Rechtsextremismus-Forscher

"So kann man ein Klima versauen"

Interview | 24. Juli 2011, 18:59

Hajo Funke: Die Agitation von Rechtspopulisten schafft ein Milieu, das die Hemmschwelle für Amokläufe herabsetzen kann

Mit Funke sprach Saskia Jungnikl.

*****

STANDARD: Sie finden es ungewöhnlich, dass Norwegen Ziel eines offenbar rechtsextrem motivierten Anschlags geworden ist. Warum?

Funke: Es gibt in Norwegen rechtsextreme Tendenzen, die sich aber nie in Gewalt- und Mordtaten manifestiert haben. Es ist ein sozialliberales Land. Wie wir langsam erfahren, war der Täter ein Fanatiker, ein Exzentriker, der eine rechtsextreme und islamfeindliche Einstellung entwickelt hat.

STANDARD: Steht zuerst die Vorstellung des Amoklaufes, bevor man sich eine beliebige Ideologie aneignet, oder ist es umgekehrt?

Funke: Es ist ein Wechselverhältnis. Oft führt eine große persönliche Zerrüttung zu solch wahnhaften Ideen wie "Jeder Muslim zerstört Norwegen oder Europa" . Es ist Ausdruck einer zerstörten und zerstörerischen Persönlichkeit.

STANDARD: Wie passt es in das Bild, dass jemand mit rechtsnationalen Tendenzen Kinder aus dem eigenen Land erschießt?

Funke: Die, die einem nicht genehm sind, werden umgebracht, das war im Nationalsozialismus so. Der Täter hat geäußert, dass er nicht nur Muslime und Ausländer hasst, sondern auch Kommunisten. Es gibt oft die Verkoppelung von ethnisch-rassistischen Feindbildern und dem inneren Gegner, der beseitigt gehört. In diesem Fall die sozialdemokratische Jugend.

STANDARD: Senkt ein Erstarken der europäischen rechten Szene die Hemmschwelle für solche Taten?

Funke: Ja. Hier gilt - wenn auch indirekt - eine entsprechende Agitation, wie sie etwa von der norwegischen Fortschrittspartei angewandt wird. Es geht gegen Muslime und Migranten. Das schafft ein Milieu, und in diesem Milieu gibt es labile Täter, die dann zuschlagen. Man wird erkennen müssen, dass das Klima des Zusammenlebens versaut werden kann und dass damit Gefahren heraufbeschwört werden können. Wenn alle Fakten bekannt sind, wird man erschrocken darüber sein, was Sprüche über andere - falsch beschreibende, verurteilende, herabsetzende - auslösen können. Sie können zu einer kompakten Weltanschauung werden.

STANDARD: Muss man in nächster Zeit in Österreich, in Deutschland wachsamer sein?

Funke: Ja, vor allem wenn es kleine, einzelne Gruppen im Bereich des Rechtsextremismus gibt, die sich über die Tat positiv äußern. Gute und kreative Polizeiarbeit ist vonnöten. Und: Jeder Rechtspopulist muss sich verstärkt überlegen, ob er alle Muslime als Muslime angreift. Denn wenn man jeden Muslim als nicht zugehörig beschreibt und somit seinen Glauben denunziert, ist das eine Einladung - gerade an christliche Fundamentalisten -, sich gegen alle Muslime zu wenden.

STANDARD: Also eine Art Spirale?

Funke: Ja. Ich habe eine solche Agitation bei einer Veranstaltung von Heinz-Christian Strache erlebt, der verbal sehr auf die Muslime eingeschlagen hat. Das verändert und verschlechtert das politische Klima. Es führt natürlich nicht direkt zu einer solchen Tat, aber man ist verantwortlich für das, was man Negatives generalisierend über andere sagt. Und auch für die Auswirkungen.

STANDARD: Wie soll dem entgegengewirkt werden?

Funke: Die demokratischen Parteien müssen ihren Mund aufmachen und sich wehren. Medien müssen sich gegen Generalisierungen zur Wehr setzen - gerade dort, wo sie schleichend anfangen. Man kann Teile des Islam kritisieren. Aber jeden verdächtig zu machen, der diesem Glauben anhängt, ist gefährlich. Das kann Gewaltzyklen einleiten. Da ist die Sprache selbst gewalttätig, wenn auch nicht als Gewalttat. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2011)

Hajo Funke (66) ist Rechtsextremismus-Forscher an der Freien Universität Berlin.

