Ausländerhass und Christfundamentalismus

Breiviks wirre Welt

Leser-Kommentar | 27. Juli 2011, 09:01

Eine explosive Mischung aus Ausländerhass und Christfundamentalismus dürfte die Ursache für die Bluttat gewesen sein

Eine ausführliche und seriöse Beschreibung der inneren (und offensichtlich wirren) Welt des Anders Behring Breivik, für den allerdings auch in Norwegen die Unschuldsvermutung gilt, ist derzeit noch nicht möglich. Informationsfetzen, Wortspenden in einschlägigen Foren und eine mittlerweile vom Netz entfernte Facebook-Seite liefern jedoch erste Einblicke in das Allerpersönlichste des Herrn Breivik, nämlich seine Gedankenwelt und insbesondere - seine Motivation.

Das Bild, das man ausschließlich den Medien entnehmen kann, scheint nun immer klarer werdende Züge anzunehmen: eine explosive Mischung aus Ausländerhass und Christfundamentalismus dürften, mithilfe der katalytischen Wirkung einer hormonellen Störung, das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Der Rest ist bekannt.

Über die Beliebigkeit der Religion

Es wäre billig zu behaupten, dass die Anders Behring Breivik angelastete Bluttat primär seinem christlich geprägten Wertekatalog entsprungen ist. Oder gar einer christlichen Lehre als solche. Es wäre aber genauso unseriös zu behaupten, dass seine offensichtlich gestörte Weltanschauung oder gar sein Handeln mit dem Christentum nicht in Verbindung gebracht werden kann. Wer im Christentum die Botschaft der universellen menschlichen Brüderlichkeit sucht - der wird fündig. Wer im Christentum hingegen eine theozentrische Weltanschauung sucht, die mithilfe eines etwaigen moralischen Absolutheitsanspruchs Bluttaten wie die jüngste rechtfertigen - wenn nicht gleich inspirieren - könnte, der wird aber auch fündig.

Schließlich lassen sich auch die am entferntesten voneinander zu liegen scheinende Denkströmungen des Abendlandes über das Christentum miteinander in Verbindung bringen; glühende republikanische Christfundamentalisten (bzw. christfundamentalistische Republikaner) der Tea Party haben mit dem größten Feind der Nation, dem Kommunismus (eigentumslose Verbrüderung - klingt bekannt?) mehr Berührungspunkte, als den meisten Proponenten recht wäre. Aber auch dem Islam, dem Judentum sowie anderen Religionen ist die Exegese als Beweismittel nicht fremd. Ganz im Gegenteil - sie ist fixer Bestanteil jeder Offenbarungsreligion und mit ihrer Hilfe kann jede beliebige Handlung gerechtfertigt oder verneint werden.

Der Kluge lernt aus der Erfahrung der anderen

Und wie geht Österreich mit Religion um? Sehr einfach: Jede Religionsgemeinschaft, die genügend potenzielle WählerInnen aufweisen kann oder in der Lage ist, ihre eigene juristische Aufwertung zu erkämpfen (z.B. Jehovas Zeugen) kommt in den Genuss zahlreicher Privilegien, die sie weit über dem üblichen demokratischen Diskurs platzieren und ihr eine moralische Immunität verleihen. Religion ist hierzulande nämlich immer nur positiv konnotiert und jegliche Schattenseiten undenkbar; Religionen gehören nicht hinterfragt, sondern pauschal gefördert.

Folglich dürfen die anerkannten Religionsgemeinschaften Österreichs, beispielsweise, die Indoktrinierung des Nachwuchses (= konfessioneller Religionsunterricht) inhaltlich praktisch unbehelligt gestalten bzw. durchführen und die Kosten dafür dem Steuerzahler in Rechnung stellen. Und als wenn dies nicht genug wäre, so gilt seit Jahren bereits in knapp 200 Schulen das, was demnächst flächendeckend gelten wird: ausschließlich SchülerInnen, die den Religionsunterricht, aus welchem Grund auch immer, nicht besuchen, werden gezwungen, einen Ethikunterricht, oft von einem/r unterbeschäftigten Religionslehrer/in verabreicht, als Ersatzpflichtgegenstand zu besuchen.

