Als die Isländer beten mussten

András Szigetvari, 25. Juli 2011, 18:18
  • Artikelbild
    foto: reuters

    Die Isländer haben wenig Lust für die Schulden ihrer Banken gerade zu stehen. Das Icesave-Referendum über die Entschädigung ausländischer Sparer lehnten sie ab.

  • Artikelbild
    vergrößern 600x520
    grafik: standard

In Island haben es drei Banken geschafft, ein ganzes Land in den Ruin zu treiben. Doch der Staat hat sich wieder erfangen

Wien - "Gott schütze Island." Spätestens bei diesen Worten war der Ernst der Lage offensichtlich. Montagabend, 6. Oktober 2008: Die TV-Sender der Insel unterbrechen ihr Programm. Premier Geir Haarde wendet sich an die Nation. Er trägt schwarz, spricht langsam.

Von der Krise. Er ruft die Menschen zum Zusammenhalten auf. Dann sagt er den Schlüsselsatz: "Es besteht die Gefahr, dass unsere Volkswirtschaft dem Abwärtstrend der globalen Bankenkrise nicht entkommt und unsere Nation am Ende bankrott geht." Zum Schluss wendet er sich an Gott.

Der Fall Islands ist eine der bemerkenswertesten Episoden dieser globalen Finanzkrise. Binnen weniger Wochen schlitterte ein Land mit minimaler Staatsverschuldung und robuster Wirtschaft in Konkurs. Island führte vor, wie eine Bankenkrise ein Land in den Abgrund reißen kann. Und: Wie schnell eine Auferstehung möglich ist. Heute gilt Island wieder als sicherer Hafen für Investoren.

Am 6. Oktober 2008 war es freilich völlig unklar, ob Haardes Stoßgebete jemals erhöht werden. Fest stand nur, das Aus für die drei Landesbanken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir. Die Pleite der drei großen Geldhäuser war die Folge rasanten Wachstums. Bis in die 80er Jahre galt die isländische Wirtschaft als abgeschottet, die Banken waren in staatlicher Hand. Erst in den 1990er Jahren wurden sie privatisiert.

Kaupthing und Co begannen zu wachsen. Bald war ihnen Island mit seinen 320.000 Einwohnern zu klein. Das große Werben um Kunden in Großbritannien, den Niederlanden, Skandinavien aber auch Österreich begann. Zwischen 2004 und 2007 blähten sich ihre Bilanzen auf das neunfache der isländischen Wirtschaftsleistung auf. Nach der Lehman-Pleite 2008 ging es schnell.

Sanierung auf Pump

Die isländischen Banken konnten kein Geld mehr ausleihen. Im Herbst 2008 übernahm Reykjavik die drei Kreditinstitute, deren Rekapitalisierung kostete 2,3 Milliarden Euro. Der Umfang der Bankenhilfen belief sich auf 80 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das war zu viel. Das Land musste den Währungsfonds (IWF) und einige Länder um Geld ansuchen.

Während Island als Folge der Pleite die größten Unruhen seitdem Natobeitritt 1949 erlebte, ist der Fall für Ökonomen bis hierher nicht außergewöhnlich. Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff zeigen in ihrem Buch ("This Time is Different. Eight Centuries of Financial Folly"), dass Staatspleiten und Bankenkrisen fast unzertrennbar verbunden sind. Neben Kriegen und Währungskrisen sind Probleme im Finanzsektor der Hauptgrund, warum Staaten pleite gehen.

Dabei gelten drei Faustregeln. Es kracht in den Finanzystemen reicher Länder mit entwickelten Märkten ebenso oft wie in aufstrebenden Staaten in Asien, Südamerika und Afrika. Die Turbulenzen treten oft nach einer Liberalisierung der Finanzmärkte auf, also wenn Hemmnisse für den freien Kapitalfluss abgebaut werden. Drittens kosten Bankenkrisen viel Geld. Durchschnittlich steigt die Staatsverschuldung in den ersten drei Jahren nach einem Crash um 86 Prozent an.