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finisterra
12
25.7.2011, 19:36
'Le Fanatisme ou Mahomet le prophète',

das Stück Voltaires über den Fanatismus, konnte schon 1993 in Genf aus Angst vor gewalttätigen Ausschreitungen nicht aufgeführt werden.

Die Ausbreitung des Islam in Europa macht vielen Menschen Angst, weil er, wie Claude Lévi-Strauss einmal geschrieben hat, dazu tendiert, sich stärker staatlicher Gewalt zu bedienen als die beiden anderen grossen monotheistischen Religionen. Aber statt die Religion als Wurzel des Problems zu erkennen, werden Personen angegriffen, die sich zu ihr bekennen. Daher sollten unsere Gesetze geändert werden: strafbar sollte es nicht sein, eine Religion verächtlich zu machen, sondern die diese Religion ausübenden. Die Freiheit, jede Religion kritisieren oder auch verspotten zu dürfen, muss aber erhalten bleiben.

finisterra
11
25.7.2011, 23:34

Um nochmals Lévi-Strauss zu zitieren: der Islam ist seit seiner Entstehung von seinen Anhängern immer als Staatsreligion betrachtet worden. Das hat der Meinung von LS nach damit zu tun, dass die Verbreitung mit kriegerischen Mitteln erfolgt ist. Hier unterscheidet sich der Islam in seiner Entstehungsgeschichte sowohl vom Judentum, als auch vom Christentum.

Missbrauchen Politiker die Religion oder ist der Missbrauch bereits in der Religion 'vorgezeichnet'? Ich denke, dass doch im Islam selbst eine Affinität zu einer Regierungsform besteht, die die gewaltsame Durchsetzung dieser Religion fördert. In diesem Fall kann man aber nicht davon sprechen, dass der Islam für andere Zwecke missbraucht wird.

HelgaKatharina
00
religionsverbreitung mit kriegerischen mitteln

da muss levy-strauss aber geschichtsnachhilfe bekommen:
die christianisierung mittel- und südamerikas war alles andere als "nicht kämpferisch"

witherabbitt
 
03
26.7.2011, 03:00
Eklektizismus führt zumeist zur Halbbildung und nur selten zur Synthese.

Beschäftigen Sie sich mit Eusebius, dem Stellvertreter des Hl. Geistes im Konzil von Nizea, der ein Doppelsystem von Kirchenrecht und Reichsrecht konstruiert hat. Beschäftigen Sie sich mit der Interpretationsgeschichte der Zwei-Schwerter-Theorie aus dem 4. Jhdt.. Das Hauptproblem des Islams ist die Zögerlichkeit, sich mit der Aufklärung auseinanderzusetzen, u. philolog. Probleme aufzuarbeiten. Gilt auch für andere Religionen, wie für die meisten expliziten Atheismen, aber selten in diesem Ausmaß. »Multikulti« ist keine linke Phantasie, sondern Ergebnis der Globalisierung, die nun die einzelnen Gesellschaften erreicht hat. Dies gilt es positiv zu verarbeiten, ohne in Kulturrelativismus oder in Hassphantasien zwecks Abgrenzung zu verfallen.

RiccoC.
11
25.7.2011, 21:39
an finisterra

Erklären Sie bitte mal wie sich der Islam in D oder Ö "staatlicher Gewalt" bedient. Das ist blanker Unsinn den Sie da ablassen. Denn "staatliche Gewalt" muß man erstmal haben um sich ihrer bedienen zu können.
Desweiteren: Man sollte nicht die Religionen als Wurzel alles Bösen sehen sondern jene, die diese zu ihren Zwecken kanalisieren und mißbrauchen.
Hier gilt: Wenn religiöser Glaube und Politik gemeinsam einen Staat lenken (z.B. Iran) oder man zulässt, das sich bei uns radikal-religiöse Mehrheiten etablieren können, dann - wirds brandgefährlich. Denn genau diese Leute mißbrauchen wie erwähnt die Religion als Transportmittel für ihre politischen Ideologien (siehe Hassprediger).

