"Die Tat war eine Art PR für sein Manifest"

26. Juli 2011, 16:00
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Lars Gule versucht Motive und internationale Zusammenhänge der Attentate zu entschlüsseln

Der norwegische Philosoph Lars Gule, der selbst eine terroristische Vergangenheit hat, versucht Motive und internationale Zusammenhänge der Attentate von vergangener Woche zu entschlüsseln. Von Christoph Prantner.

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Standard: Sie haben Anders Breiviks Manifest auf Ihrem Schreibtisch liegen, gestern hat er sich vor Gericht erklärt - was kann man daraus über seine Weltsicht ableiten?

Gule: Zunächst einmal, dass er nicht allein mit dieser Ideologie ist. Er sagt sogar selber, dass er viel in dem Dokument von anderen übernommen hat. Er wollte, dass es eine Plattform für eine gemeinsame Bewegung ist. Im Rahmen seines Nationalkonservativismus und Hasses auf den Multikulturalismus sind seine Argumente durchaus kohärent. Aber natürlich liegt er in seinem konzeptuellen Denken völlig falsch, weil es inhaltsleer ist: Was bedeutet denn ein Konzept wie Kulturmarxismus? Er sagt, dieser sei ein Synonym für Multikulturalismus und Political Correctness. Aber man kann die Welt nicht mit diesen drei Begriffen zu erklären versuchen.

Standard: Breivik ist zweifellos so intelligent, das zu begreifen. Warum versucht er es trotzdem?

Gule: Ja, aber diese Begriffe sind Teil einer fremdenfeindlichen, antiislamischen Rhetorik, die ein internationales Phänomen ist. Deswegen hat er sein Manifest auch in Englisch verfasst. Was er persönlich zur Ideologie dieser Bewegung beigetragen hat, ist seine Argumentation für Gewalt. Er plädiert für drastische Methoden. Heute wissen wir, dass seine Tat eine Art PR für sein Manifest war. Er wollte die Menschen so schockieren, dass alle Welt dieses Pamphlet liest.

Standard: Seine Kaltblütigkeit während der Morde ist in der Tat schockierend. Warum konnte er jedes Mitgefühl ausschalten?

Gule: Dafür gibt es zwei Erklärungen: eine psychologische und eine ideologische. Psychiater müssen ihre Diagnose erst abgeben, aber man kann sagen, dass wir es mit einem größenwahnsinnigen Narziss zu tun haben. Diese Anlagen haben viele, warum wurde er nicht, wie andere, Extrembergsteiger oder Spitzensportler? Wegen seines politischen Interesses und seiner ideologischen Ausrichtung fand er eben zu dieser Aktion. Die Ideologie gab der Persönlichkeit ihre Richtung.

Standard: Welche Ideologie genau?

Gule: Es ist eine entmenschlichte Weltanschauung. Eine Ideologie, die andere zu einer Bedrohung erklärt - spezifisch die Muslime und den Islam.

Standard: Warum hat er dann auf norwegische Jugendliche geschossen?

Gule: Weil die eine noch größere Bedrohung sind. Seiner Ansicht nach waren sie Verräter, die das Land der islamischen Invasion öffneten. Deswegen waren sie erste Priorität. Ich bin ziemlich sicher, dass er davon ausging, potenzielle zukünftige Premierminister zu töten.

Standard: Breivik soll während der Tat auf Utöya gelacht haben.

Gule: Das berichtet ein Überlebender. Wenn es zutrifft, hat er das Massaker genossen. Dieser grenzenlose Hass ist durch sein komplettes Eintauchen in seine Ideologie zustande gekommen, ein jahrzehntelanger Prozess.

Standard: Die rechtspopulistischen Parteien in ganz Europa weisen jeglichen Zusammenhang ihrer Politik mit der Tat zurück. Was denken Sie?

Gule: Es gibt einen Zusammenhang. Wer das bestreitet, der will keine Verantwortung übernehmen. Und das ist feige. Breivik schreibt im Manifest, dass er Verbindungen mit der norwegischen Fortschrittspartei und der extremistischen Website document.no arrangieren wollte. Das klappte nicht. Aber der Punkt ist: Obwohl er aus der Fortschrittspartei als Mitglied austrat, weil er deren Politik als unzureichend erachtete, sieht er diese als das Beste an, was derzeit zu haben ist. Es gibt also Verantwortung, nicht nur für die Fortschrittspartei, sondern für das gesamte politische System in Europa: Viele Parteien, inklusive der Sozialdemokraten, haben akzeptiert, dass Multikulturalismus ein Problem ist. Das ist nichts anderes, als zu sagen: Breivik hat recht.

Standard: Er hat verschiedene internationale Verbindungen erwähnt, unter anderem zu Österreich. Wie wichtig ist das für ihn?

Gule: Sehr wichtig. Dieses Manifest trägt nicht von ungefähr die Jahreszahl 2083: 400 Jahre nach der Niederlage der Türken vor Wien. Sein Bezug auf die "Wiener Schule des Denkens" hat mit dem norwegischen Blogger Fjordman zu tun, der eine Website mit dem Titel "Gates of Vienna" betreibt, wo Europa dem Islam die Stirn geboten habe. Die zweite Idee dahinter ist, dass laut Prognosen 2083 die Hälfte der Europäer Muslime sein werden. Bis dahin muss in Breiviks Logik der Krieg gegen den Islam gewonnen sein. Daher auch diese Kreuzritter-Metaphorik.

Standard: Gibt es tatsächlich eine Organisation hinter Breivik?

Gule: Wenn es sie gibt, dann ist sie nicht sehr groß. Es soll norwegische, britische und andere europäische Mitglieder geben.

Standard: Welche Folgen wird das Attentat auf Norwegens Gesellschaft haben?

Gule: Wir kehren langsam zur Normalität zurück, das ist der beste Widerstand. In ganz Europa ist die Demokratie in guter Verfassung und kann das aushalten. Das hat auch mit den 1970ern und der Überreaktion auf den linken Terrorismus damals zu tun. Daraus haben wir hier in Europa gelernt. (Das Gespräch führte Christoph Prantner/STANDARD-Printausgabe, 27.7.2011)

  • Lars Gule (56) lehrt Philosophie am Oslo University College.
 In den 1970er Jahren war er Mitglied einer militanten 
Palästinenserorganisation im Libanon. Für diese sollte er mit 
Sprengstoff in Israel einreisen und einen Anschlag verüben. Auf dem 
Flughafen Beirut wurde er festgenommen und später zu sechs Monaten Haft 
verurteilt. Zurück in Norwegen sagte er sich von der Gewalt los.
    foto: christoph prantner

    Lars Gule (56) lehrt Philosophie am Oslo University College. In den 1970er Jahren war er Mitglied einer militanten Palästinenserorganisation im Libanon. Für diese sollte er mit Sprengstoff in Israel einreisen und einen Anschlag verüben. Auf dem Flughafen Beirut wurde er festgenommen und später zu sechs Monaten Haft verurteilt. Zurück in Norwegen sagte er sich von der Gewalt los.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ministerpräsident Jens Stoltenberg besichtigte am Dienstag das durch die Bombe schwer beschädigte Regierungsgebäude in Oslo.

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