Während der Weg in die Krise unspektakulär war, sticht Islands Reaktion auf die Probleme hervor. Die Regierung anerkannte, dass die eigenen Banken "too big to save", also zu groß sind, um sie zu retten. Der Staat bezahlte die Gläubiger der Institute nicht voll aus. In zwei Referenden (2010 und April 2011) lehnten die Isländer es ab, ausländische Sparer in Großbritannien und den Niederlanden für ihre Verluste zu entschädigen. Zugleich führte Island Kapitalkontrollen ein, beschränkte also den freien Geldfluss um die Flucht von Anlegern aus dem isländischen Kronen zu bremsen.

Die Krise war zwar nicht ohne Folgen - die Arbeitslosigkeit hat sich zwischenzeitlich verdreifacht - doch heute wächst Islands Wirtschaft wieder und kann sich an den Märkten problemlos Geld beschaffen. Nobelpreisträger Paul Krugman empfiehlt daher Politikern in der Eurozone, insbesondere in Irland, einen genauen Blick in Richtung Reykjavik zu werfen.

Auch Irlands Weg in die Pleite führte ja über eine Reihe von spektakulären Bankenpleiten. Doch Dublin entschied sich 2008 dafür, sämtliche Bankschulden zu garantieren. Irland ist heute auf Kredithilfen von IWF und aus dem Euro-Rettungschirm angewiesen. Mit Ausnahme der Exporte schwächelt die Wirtschaft.

"Der erfolgreichste Weg zur Lösung von Bankenkrisen ist es, Kreditinstitute im Problemfall zu verstaatlichen, zu restrukturieren und später wieder zu verkaufen. Das zeigt der Fall Island", meint auch Ökonom Vladimir Gligorow vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Staatliche Blankogarantien oder der Totalausfall hingegen würden Steuerzahler Unsummen kosten. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.7.2011)

Kommentar posten
19 Postings
Mathias
 
00
28.7.2011, 13:16
In Island haben es drei Banken geschafft, ein ganzes Land in den Ruin zu treiben.

Eine neue Achse des Bösen?

Howard Roark1
 
00
26.7.2011, 23:45
Na ganz so unschuldig war die Politik da net!

1) hat die Bankenaufsicht und die Zentralbank da voellig versagt. Die Banken haben da einige Jahre fuer viele erkennbar einen ganz heissen Reifen gefahren und da haette man schon viel frueher die Reissleine ziehen muessen.
2) dass man dann die inlaendischen Sparer "gerettet" hat, aber die bloeden Auslaender (UK, D, NL, DK,..) im Regen stehen liess, war ja auch net so schlau, denn das wird dem Ansehen des Landes (allgemein und bei Kreditoren) noch lange nachhaengen.

wien 1220
 
00
26.7.2011, 13:15
Wieder verkaufen?

Damit der ganze Zirkus wieder von vorne beginnt?

Keyser
22
26.7.2011, 03:49
Too big to fail, to big to be saved ...

Hier ist mal eine ganz verrückte Idee. Anstatt die Banken zu retten und zu sanieren, soll man Sie fallen lassen - aber!

Da die Kunden wohl kaum dafür verantwortlich sind, dass Banken und Geldinstitute wie die verrückten agieren, und sich selbst in die Krise stürzen - sollte man einfach die Kunden retten.

Das Geld, oder besser die Summe der Spareinlagen, wird auf eine andere Bank nach Wahl transferiert, und dem Geldhaus wird dann von einer Zentralbank die Summe gut geschrieben.

Dann kann ein nach dem anderen Institut in die Pleite rutschen, too big to fail, sind sie dann nicht mehr, und die Umverteilung von unten nach oben - hätte damit auch schlagartig ein Ende.

nachtflug71
00
27.7.2011, 13:25
*lach*

wie meinen sie das mit den "sparguthaben"?
glauben sie wirklich, dass das eingelegte geld in einem grossen geldspeicher wie bei dagobert duck lagert?
wenn man davon spricht, banken zu retten, geht es immer um das guthaben der bürger. das hat sich in österreich noch nicht herumgesprochen (wie ihr posting zeigt) und man kann immer noch ahnungslos dagegen polemisieren...