Frico
43
25.7.2011, 18:18
Rechter Populismus: Die häßliche Fratze Europas

Die unvorstellbaren und sinnlosen Morde in Norwegen machen klar, das "andere" Europa ist sehr lebendig und offenbar kämpferischer eingestellt, als wir das gedacht haben. Der Attentäter von Oslo war Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei in Norwegen, die aggressiv gegen Migranten und Islam agitiert.

http://www.freitag.de/community... ze-europas

Peter Porsch
58
25.7.2011, 17:16
Wehret den Anfängen

Natürlich ruft die FPÖ mit solchen Losungen wie "Daham statt Islam", "Mehr Mut zu unserem Wiener Blut. Zu viel Fremdes tut niemandem gut.", "Heimatland in Heimathand", "Unser Geld für unsre Leut'", "Österreich zuerst statt SPÖ Multikulti"... nicht zum Attentat und Massenmord auf, gibt dem aber damit eine simple geistige Grundlage und einen politischen Bezugs- und Ausgangspunkt. Solche Losungen entfesseln eben auch kranke Phantasien.

Oh my God !
22
25.7.2011, 17:42

auch die Hetze gegen Banker und Spekulanten macht mir Sorge.
Da hat schon letzten Sommer in Athen eine Bank gebrannt und es gab Tote, in Österreich wird aber weiter gehetzt.

FalscherProphet
14
25.7.2011, 23:40
In Österreich gibt es aber KEINERLEI

nennenswerte Linksextreme, die gegen Banker hetzen - oder eine Symbolik verwenden, die Gewalt gegen Banker fördert.

Rechtsextreme die "gewalthältige" Symbolik einsetzen sitzen hingegen hierzulande im Parlament:
"Brennts dem Mustafa eine auf" usw.

Die Strache-FPÖ hat weiters die verurteilte Verhetzerin Susanne Winter in ihren Parlamentsclub gesetzt -
was für eine abscheuliche Symbolik:

"Hetzt du als FPÖ-ler aus der Provinz nur fleißig genug,
dann steigst du in den Nationalrat auf."

Oh my God !
21
26.7.2011, 09:27

sind sie wirklich so blind?

Harti01
02
25.7.2011, 16:31
Wenn eine Gesellschaft

solche (zwar sehr tragischen aber defakto "kleine") Vorfälle nicht mit links wegstecken kann, ist sie, wie auch das marode Finanzsystem

nicht gesund.

NOCHMALS : Wenn ein einzelner Irrer einen Gesellschaftsklime beeinflussen kann......

Wulzendorfer
01
26.7.2011, 06:21
Umgekehrt kommt man der Sache schon näher.

Das Gesellschaftsklima beeinflusst den einzelnen Irren - und diejenigen, die ein derartiges Klima schaffen (sei es durch Hetze, sei es durch Untätigkeit, sei es vor Feigheit) tragen einen Teil der Verantwortung dafür.

etic
29
25.7.2011, 16:57
Worum es geht...

ist nicht, dass ein "einzelner Irrer", wie sie schreiben, ein "Gesellschaftsklima beeinflussen kann". Die norwegische Gesellschaft ist offenbar stabil und "gesund" genug, um diese Untat in angemessener Form zu bewältigen - das zeigen ja die Reaktionen norwegischer Politiker und der norwegischen Gesellschaft. Der Punkt ist vielmehr, dass bestimmte politische Parteien und auch Medien des rechten Spektrums labile und zugleich aggressionsbereite Persönlichkeiten wie den Täter von Oslo und Utöya beeinflussen und ihm das Gefühl geben, er sei ein legitimer Vollstrecker eines höheren Auftrags. Und dass die Angehörigen der Opfer solche "Vorfälle" nicht "mit links wegstecken", das werden sie ja wohl auch verstehen können.

Harti01
01
25.7.2011, 17:06
Stimmt auch,

aber die schürenden Radikalen zielen eher nicht darauf ab,

irgendwelche Irre zu beeinflussen und damit einen
Anschlag zu provozieren,

sondern sie heischen um Wählerstimmen (=Geld für die eigenen Reihen) , SONST NICHTS !

