Norwegen und die Folgen

Googeln statt rastern

Kommentar | Michael Simoner, 25. Juli 2011, 19:02

Die Polizei braucht keine neuen Befugnisse, solange sie mit alten nicht umgehen kann

Wenn es stimmt, dass der geständige Attentäter von Norwegen für die Sicherheitsbehörden ein bisher unbeschriebenes Blatt war, muss wohl einiges schiefgelaufen sein. Auch wenn es ex post immer einfacher ist, Zusammenhänge aufzudecken und daraus Schlüsse zu ziehen, als ex ante. Aber was der Mann bis zu seinem Blutbad in Oslo und auf der Ferieninsel Utöya in sogenannten sozialen Netzwerken und anderswo im Internet bereits veröffentlicht hatte, klingt fast wie die Chronik eines angekündigten Verbrechens. Der Schock, die Tragödie nicht verhindert zu haben, wird nicht nur der norwegischen Polizei noch lange in den Knochen stecken.

In ganz Europa ist deshalb der Ruf nach einer Ausweitung der Polizeikompetenzen besonders schnell erschallt - wesentlich schneller sogar als noch vor zehn Jahren nach 9/11. Auch der Direktor des österreichischen Verfassungsschutzes, Peter Gridling, wünscht sich umfassendere Möglichkeiten der Gefahrenerforschung und der Vorratsdatenspeicherung, wie das vorsorgliche Aushebeln der Privatsphäre bürokratisch genannt wird.

Dass Strafverfolgungsbehörden reflexartig mehr Kontrollmöglichkeiten einfordern (auffällig ist, dass sich Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bis Montagnachmittag nicht zu Wort gemeldet hat), mag verständlich sein. Denn mehr dürfen heißt auch, dass es Justiz und Polizei leichter haben.

Doch nicht immer kann die Praxis mit der Theorie mithalten. Seit 14 Jahren hat die Polizei beispielsweise die Möglichkeit, zur Aufklärung einer schweren Straftat eine Rasterfahndung durchzuführen - also alle verfügbaren Datensätze, auch private, miteinander zu verknüpfen. Die Superfahndung, die 1997 unter dem Eindruck des damaligen Briefbombenterrors trotz massiver Proteste von Datenschützern in Österreich eingeführt worden war, wurde bisher kein einziges Mal durchgeführt. In der Praxis erwies sie sich nämlich als zu kompliziert, weil unterschiedliche Daten die Angewohnheit haben, inkompatibel zu sein.

In Google-Zeiten stellt sich überhaupt die Frage, ob die Rasterfahndung nicht überholt ist. Das 1500 Seiten starke Pamphlet des norwegischen Attentäters war frei zugänglich, auch andere terroristische Botschaften fanden und finden sich unverblümt im Netz und hatten ja auch schon gerichtliche Nachspiele. Dabei ging es allerdings immer um radikalislamistische Drohungen.

Rechtsextreme und Neonazis scheinen es vergleichsweise leicht zu haben, Botschaften zu verbreiten. Obwohl die Gefolgsleute der heimischen Alpen-Donau-Nazis immer wieder offen zu Gewalt aufrufen und konkrete Personen bedrohen, dauerte es zwei Jahre, bis die Seite zumindest vorübergehend vom Netz genommen und mehrere Verdächtige verhaftet wurden. Mittlerweile sind zwar auch Unterstützerkonten der Neonazis gesperrt, die Seite ist aber wieder online. Dies auch deswegen, weil es gegen rechtsextreme Umtriebe weder einen nationalen noch einen internationalen Schulterschluss gibt und die Neonazis von Servern im Ausland weiter hetzen dürfen. Es soll sogar Verbindungen ins heimische Parlament geben.

