"Alle Reste von Nettigkeit rausbürsten"

Interview25. Juli 2011, 17:16
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Regisseur Claus Guth bereitet derzeit drei Mozart-Opern für die Salzburger Festspiele neu auf - Über sein "Mozart-Labor" sprach er mit Andrea Schurian

"Le nozze di Figaro" hat am Mittwoch Premiere.

STANDARD: Ihre Inszenierung des "Figaro" hatte 2006 Premiere, "Don Giovanni" 2008 und "Così fan tutte" 2009. Nun proben Sie die Wiederaufnahmen von allen dreien. Wissen Sie eigentlich immer, in welcher Probe Sie gerade sind?

Guth: Neulich hab ich aus Versehen Bo Skovhus als Graf angesprochen, obwohl er ja in diesem Jahr Don Alfonso in Così fan tutte singt. Ja: Aussetzer gibt es schon.

STANDARD: Sie arbeiten auch mit drei verschiedenen Dirigenten, drei verschiedenen Orchestern.

Guth: Ich liebe es, mit Dirigenten zu arbeiten, die mich mit ihrer eigenen Auffassung konfrontieren, die aber gleichzeitig auch zuhören können. Insofern ist es jetzt für mich in Salzburg gerade wie Weihnachten. Für mich ist das Ganze wie ein Mozart-Labor im Haus für Mozart. Spannend, wenn Sänger aus der einen Inszenierung in einer völlig anderen Rolle in der anderen Produktion auftauchen. Und dass ein Klang, den man so noch im Ohr hat, diesmal völlig anders klingt. Das ist übrigens das Faszinosum Mozart! Dass sie sich von so vielen Seiten nähern und jedes Mal etwas Neues zutage fördern können.

STANDARD: Wie schwierig ist es, diese drei Opernproduktionen parallel zu betreuen, ohne dass es Fließbandarbeit wird?

Guth: Es relativiert sich insofern, als ich mich bisher ganz auf Così fan tutte konzentriert habe. Figaro habe ich über die letzten Jahre stark verändert. Auch beim Don Giovanni bin ich im zweiten Jahr noch einmal ganz heftig rangegangen, habe Arien umgestellt, ein neues Lichtkonzept gemacht, einige Szenen geändert. Natürlich muss ich mit neuen Sängern arbeiten. Aber die massivere Baustelle ist dieses Jahr die Così. Da war ich mit der Premiere vor zwei Jahren nicht ganz zufrieden und mache nun mehr oder weniger eine komplette Neuinszenierung.

STANDARD: Was wird neu?

Guth: Bei dieser Oper bin ich immer wieder an kleinen Konventionsdetails hängengeblieben - die Verkleidung, der Arztauftritt. Dinge, die mich überhaupt nicht interessieren. Così ist für mich nämlich keine Komödie, sondern ein unglaublich zynischer, distanzierter, böser Blick auf den Menschen und die Berechenbarkeit seines Handelns. Es ist wirklich ein wüstes, unglaublich radikales Stück; ich habe mich entschlossen, alle Reste von Nettigkeit rauszubürsten. Die Idee des Engels aus dem Figaro führe ich in Così fort. Im Figaro war es ein hochpoetisches Experiment dieses Eros-Cherubs, die Menschen aufzurütteln - weil er die Bewegung an sich will, aber ohne Ziel. Nun hat dieser Eros-Engel das inzwischen 5000-mal gemacht und muss feststellen, dass die Menschen auf seine Irritationen immer gleich reagieren. In der Così erscheint Don Alfonso mit schwarzen Flügeln: Er ist für mich der alt gewordene, gefallene Engel, eine Art Pförtner zum Unterbewussten.

STANDARD: Nach der Premiere arbeiten Sie "Figaro", "Don Giovanni" und nun die "Così" um: Sind Sie je mit einer Premiere zufrieden?

Guth: Ich geh mit mir relativ hart ins Gericht. Das ist auch der Vorteil der langen Arbeitsbeziehung mit dem Bühnenbildner Christian Schmidt, dass wir sehr streng miteinander sind und nach der Premiere ein Resümee ziehen, ob wir geschafft haben, was wir erreichen wollten.

STANDARD: Jürgen Flimm sagte, Verrisse müsse man aushalten, aber Buhrufe seien feige. Wie geht es Ihnen, wenn Sie Buhrufe ernten?

