Unmut über "Errorexperten" in den Medien

28. Juli 2011, 11:26
197 Postings

Nahost-Korrespondent fordert die "Abschaffung des Berufsstandes" der Terrorexperten

Die Attentate in Norwegen sind aus zweierlei Gründen aus Mediensicht interessant. Zum einen zeigte sich einmal mehr, wie sehr Journalisten davon profitieren können, wenn sie ihre Recherche auch auf soziale Netzwerke ausdehnen. Andererseits zeigte das Ereignis auf, wie sich selbst traditionelle Medien unter dem Druck live zu berichten mit ihren Spekulationen in die falsche Richtung bewegen. 

Die Nachrichtenagentur Reuters informierte via Kurznachrichtendienst Twitter schneller von der Explosion in Oslo als die Meldung den gewohnten Weg über den Nachrichtenticker fand. Augenzeugen stellten rasch Fotos ins Netz. Heather De Lisle, Journalistin bei der "Deutschen Welle", schilderte die Vorzüge des neuen Netzwerks Google+, wie man hier mit dem System der Kreise zu Fakten kommen konnte - ohne selbst vor Ort zu sein (siehe Kommentar Schicksalsschwemmen). Sarah Hill vom Sender KOMU TV wiederum nützte das Video-Chat-Feature "Hangout", um Stimmen aus Norwegen einzuholen (mehr dazu hier).

Vielleicht auch unter dem Druck der Echtzeitnachrichten im Netz, versagten viele traditionelle Medien allerdings in ihrer Funktion, die Ereignisse einzuordnen und zu analysieren. Eilig wurden televisionäre Terrorexperten hervorgekramt, die die Situation einordnen sollten. Für Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary ein "Super-GAU der Terrorexperten". Er forderte die "Abschaffung des Berufsstandes" der "Errorexperten" und den Mut zur Lücke. Damit traf er die Meinung seiner Facebook-Fans, die in einer Umfrage ebendort Terrorexperten als Angstmacher einordneten, die "meistens nur im Kaffeesatz lesen".

El-Gawhary auf seiner Facebook-Seite über Terrorexperten wie Berndt Georg Thamm (N24): "Schafft sie ab"

Auch im heimischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen tippte man auf islamistischen Terror. "Die karge Informationslage von gestern, vor allem aber die perfide Professionalität dieses Anschlages haben viele Kommentatoren, auch mich, zu voreiligen Theorien verleitet. Nach heutigem Stand ist das Gegenteil der Fall", sagte Andreas Pfeifer, Chef der "ZiB"-Außenpolitik, im Studiogespräch vom Samstag (ORF-TVThek).

Elmar Theveßen, Terrorexperte des ZDF, verteidigte wenig überraschend den Berufsstand. Solange Quellen "genannt werden - wie bei uns geschehen - und auch ansonsten vorsichtig formuliert wird, war die journalistische Arbeit sauber", schreibt er im ZDF-Blog am Sonntag. Stefan Niggemeier kam in der FAZ zum Schluss: "Wer solche Experten kennt, braucht keine Laien". (sb)

  • Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary zur Berichterstattung über die Anschläge in Norwegen: "Super-GAU der Terrorexperten"
    foto: orf

    Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary zur Berichterstattung über die Anschläge in Norwegen: "Super-GAU der Terrorexperten"

  • ZDF-Terrorexperte Elmar Theveßen: "Die journalistische Arbeit war sauber"
    foto: screenshot

    ZDF-Terrorexperte Elmar Theveßen: "Die journalistische Arbeit war sauber"

Share if you care.