Auch der Fall der freigesprochenen Tierschützer hat das Vertrauen in Staatsanwaltschaft und Polizei nicht gerade gestärkt. Die Strafverfolgungsbehörden dürfen keine neuen Ermittlungsbefugnisse erhalten, solange sie mit den alten nicht umgehen können. (Michael Simoner, STANDARD-Printausgabe, 26.7.2011)

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Posting 1 bis 25 von 49
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starship
 
00
26.7.2011, 18:39
kriegsverbrecher und tierschützer...

solange in der republik einerseits potentielle kriegsverbrecher binnen 24 stunden enthaftet und andererseits ein paar aufmüpfige tierschützer monatelang in u-haft einsitzen und als terroristen verfolgt werden, hat der rechtsstaat ganz andere probleme zu lösen, als zusätzliche befugnisse für die polizei zu begründen.

mehr freiheit, mehr demokratie, mehr offenheit wären notwendiger.

ormuz
00
26.7.2011, 18:12

Die Strafverfolgungsbehörden dürfen keine neuen Ermittlungsbefugnisse erhalten, solange sie mit den alten nicht umgehen können.
Vor-allem steht der Mensch hinter der Maschine, in wie fern sind unsere Behörden in Europa, ethisch und human für eine multikulturelle Gesellschaft vorbereitet?
Für wie viele ist zb. Der Spruch: „die gehören alle an der Wand gestellt“ mit oder ohne „Gesindel“ gängiger Wortschatz?

mikromalist
 
00
26.7.2011, 15:35
Seit die Exekutive die

Zusammenarbeit mit der Bevölkerung weitgehend gekündigt hat, ist ihre Performance schwächer geworden.
Jetzt möchte sie sich noch mehr abschotten. Eigenartige Logik.
Wer die technologische Struktur von Muster- und Eigenschaftserkennung bis ins Detail kennt, weiss wie fehleranfällig sie ist.
Der völlig falsche Weg. Zur Unterstützung, ja.

Aber Simoner hat völlig recht. Medien zur Kommunikation und Information nutzen. Für Querchecks ...

Aber das Verstecken hinter den Computern ....

Dazu folgendes:
01
26.7.2011, 12:25
"Das 1500 Seiten starke Pamphlet des norwegischen Attentäters war frei zugänglich"

Soweit ich die Berichterstattung verfolgt habe ist das nicht richtig.

Leck-o-mio
05
26.7.2011, 12:23

Österreichs Zwei-Klassen-Justiz geht tendenziell politisch motiviert vor. Jene die unbequem sind und die weder über Macht, Geld oder politischen Einfluss verfügen werden bis zum privaten Ruin schikaniert (z.B. Tierschützer) und dort wo es spürbaren Gegenwind gibt wird zusammengezwickt damit nichts in die Hose geht.

Der letzte Satz: Treffender läßt sich der Rülpser aus dem BVT nicht ad absurdum führen.

"Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren."
Benjamin Franklin

Raul First
02
26.7.2011, 13:43
Franklin Zitat

“Those who would give up Essential Liberty to purchase a little Temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.”

Mickey Leitner
05
26.7.2011, 12:21
Die Strafverfolgungsbehörden dürfen keine neuen Ermittlungsbefugnisse erhalten, solange sie mit den alten nicht umgehen können.

Völlig richtig.

Träume sind Schäume..
01
26.7.2011, 12:00
Das Internet ist wie ein Abwasserkanal

Wenn man dort alles zusammentragen würde, stinkt es bis zum Himmel ;)

Im Ernst was viele Leute in unzähligewn Foren zu unzähligen Themen an wirren Statements von sich geben läßt sich nunmal von keinem Geheimdienst zusammentragen, analysieren und auswerten.

Allerhöchstens bei organisierten Gruppen, bei Einzeltpostern praktisch ausgeschlossen.

Beweis: Standard Forum lesen ;)

MiNeum71
 
00
26.7.2011, 15:31

:)))

ciciban
03
26.7.2011, 11:48
Die rechten haben Narrenfreiheit

Und natürlich war der Attentäter verwirrt.