In Österreich gibt die Religion den Ton an - der Schwanz wedelt mit dem Hund. Zahlreiche LobbyistInnen der Religion sitzen in der Regierung und verhindern nicht nur jegliche Erosion besagter Privilegien - sie arbeiten sogar am Ausbau (Anhebung der steuerlichen Absetzbarkeit des Kirchenbeitrages, Erweiterung des "Schulversuchs" Ethikunterricht) und die Opposition schaut mehrheitlich zu. Sollte etwas passieren, so werden es eh nur ein paar Fanatiker gewesen sein. (Leser-Kommentar, Eytan Reif, derStandard.at, 27.7.2011)

Autor

Mag. Eytan Reif ist Vorstandsmitglied des Vereins "Initiative Religion ist Privatsache"

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Posting 1 bis 25 von 177
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Mysterix
10
Christlicher Fundamentalist?

Breivik war vieles, aber garantiert kein christlicher Fundamentalist- selbst wenn er glaubte einer zu sein. Ein christlicher Fundamentalist ist ein Sandler, der nichts hat, nichts arbeitet und mit niemandem streitet. Wer etwas anderes behauptet soll zur Abwechslung einmal ins neue Testament hineinschauen.

Knochenmann
00

Ehrlich gesagt finde ich es nicht soooo überraschend das ein Norweger durchgedreht ist.

Das ganze Land ist doch im höchsten Grade schizophren, das durchwegs positive Bild das viele Leute von Norwegen haben, vielleicht von einem zwei Wochen Ausflug, kann ich so gar nicht teilen.

Erasmus_01
31
29.7.2011, 23:32
Über Breiviks christliche Identität

Für all jene, die, wie der (noch) NÖ-ORF Vize-Chefredakteur, den Zusammenhang zwischen Breivik, seiner Tat und Religion noch nicht verstanden haben, anbei ein Zitat aus seinem eigenen Manifest (S.1403)

"At the age of 15 I chose to be baptised and confirmed in the Norwegian State Church. I
consider myself to be 100% Christian."

Religion gehört geduldet und im extremfall seitens des Staates hinterfragt, in einer Demokratie jedoch keineswegs privilegiert.

Chien de Pique
00

Identität ja, aber Glaube eben nicht unbedingt.

Oberrahm
11
Das war vor 17 Jahren.

Wie Sie hier 1 Satz aus dem "Manifest" herausschneiden und dann in eine bestimmte Richtung hin interpretieren, ist absolut unseriös.
Bin mir sicher, dass es auch nicht wenige gibt, die sich vor 15, 20 Jahren aus voller Überzeugung noch firmen ließen, heute aber z.B. Atheist sind oder zu einer anderen Religion übergetreten sind.

zhang sanfeng
01

ihre hypothetischen atheisten würden dann kaum im präsens darüber schreiben ("ich halte mich für einen hundertprozentigen christen"), ein kreuz auf ihr "manifest" montieren und das ganze unmittelbar vor der tat uploaden.

D/E
22
29.7.2011, 17:39
Der Spagat zwischen Breivik und den angeblichen Privilegien

der christlichen Kirchen in Österreich ist beachtlich. Aber wenn es um Ideologie geht, kennt so ein Liberaler keinen Genierer.

Herr Reif, führen Sie bitte weiterhin anderer Leute Geld Gassi. Ethische Fragen verlangen ein wenig mehr als ein paar abgeschliffenen Neologismen (Was zum Kuckuck ist "Christfundamentalismus"?)

jacques05
10
29.7.2011, 20:01
ganz einfach, ein "christfundi" ist das gegenteil eine katholiken...

er versucht, nach dem wort gottes zu leben.

NUAZO
74
28.7.2011, 11:45

bei aller liebe zur kirchenkritik (is etwas was ichh sonst fast immer begrüße) aber der kommentar ist so unglaublich unnötig um nicht zu sagen blöd, dass ich mich echt schämen muss für den koffer der das geschrieben hat.

Jujilla
02
28.7.2011, 15:22

Zu ihrem Kommentar fällt mir nur eines ein: catholic astroturfing gone bad.

