Die verrückten Streiche der Reichen

24. Juli 2011, 19:56
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Thomas Wolfe, Kraftlackel der erzählerischen US-Moderne, liest der New Yorker High Society von 1928 die Leviten

Wien - Von seinen ehrgeizigen Romanen sprach Thomas Clayton Wolfe (1900-1938) wie ein Hersteller von Wollerzeugnissen. Während übelwollende Kritiker ihm seinen schreiberischen Überschwang vorwarfen, seine Unfähigkeit, einen begonnenen Plot sicher zu Ende zu erzählen, wob der Autor von Schau heimwärts, Engel (1929) Faden um Faden beharrlich ineinander.

Texte wie der nun erstmals in der Urfassung ins Deutsche übertragene New-York-Roman Die Party bei den Jacks sind keine leichte Kost für Freunde fortgeschrittener Erzählökonomie. Der "amerikanische Homer" der Roaring Twenties verkettete seine langen Perioden zu flächigen Gebilden: Erst in der planvollen Zusammenschau lernt man das kunstseidene Glitzern und Knistern dieser Prosa auch wirklich zu schätzen.

Die Titelhelden des aus dem Nachlass edierten Werkes - Wolfe starb 1938 als allzu früh Vollendeter an der Schwindsucht - mögen tatsächlich die Jacks sein. Mr. Jack, ein jüdischer Börsenspekulant, wandert nach freudloser Jugend im rheinischen Koblenz nach New York aus. Er wirkt mit an der zügellosen Entfesselung der Kapitalkräfte.

Grausame Architektur

Weil das Fließen imaginärer Geldströme jeder Anschaulichkeit entbehrt, bleibt Wolfes flackernder Blick an der Skyline von New York haften. Die zerklüftete Gebirgslandschaft aus Stahl, Glas und Metall wird unermüdlich in den grellsten Farben beschworen: eine Architektur, "so grausam, unmenschlich und monströs, von assyrischem Stolz und Hochmut, in schwindelerregenden Spitzen auslaufend und wie ein Keil, wie eine Wand", mit dem Messer, wie Wolfe fiebrig weiterdichtet, aus einer "vorgefertigten, unglaublichen Skulptur aus Licht und Schatten" herausgeschnitten.

Thomas Wolfe ist kein verklärender Propagandasänger, auch wenn er den Protagonisten des US-Spekulationsbooms eine beharrliche, zärtliche Aufmerksamkeit schenkt. Er betritt Mr. und Mrs. Jack bei der Morgentoilette. Er betrachtet sie beim Badeinlassen und scannt dabei ihre Gehirne: In diesen glänzt das Bewusstsein der eigenen Wohlanständigkeit nicht weniger hell als die stolzeste Glasfassade in Manhattan.

In der Figur der Esther Jack gerinnen die Lebenserfahrungen des literarischen Gipfelstürmers zum Porträt. Die gefeierte Bühnenbildnerin bereitet eine Party vor, zu der die gesamte Wallstreet-Schickeria geladen ist. Ihre anmutige, leicht schwerhörige Gestalt ist Wolfes mehrjähriger Geliebten Aline Bernstein nachgebildet - diese führte den massigen "Bauerntölpel" aus North Carolina mit seiner eingestandenen Vorliebe für Messer und Gabel in die Snobistenkreise von "Downtown Manhattan" ein.

Es ist die unbeirrbare Akribie, die Wolfes Beschreibung einer meistenteils belanglosen Party neben dem größten Geisterbeschwörer der "Verlorenen Zeit" bestehen lässt, den die Moderne kennt: Die Party bei den Jacks, in deren Verlauf nichts weiter passiert, als dass das Hochhaus zu brennen beginnt und die armen Fahrstuhlführer im Qualm ersticken, steht gewissen Schilderungen Marcel Prousts in nichts nach. Die Manier, am Zollstock eines einzigen Tages Maß zu nehmen, um das Bild einer untergehenden Gesellschaft wie in einer Séance heraufzubeschwören, erinnert zudem an Virginia Woolfs Mrs. Dalloway.

Thomas Clayton Wolfe, dem überschießenden Kraftkerl der amerikanischen Erzählkunst, kann man aus seiner Unbeholfenheit leicht einen Strick drehen: Atemlos damit beschäftigt, die Webteilchen seiner Prosa ineinanderzuschlingen, Adjektive anzuhäufen und ihrem Echo nachzulauschen, vergisst er zwischendurch sogar auf seine Hauptfigur, den ominösen Mr. Frederick Jack.

Man wird jedoch der ungezügelten Schreibweise dieses einzelgängerischen "Mavericks" eine gewisse Folgerichtigkeit attestieren müssen: Findet die Party bei den Jacks an einem Maitag 1928 statt, so ereignet sich der berüchtigte "Schwarze Freitag" erst im Jahr darauf, im Oktober 1929. Mr. Jack wird dem Zusammenbruch des Finanzwesens als ergrauter, vorschnell gealterter Mann mit Ende 50 bankrott entschlüpfen. Wolfe widmet diesem Blick in eine rabenschwarze Zukunft gerade einmal ein paar Zeilen.

Vorbei ist es dann mit den Eskapaden leichtlebiger Damen, die wie Motten der Anziehungskraft des Mammons erliegen. Vorbei die lächerlichen "Drahtpuppentheater"-Stücke, mit denen eine geschmacklich überreizte Society ihren Bildungshunger in Rufweite des Buffets stillt. Die Menschen werden wirtschaftlich am Boden zerstört sein, und nur die Skyline des New Yorker Wolkenkratzergebirges wird in den Himmel ragen: das versteinerte Produkt unsichtbarer Arbeit. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 25.7.2011)

Thomas Wolfe: "Die Party bei den Jacks". Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. 350 Seiten / € 24,95. Zürich, Manesse 2011

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    Der Schwarze Freitag 1929 in New York: Die Börsenmakler versammeln sich, um ihre Aktien abzustoßen. Unter ihnen dürfte auch jemand wie "Mr. Jack" versuchen, Schaden abzuwehren ...

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    Sänger der amerikanischen Moderne: Thomas Wolfe.

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