Mehrheit der Investitionen in Schwellenländern

26. Juli 2011, 19:15
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Die globalen Investitionen von Großkonzernen nehmen nach der Krise wieder zu. Doch die Kräfteverhältnisse haben sich geändert: Europa schwächelt

Wien/Genf - Die Finanzkrise hat zu einer starken Verschiebung der globalen Investitionsströme geführt. Vor allem die Kauflaune chinesischer Unternehmen und die Investitionsschwäche in der EU hat die bisherige Kräfteverteilung deutlich verschoben. Der am Dienstag in Genf präsentierte World Investment Report der UN-Handelsorganisation Unctad ermöglicht einige neue Einblicke in das Who is Who der globalen Kapitalgeber und -nehmer:

China, Brasilien: Die Investitionen chinesischer Konzerne im Ausland (inklusive Hongkong) haben im vergangenen Jahr mit 144 Milliarden Dollar ein Allzeithoch erreicht. Die Volksrepublik hat damit Japan im globalen Ranking überholt - liegt allerdings noch immer klar hinter den USA, Deutschland und Frankreich. Jeder dritte Unternehmenskauf in Asien wird inzwischen von chinesischen Unternehmen getätigt.

Angestiegen sind aber auch die Geldflüsse in die aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien. China, Malaysia und Singapur verbuchten Rekordzuwächse. Dabei hat ein Wandel eingesetzt: Westliche Konzerne nutzen China nicht länger nur als Werkbank für Handys und Schuhe. Sie investieren zunehmend in Immobilien (50 Prozent aller Investments).

Angezogen haben auch die Investitionen in Südamerika, wobei Brasilien dominant bleibt. Mehr als zwei Drittel aller in Südamerika getätigten Unternehmenskäufe und Firmenneugründungen finden in Brasilien statt.

Diese Entwicklungen haben noch eine bemerkenswerte Folge: 2010 investierten Unternehmen erstmals mehr Geld in Entwicklungsländer und aufstrebende Staaten, als in westlichen Industrienationen.

Europa und die USA: Verstärkt wurde diese Tendenz durch die Schwäche Europas. Die Kapitalzuflüsse in die EU sind 2010 um 13 Prozent zurückgegangen. Zu den großen Verlierern zählen nicht nur Schuldnerländer wie Italien und Griechenland. Auch Großbritannien, die Niederlande und die Schweiz konnten weniger ausländisches Kapital anlocken. Entgegengesetzt ist die Entwicklung in Nordamerika (plus 44 Prozent). Weltweit ist der Wert ausländischer Investitionen 2010 leicht gestiegen, er liegt aber immer noch um ein Drittel unter dem Höchstwert von 2007.

Afrika: Von der Erholung nicht profitieren konnte Afrika. Die Direktinvestitionen gingen um neun Prozent zurück. Besonders schmerzhaft waren die Rückgänge in Südafrika (minus 70 Prozent) und Nigeria. Die Ursachen sind unterschiedlich: In Südafrika ist die Ursache für den Einbruch möglicherweise die Fußballweltmeisterschaft 2010, meint ein Unctad-Experte. Vor dem Megaevent ist viel Kapital in das Land geflossen. Diese Entwicklung ist nun naturgemäß zu Ende. In Nigeria hat Ölkonzern Shell mehrere seiner Bohrlizenzen verkauft. Ihre Spuren hinterlassen haben aber auch die politischen Unruhen in Nordafrika. Die Investitionstätigkeit in der Region ist im ersten Halbjahr 2010 um rund 50 Prozent eingebrochen. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 27.7.2001)

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