Peter Widzky
05
25.7.2011, 23:08
boah eh...

"Der erfolgreichste Weg zur Lösung von Bankenkrisen ist es, Kreditinstitute im Problemfall zu verstaatlichen, zu restrukturieren und später wieder zu verkaufen. Das zeigt der Fall Island", meint auch Ökonom Vladimir Gligorow vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. "

d.h. - schulden verstaatlichen, dann den gewinn wieder privatisieren...

polypus
00
26.7.2011, 08:43

Eh nichts neues...

Rumo von Zamonien
01
25.7.2011, 21:47

Schönes Plakat.

Sodern
22
25.7.2011, 20:59

Die isländischen Banken haben ihre Schrottpapiere an die ausländischen Töchterunternehmen abgetreten und diese dann, samt allen ausländischen Kunden, ihrem Schicksal überlassen. Eine Unverschämtheit die ihres Gleichen sucht und nicht so schnell vergessen werden sollte.

Tausende Leute wurden um ihr Geld geprellt. Jetzt das ganze nach solch einem Vorgang als Wunderheilung zu preisen halte ich für äußerst fragwürdig.

Island, der sichere Hafen .... forget it.

Ran Dom
01
26.7.2011, 07:51

Sie meinen wohl tausende Spekulanten wurden aus ihren feuchten Träumen gerissen...
Die isländischen Banke boten damals bis zu 10% Rendite an, sein Geld dort zu parken war nichts als reine Spekulation!

Eisteefetischist #1
10
25.7.2011, 20:00

Jaja, jetzt war schon eine halbe Woche ohne Pleitengeschrei. Da muss schon ein Schäuferl nach, keine Frage.

Mr. Fawlty
 
00
25.7.2011, 19:40
und wie haben sie das geschafft:

Schulen schließen usw.

Mr. Fawlty
 
00
25.7.2011, 19:44
zu früh abgeschickt...

jedes 2. Krankenhaus einsparen, Sozialleistungen kürzen. Vernünftig ist was anderes.

Enrico Furioso
13
25.7.2011, 20:34
Island hat, im Gegensatz zu Ihrer Meinung

seine Sozialleistungen großteils aufrecht erhalten. Das bestätigt auch die OECD in ihrem letzten Bericht zur Lage in Island, die darin lobend den "focus on preserving Iceland’s valued Nordic social welfare model" erwähnt.

Der Unterschied zu Irland, warum es für Island nicht ganz so schlimm kam bzw. das Land bereits wieder auf dem Weg der Erholung ist: der Staat weigerte sich die Schulden der privatwirtschaftlichen Banken zu übernehmen, eben nach dem Motto das im Artikel genannt wird: da die Banken "too big to save" waren, ließ man sie Pleite gehen.

Mr. Fawlty
 
00
25.7.2011, 21:32
"...Sozialleistungen großteils aufrecht erhalten..."

impliziert ja schon, dass Kürzungen vorgenommen wurden und nichts anderes hab ich gesagt.

Für mehr Informationen suchen Sie sich den Artikel aus "die Zeit" von letzter oder vorletzter Woche.

Jepedaia Springfield
40
25.7.2011, 19:31
Island ist gerettet, der EUROwahn geht weiter!

DirtyHarry
10
25.7.2011, 18:46

Island ist ein Zwergenstaat, der konnte leicht von IWF und aus dem Euro-Rettungschirm "gerettet" werden.

Howard Roark1
 
00
26.7.2011, 23:38
Sie wissen aber schon dass Island....

..weder in der EU ist,
..geschweige denn im Euro
???

DirtyHarry
00
29.7.2011, 21:43

Ja, beide Sachverhalte sind mir bekannt, jedoch nehmen die Isländer trotzdem gerne EU-Gelder.
http://newsv1.orf.at/?href=htt... 07466.html
UK und NL sind zudem auch noch direkte Opfer der diversen Islandbanken.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.