Die neue Unruhen in Ägypten zeigen, dass die "6. April"-Jugendbewegung auf offene Ablehnung bei manchen Bevölkerungsteilen stößt
Einer der großen Startvorteile, mit denen Ägypten in die Revolution und in
die Transitionszeit ging, schien die weitgehend homogene Bevölkerung - zumindest
im Vergleich mit anderen Staaten in der Region - zu sein. Zwar gibt es große
soziale Unterschiede und natürlich die beiden großen Lager, von denen sich das
eine mehr und das andere weniger Islam im Staat wünscht. Aber in einem waren
sich bis auf das Regime und seine Profiteure fast alle einig: Nach dem Sturz
Hosni Mubaraks sollte der Weg in Richtung Demokratie führen.
Und diesen Weg überwachen die revolutionären Gruppen, was sie immer öfter in
Konflikt mit dem beharrenden Militärrat bringt, dem die Übergangszeit anvertraut
ist. Aber schon früh begann sich auch in der Bevölkerung die Meinung zu spalten,
wie viel Revolution und Demokratie eigentlich notwendig und gut fürs Land seien:
Noch vor dem Rücktritt Mubaraks, als er seine zunehmend verzweifelten und mit
Reformversprechen gespickten Reden hielt, meinten nicht wenige, das Wichtigste
sei erreicht.
Nun ist das deprimierende - und für das Land gefährliche - Stadium erreicht,
in dem die "6. April"-Jugendbewegung, ohne die Mubarak heute noch an der Macht
wäre, auf offene Ablehnung bei manchen Bevölkerungsteilen stößt. Dabei spielt
natürlich auch eine Rolle, dass es dem postrevolutionären Ägypten wirtschaftlich
nicht besser, sondern schlechter geht. Es wird noch holprig werden. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2011)