Wird sicher niemanden stören, der die Gegenwart noch miterlebt.

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