Goran Hadžić, bis vor kurzem letzter flüchtiger Angeklagter des Haager UN-Tribunals, wurde am Montag dem Richter vorgeführt - Dem Ex-Chef der kroatischen Serben werden schwerste Kriegsverbrechen angelastet
Den Haag - Um den 4. Oktober 1991 kamen serbische Truppen in das Gefängnis im Polizeigebäude in der ostkroatischen Ortschaft Dalj. Sie schlugen, folterten und töteten 28 kroatische Zivilisten. Die Leichen wurden in die Donau geworfen. Am 18. Oktober 1991 zwangen verschiedene serbische Truppen 50 kroatische Zivilisten, die als Zwangsarbeiter gehalten wurden, in ein Minenfeld in der Nähe des Dorfes Lovas zu gehen. 21 von ihnen starben durch Minen oder durch die Schüsse der Truppen. Die Liste der Verbrechen, die Goran Hadžić vorgeworfen werden, ist lang. Zu den schlimmsten Verbrechen gehört wohl das Massaker an Patienten, die sich im November 1991 im Krankenhaus in Vukovar befanden und weggebracht und exekutiert wurden.
Am Montag erschien der mutmaßliche Kriegsverbrecher erstmals vor dem UN-Tribunal in Den Haag. Nach der Feststellung seiner Identität wurde ihm die Anklageschrift verlesen. Hadžić äußerte sich nicht dazu. Er hat nun 30 Tage Zeit dafür.
Hadžić war der letzte flüchtige Haager Angeklagte, er wurde vergangene Woche in Serbien festgenommen. Der heute 52-Jährige wurde bereits 2004 angeklagt. Unklar ist, wer Hadžić damals informierte, sodass er untertauchen konnte, und wer ihm so lange auf der Flucht in Serbien half.
Hadžić ist angeklagt, als Präsident der Regierung in der selbsternannten sogenannten Republika Srpska Krajina (RSK) zwischen 1991 und 1993 die Ermordung von hunderten Nichtserben, die Gefangennahme und Folter von Nichtserben, die Zerstörung von Dörfern, Plünderungen und die Deportation von zehntausenden Nichtserben (vor allem Kroaten) geplant und angeordnet zu haben. Die RSK war ein Pseudostaat, der von kroatischen Serben auf dem Gebiet der Republik Kroatien (in der Krajina und in Slawonien) ausgerufen wurde. Sie erstreckte sich während des Kroatien-Kriegs zeitweilig über ein Drittel des kroatischen Territoriums.
Laut Anklage des Haager Tribunals war Hadžić mit dem damaligen Präsidenten von Serbien, Slobodan Milošević, aber auch anderen kroatisch-serbischen Politikern Teil eines gemeinsamen kriminellen Unternehmens, das zum Ziel hatte, die nichtserbische Bevölkerung aus der Republika Srpska Krajina "permanent zu entfernen", um einen von Serben dominierten Staat zu errichten. Hadžić war als führender Politiker der RSK Befehlshaber über die Truppen der kroatischen Serben, die gemeinsam mit der Jugoslawischen Volksarmee (JNA), "Freiwilligen", paramilitärischen Truppen wie jener von Željko Ražnatović (Arkan) und sogenannten Cetniks die Verbrechen durchführten. (awö, STANDARD-Printausgabe, 26.7.2011)