Michael Aires
13
28.7.2011, 12:18
ich nehme an sie wollen die hormone in schutz nehmen?

die hier auch sicher eine rolle gespielt haben, siehe (und vor allem lese) den artikel (doch bitte ganz).

ansonsten: hätten wir auch ein argument ausser schimpferei parat? sie wissen vielleicht nicht - these, antithese, argument, gegenargument ...

noirc80
01
28.7.2011, 20:55

logisches argumentieren ist bei religiösen nicht vorgesehen;)

Michael Aires
39
28.7.2011, 09:55
Amüsant, wie hier offensichtliche Taufscheinkatholiken

ohne den Artikel durchgelesen zu haben und ohne ihre eigene Religion wenigstens in Ansätzen verstanden haben (können/wollen) hier, der "Christlichkeit" zur Seite springen möchten...

Hier ist von einer "explosiven Mischung" die Rede, und nicht davon, dass die christl. Weltanschauung hier alleine die Ursache sei.

zhang sanfeng
24
28.7.2011, 11:39
richtig. und der "schwefel" in breiviks explosiver mischung

ist nun mal das "christen"tum.
dass ihn dabei nicht die bergpredigt interessiert hat, sondern der taktische vorteil einer kulturellen klammer, also das "wehrhafte" am "christentum" ist klar.

das problem dabei: das ist bei der überwiegenden mehrheit der hiesigen christen, also den taufscheinchristen, auch nicht anders.
bei der letzten säuglingstaufe, die ich erlebt habe, hat der pfarrer die gelegenheit für eine hasspredigt gegen den islam genutzt. "amen" hat das kirchenvolk dazu gesagt.
und ein führer der opposition, deren angeblich stille duldung der kirchenprivilegien reif im artikel beklagt, ist nach seiner öffentlichen kreuzfuchtelei nicht exkommuniziert, sondern gefirmt worden.

wasser predigen, geschwefelten wein trinken.

noirc80
00
28.7.2011, 20:56

... und auf gar keinen fall selber denken und reflektieren.

Erasmus_01
34
28.7.2011, 09:13
Schlüssig und mutig

Die Wahrheit tut manchmal weh, insbesondere wenn über Jahrhunderte Theologie mit Politik verwechselt wurde (und noch wird – s. HC mit dem Kreuz herumfuchtelnd).
Die Österreichische Barockkunst ist von Türkenhass geprägt (Kapuzinergruft, Fresken Stift St. Florian etc.) und in seinem Manifest bezieht sich Breivik fast krampfhaft auf christliche Clichés; besonders auffällig auch seine Affinität zur katholischen Kirche (und das als Protestant!)

Einzig der titel könnte/sollte anders lauten, der Inhalt ist aber hochaktuell - auch wenn dies nicht offensichtlich ist

N. Dot. Irrung
02
28.7.2011, 12:41
Zum Artikel

Naja, es ist ja nicht nur der Titel der nicht zum Inhalt paßt, sondern auch andere gedanklichen Purzelbäume sind kritisierbar. Ich versuch mit 750 Zeichen ein paar Punkte zu nennen:
.) seine Diagnose: A.Hass & C.Fund seien Schuld. Andere sagen: Islamhass und Antimarxismus spielten die Haupt-Rolle. (siehe Überfall auf Jugendlager!)

,) Der Übergang zu Privilegien & Religionsunterricht ist ein Bocksprung

.) diverse Aussagen ("Relig.sei positiv konotiert") sind nicht nachvollziehbar (siehe allein die Resantimants hierzuforums)

.) Projektion der Kritik auf alle Religionen (umfaßt z.B. auch Buddhismus)

.) Der unsägliche Schlußsatz, der nahelegt dass Rel.Unterricht Fanatiker (Mörder) heranzieht.

Reicht das?

zhang sanfeng
22
28.7.2011, 13:17

.) breivik hat alles mögliche in seiner persönlichen mixtur, von der freimaurerei bis zu den tempelrittern. dass sein pamphlet ein kreuz auf der titelseite "ziert" ist aber nun mal fakt.

.) gerade im licht dieses massakers ist die staatliche privilegierung von religiosität ein pferdefuss einer sakulären gesellschaft, kein inhaltlicher bocksprung.