Chrischarn
03
26.7.2011, 11:37
Es ist ja wirklich skurril,

wenn in nach derartigen Ereignissen regelmäßig der Ruf nach schärferen Gesetzen, mehr Überwachung etc. erschallt. Zeigt eigentlich nur die Hilflosigkeit der handelnden Personen. Gerade Taten von offensichtlich psychisch kranken Menschen können durch eine weitere Reglementierung nicht verhindert werden. Während unsere Politiker in reflexartigen Aktionismus verfallen, hat es das Volk schon längst verstanden und wehrt sich mehr und mehr gegen die Einschränkung der persönlichen Freiheiten. Und die Norweger gehen dafür jetzt sogar auf die Straße. Gratulation!!

Bioberni31
06
26.7.2011, 11:16
Scheinbar

hat die Polizei noch nicht verstanden das man nicht nur auf der Straße auf Streife gehen kann....anderseits muß man schon auch verstehen das die Überwachung des Internets extrem schwierig ist weils da doch soviele verlockende Seiten (youporn, miniclip etc.) gibt die einem massiv vom eigentlichem Auftrag ablenken...

WJM
02
26.7.2011, 14:06
Anscheinend!!!

Piefke in Tirol
10
26.7.2011, 11:11
Die Medien erzählen uns doch immer von den weltweiten Bedrohungen durch Extremisten.

Warum haben Sie nicht gegoogelt, Herr Mariner! Allein viele radikale Beiträge in den Standard-Foren könnten ja evtl. Verdachtsmomente ergeben. Herr Simoner, ermitteln Sie ! :-))

AlBundyFan
 
00
26.7.2011, 15:27
ja genau...

und dann gleich mal 10.000 österreicher festnehmen die hier im standard ein posting verfasst haben, das ein anderer als radikal einstuft.

Urfahraner Auge
00
26.7.2011, 11:18
Warum sollte die Presse googeln?

Piefke in Tirol
00
26.7.2011, 13:52
Evtl. aus Nachweisgründen, dass man z.B. wirklich Extremisten über Google aufspüren kann. :-))

Urfahraner Auge
00
26.7.2011, 14:54
Den Artikel nicht verstanden?

"Die Strafverfolgungsbehörden dürfen keine neuen Ermittlungsbefugnisse erhalten, solange sie mit den alten nicht umgehen können."

Piefke in Tirol
00
26.7.2011, 11:13
Sorry, Mariner bitte durch Simoner ersetzen!

:-))

märchenonkel
00
26.7.2011, 10:55
Vater Staat zahlt einfach zu schlecht, als dass er besseres als minderwertige Ware einkaufen kann. Die schlauen Köpfe gibt's wo anders.

pago1
00
26.7.2011, 10:29
presseforum lesen genügt

franzauer
30
26.7.2011, 10:24
dumm, dümmer...

Dümmer gehts nicht mehr. Je mehr die meist links stehende Medienwelt (Federführung ORF) versucht, die FPÖ direkt oder indirekt in die Verantwortung für die Oslo Katastrophe zu nehmen, desto mehr stärkt sie damit die FPÖ. Die große Mehrheit der Bevölkerung kapiert natürlich diese Methoden und beginnt sich zu solidarisieren. Siehe Waldheim, siehe Haider.....Ergebnis? Wieder ein paar Prozente mehr für die FPÖ. Wann werden die Linken endlich lernfähig ??

bratak
011
26.7.2011, 09:34
danke für den letzten absatz

einer solchen justiz mehr befugnisse geben, nein danke, abgesehen davon, dass neonazi-gruppen warum auch immer nicht als terrorgemeinschaften gesehen werden, was mir immer noch rätselhaft ist, da sie exakt den straftatbestand für §278a erfüllen
http://tinyurl.com/3glqr35

NORACSA
00
26.7.2011, 12:25

vielleicht weil sie nicht als organisiert gelten...

ganzsichernicht
 
02
26.7.2011, 08:44
...es soll sogar verbindungen ins heimische parlament geben....

ich kann sogar den namen des "maulwurfs" im parlament nennen: martin graf. nur als beispiel.

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