Guth: Ich finde heftige Reaktionen aufregend. Das hat vielleicht mit meiner Urprägung durch Oper zu tun. Als Sechzehnjähriger geriet ich in Frankfurt während der Zehelein- und Gielen-Ära in Produktionen von Neuenfels und Berghaus. Da erlebte ich, wie Emotionen ausgelöst wurden. Dass man stritt und feierte, empfand ich beglückend. Insofern freue ich mich über emotionale Reaktionen.

STANDARD: Sie freuen sich, wenn Sie ausgebuht werden?

Guth: Bei einem reinen Buh-Orkan, den ich ja bei Wagner- oder Verdi-Inszenierungen auch oft erlebt habe, erschrecke ich. Bin verletzt. Doch in diesen Fällen rabiater Ablehnung weiß ich in der Regel schon vorher, dass es passieren wird.

STANDARD: Es fällt auf, dass Ihre Sänger durchwegs hohe schauspielerische Qualität haben. Das ist eher unüblich in der Oper.

Guth: Das stimmt. Früher war das anders, da war ich sehr konzeptuell orientiert. Das bin ich immer noch. Aber wenn ich bei einer Probe zwischendurch nicht Gänsehaut kriege und keine Tränen kommen, dann stimmt etwas nicht. Dass es passiert, hat mit Vertrauen zu tun: Die Sänger merken, dass der Rahmen, in dem sie agieren, Hand und Fuß hat. Und dass nur ihre gelebte Emotionalität das Ganze zum Explodieren bringt.

STANDARD: Arbeiten Sie lieber mit Stars oder unbekannten Sängern?

Guth: Am schwierigsten sind jedenfalls die in der Mitte, die sich einbilden, sie seien Stars, und sich bereits alle Allüren angeeignet haben. Auch mit Jungen ist es sehr angenehm zu arbeiten, weil sie noch vorurteilsfrei sind. Schwierig ist nur das "Möchtegernfeld".

STANDARD: Berghaus, Gielen, Zehelein, Neuenfels: Waren das Ihre Vorbilder?

Guth: Ja. Das sind die Namen, vor denen ich noch immer den Hut ziehe. Frankfurt war die Geburtsstunde von dem, was jetzt immer noch - mit leichten Ermüdungserscheinungen - als Regietheater durchexerziert wird. Das waren wichtige Prägungen für mich als Jugendlicher, der von den Interessen her eine Band und den Film im Kopf hatte und der plötzlich merkte: Da ist ja Leben in der Bude. Hätte es damals in Frankfurt konventionelles Operntheater gegeben, wäre ich vielleicht nie Opernregisseur geworden.

STANDARD: Ihr Weg war nicht sehr linear, Sie haben beim Fernsehen gearbeitet, in einem Lektorat ...

Guth: ... Philosophie und Germanistik studiert, vieles ausprobiert. Ich war ein Jahr in New York, um herauszufinden, wo die Reise hingehen könnte, habe mich mehrmals an der Filmhochschule beworben ...

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Opernregisseur klinge so altvatrisch. Als was würden Sie sich denn bezeichnen?

Guth: Als neugierigen Menschen. Dieser Beruf ist ja ein großes Geschenk, ich kann mich mit Stoffen beschäftigen, die mich sowieso interessiert hätten. Als ich beim Regiestudium zum ersten Mal mit Sängern und Schauspielern arbeitete, wusste ich sofort: Jetzt bist du angekommen. Das kannst du.

STANDARD: Gehen Sie in Opernvorstellungen von Kollegen?

Guth: Ich bin der Oper nicht verschrieben. Ich bin in Ausstellungen zu finden, in Rockkonzerten oder fernen Ländern, aber nur selten in Opernhäusern - nur wenn ich einen Sänger hören möchte oder bei einigen wenigen Kollegen, wo ich neugierig bin. Aber ich gehe nicht viel in die Oper. (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 26. Juli 2011)

Claus Guth (47), in Frankfurt am Main geboren, zählt zu den spannendsten Opernregisseuren des deutschen Sprachraums.

  • Claus Guth auf Probe: "Wenn ich zwischendurch nicht Gänsehaut kriege, 
dann stimmt etwas nicht". Foto: A. Zeininger / Staatsoper
    foto: wiener staatsoper gmbh / axel zeininger

    Claus Guth auf Probe: "Wenn ich zwischendurch nicht Gänsehaut kriege, dann stimmt etwas nicht". Foto: A. Zeininger / Staatsoper

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