.) widerstand gegen die privilegierung von kirchen gibt es, da haben sie recht - im gesetz ist sie nach wie vor festgeschrieben. auf diese wunde legt herr reif den finger.

.) jede religion ist gleich zu behandeln. keine ist zu privilegieren

.) dass sich religion zur fanatisierung eignet, und genau dazu auch verwendet wird ist fakt.
der kritik die berechtigung abzusprechen reicht nicht.

N. Dot. Irrung
21
28.7.2011, 14:49
Nur zwei Punkte (habe leider die Zeit nicht hier ausführlicher zu diskutieren)

.) Das ist insofern ein Bocksprung, weil Breivik wohl bloß christlich-fanatisch war. Wenn der Autor nun diesen chrstilichen Fanatismus erweitert und auf andere Relgionen projeziert und damit die Privilgien der Relgionen angreift ist das ein Bocksprung, denn was kann z.B. der Buddhismus für (denn ich genannt habe als eine Art Gegenpol zu christl. Fundamentalismus ohne nahelegen zu wollen es sei die EINZIGE friedfertige Religion) seinen christl.Fanatismus?
.) Antireligiosität eignet sich ebenso zu Fanatismus. Siehe Stalin.
[Beveiks Anti-Islamismus ist je eigentlich bloß eine Telmenge von allg.Antreligiostät... (ok, das war jetzt eine etwas stichelige Anmerkung.)]

N. Dot. Irrung
11
28.7.2011, 15:00
Noch eine Ergänzung

Wenn man die Privilegien der Relig.Gemeinschaften abschaffen will, dann soll das auf einer anderen Ebene diskutiert werden. Dazu brauche ich auch keinen christlichen, muslimischen oder sonstigen Attentäter um das jetzt argumentieren zu können.

Und weil hier immer relgiöse Menschen als minderbemittelt dargestellt werden, so sei es den Vertretern dieser Meinung unbenommen das zu glauben. Nichtsdestotrotz haben die minderbemittelten Angehörigen der Opfer in Oslo an einem Gedenkgottesdienst teilgenommen...

zhang sanfeng
00
28.7.2011, 15:23

mhm, es wäre gut, die abschaffung der privilegien nüchterner zu diskutieren.
leider gibt es da halt viel widerstand - wobei doch gerade kirchen viel zu gewinnen hätten, wenn man ihnen nicht mehr nachsagen könnte, dass es ihnen sowieso nur um tarnung für höchst weltliches machtstreben geht.

persönliche untergriffe als mittel der auseinandersetzung helfen niemandem, da stimme ich ihnen völlig zu.
vielleicht hilft es zur entspannung des gesprächsklimas wenn ich an dieser stelle sage, dass ich selbstverständlich auch minderbemittelte atheisten und hochintelligente katholiken kenne.
(ob religion eher verdummend oder intelligenzfördernd wirkt sollte aber als diskussionsthema erlaubt bleiben)

N. Dot. Irrung
00
28.7.2011, 12:45

>Ressentiments<
(Sorry, manchmal neige ich zu onomatopoetischen Schreibweise).

Michael Aires
11
28.7.2011, 13:30
wenigstens gelesen haben sie den artikel

Sie implizieren übrigens mit "Buddhismus" Erwähnung dass diese die einzig friedfertige sei.
Die "Ressentiments" haben sich jedenfalls noch nicht in einer steuerlichen ENT-günstigung der Religionen oder einer Streichung aus mit öff. Geldern finanzierten Schulpläne manifestiert. Es wird lediglich die freie Meinungsäußerung toleriert.

Wenn 3jähriges Kind in USA sagt "ich bin eine Sünderin" ist das Indoktrination. Bsp.e sind auch Islamschulen im Nahen Osten. Dass hier Grundlage für Hass und dessen Konsequenzen gelegt werden, ist sehr wohl einleuchtend.

hurchzua
55
28.7.2011, 08:51
Selten so viel Schwach sinn gelesen

Breivik ist KEIN gläubiger Christ. Er hat das selbst in seinem "Manifest" ausgesprochen.

Der ausdruck "christlich" diente ihm nur zur Abgrenzung von "Moslem".

Urbin
410
28.7.2011, 02:43
Mag. Eytan Reifs wirre Weltsicht!

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