Eine explosive Mischung aus Ausländerhass und Christfundamentalismus dürfte die Ursache für die Bluttat gewesen sein
Eine ausführliche und seriöse Beschreibung der inneren (und offensichtlich wirren) Welt des Anders Behring Breivik, für den allerdings auch in Norwegen die Unschuldsvermutung gilt, ist derzeit noch nicht möglich. Informationsfetzen, Wortspenden in einschlägigen Foren und eine mittlerweile vom Netz entfernte Facebook-Seite liefern jedoch erste Einblicke in das Allerpersönlichste des Herrn Breivik, nämlich seine Gedankenwelt und insbesondere - seine Motivation.
Das Bild, das man ausschließlich den Medien entnehmen kann, scheint nun immer klarer werdende Züge anzunehmen: eine explosive Mischung aus Ausländerhass und Christfundamentalismus dürften, mithilfe der katalytischen Wirkung einer hormonellen Störung, das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Der Rest ist bekannt.
Über die Beliebigkeit der Religion
Es wäre billig zu behaupten, dass die Anders Behring Breivik angelastete Bluttat primär seinem christlich geprägten Wertekatalog entsprungen ist. Oder gar einer christlichen Lehre als solche. Es wäre aber genauso unseriös zu behaupten, dass seine offensichtlich gestörte Weltanschauung oder gar sein Handeln mit dem Christentum nicht in Verbindung gebracht werden kann. Wer im Christentum die Botschaft der universellen menschlichen Brüderlichkeit sucht - der wird fündig. Wer im Christentum hingegen eine theozentrische Weltanschauung sucht, die mithilfe eines etwaigen moralischen Absolutheitsanspruchs Bluttaten wie die jüngste rechtfertigen - wenn nicht gleich inspirieren - könnte, der wird aber auch fündig.
Schließlich lassen sich auch die am entferntesten voneinander zu liegen scheinende Denkströmungen des Abendlandes über das Christentum miteinander in Verbindung bringen; glühende republikanische Christfundamentalisten (bzw. christfundamentalistische Republikaner) der Tea Party haben mit dem größten Feind der Nation, dem Kommunismus (eigentumslose Verbrüderung - klingt bekannt?) mehr Berührungspunkte, als den meisten Proponenten recht wäre. Aber auch dem Islam, dem Judentum sowie anderen Religionen ist die Exegese als Beweismittel nicht fremd. Ganz im Gegenteil - sie ist fixer Bestanteil jeder Offenbarungsreligion und mit ihrer Hilfe kann jede beliebige Handlung gerechtfertigt oder verneint werden.
Der Kluge lernt aus der Erfahrung der anderen
Und wie geht Österreich mit Religion um? Sehr einfach: Jede Religionsgemeinschaft, die genügend potenzielle WählerInnen aufweisen kann oder in der Lage ist, ihre eigene juristische Aufwertung zu erkämpfen (z.B. Jehovas Zeugen) kommt in den Genuss zahlreicher Privilegien, die sie weit über dem üblichen demokratischen Diskurs platzieren und ihr eine moralische Immunität verleihen. Religion ist hierzulande nämlich immer nur positiv konnotiert und jegliche Schattenseiten undenkbar; Religionen gehören nicht hinterfragt, sondern pauschal gefördert.
Folglich dürfen die anerkannten Religionsgemeinschaften Österreichs, beispielsweise, die Indoktrinierung des Nachwuchses (= konfessioneller Religionsunterricht) inhaltlich praktisch unbehelligt gestalten bzw. durchführen und die Kosten dafür dem Steuerzahler in Rechnung stellen. Und als wenn dies nicht genug wäre, so gilt seit Jahren bereits in knapp 200 Schulen das, was demnächst flächendeckend gelten wird: ausschließlich SchülerInnen, die den Religionsunterricht, aus welchem Grund auch immer, nicht besuchen, werden gezwungen, einen Ethikunterricht, oft von einem/r unterbeschäftigten Religionslehrer/in verabreicht, als Ersatzpflichtgegenstand zu besuchen.
In Österreich gibt die Religion den Ton an - der Schwanz wedelt mit dem Hund. Zahlreiche LobbyistInnen der Religion sitzen in der Regierung und verhindern nicht nur jegliche Erosion besagter Privilegien - sie arbeiten sogar am Ausbau (Anhebung der steuerlichen Absetzbarkeit des Kirchenbeitrages, Erweiterung des "Schulversuchs" Ethikunterricht) und die Opposition schaut mehrheitlich zu. Sollte etwas passieren, so werden es eh nur ein paar Fanatiker gewesen sein. (Leser-Kommentar, Eytan Reif, derStandard.at, 27.7.2011)
Autor
Mag. Eytan Reif ist Vorstandsmitglied des Vereins "Initiative Religion ist Privatsache"