Natürlich meinte ich die Gesellschaft und nicht die
einzelnen Betroffenen Angehörigen, versteht sich aber von selbst !

eze eze
 
25
25.7.2011, 18:34

Nicht sonst nichts - sondern, sie heischen um WählerInnen-Stimmen, koste es, was es wolle. Wer in Computerspielen auf der Parteihomepage auf Muezzine schießen lässt, wer in an Jugendliche verteilten Comicstorys Türken mit der Steinschleuder abschießen lässt und für Letzeres im Fall des "Erfolgs" dann auch noch eine Belohnung ausspricht, der soll doch hinterher nicht so tun, als wäre das nicht ein Versuch, Gewalt gegen bestimmte andere zu entkriminalisieren, denkmöglich und gesellschaftsfähig zu machen und damit bei WählerInnen zu "punkten". Das Tragische ist, dass die FPÖ es schon geschafft hat, dass man ihr sowas durchgehen ließ, eben weil sie die FPÖ ist.

Trollblume
02
25.7.2011, 17:36

... und nehmen damit die Radikalisierung inkauf, was es nicht besser macht!

Austrialix
27
25.7.2011, 15:39
jene, die mit den ängsten der menschen politik zum selbstzweck betreiben, sind (politisch) verantwortlich für solche grausamen taten

und was all jene politiker auf der ganzen welt verbindet ist nicht die coleur der partei, sondern schlicht der populismus als selbstzweck - spricht dem erreichen/halten/ausbauen der eigenen macht.
in Ö nennen sie sich oft "FPÖ/BZÖ", anderswo "Taliban", "Flaams Block" oder in der Schweiz "Volkspartei" mit satten 32% Stimmen. Populismus als Mittel zu Zweck. Und natürlich sind es nicht alle in den jeweiligen Parteien. Doch meist sind es klare häufungen an der "Spitze". Wehret den Anfängen... es gibt viele, die dieses Gedanken in die Tat umsetzen möchten und so wie in Norwegen die Sozialisten und Islamisten als Wurzel allen Übels sehen und die Kreuzzüge als Bet-Prozession pazifistischer Ritter beurteilen...

Pauli Feuerstein
13
25.7.2011, 16:11
Es gibt keine Partei die ohne Populismus durchkommt,

eine SPÖ liegt an erster Stelle, denen ist vor der Wahl auch eine Koalition mit der Krone vollkommen willkommen.

Überlegen sie sich mal was sie wirklich wollen!

entenkrages
23
25.7.2011, 18:04

die Diktion der SPÖ ist dennoch eine grundlegend andere und friedlichere als die der FPÖ. und auch der Ton spielt die Musik

Prof. Alois
 
14
25.7.2011, 19:15
Ojeoje

Diew Diktion der SP ist so friedlich, dass sie bestehende kulturelle Differenzprobleme derart konsequent ignoriert, dass nebenher die FP eine relle Chance bekommt.

witherabbitt
 
21
26.7.2011, 03:35

Die SPÖ versucht seit Jahren von der bloßen Hoffnung, es wird sich schon selbst per Zivilgesellschaft erledigen, wegzukommen und auf verantwortungsvolle Politik zu setzen, die beide Seiten in die Pflicht nimmt. Ignoranz sieht anders aus.

Prof. Alois
 
00
26.7.2011, 20:27
Der erfolglose Versuch zählt aber politisch nicht

Da zählen nur Ergebnisse. Die gibt es nicht. Politisch betrachtet ist das Ignoranz.
In der Politi k müssen Sie Wähler davon überzeugen, dass Sie besser sind, als der andere. Es reicht nicht, sich in die Brust zu werfen un dem anderen seine Unmöglichkeit zu bescheinigen. Das hat noch nie einen Wähler überzeugt. Deshalb verliert Häupl gegen Strache. Häupl hat beste Spindoktoren, die Probleme derart schön reden können, dass einem ganz schwindlig wird. Strache spricht Probleme direkt an. Brutal und ohne Lösungsmodell. Er stößt in die riesige Lücke, die seine Mitbewerber offen lassen.

witherabbitt
 
11
26.7.2011, 21:34

Strache spricht nicht nur »die Probleme« an, sondern schafft sie auch, indem ein einfaches mulmiges Gefühl, verursacht durch neue türkische Geschäfte, welche die Verödung eines Viertels aufhalten, verstärkt wird, statt aufgeklärt, oder indem gehetzt wird, wenn Asylwerber nicht arbeiten dürfen, uns also auf der Tasche liegen, aber zuvor gehetzt wird, daß Asylwerber nicht auf den Arbeitsmarkt dürfen, weil sie sonst die Arbeitspätze wegnehmen. Etc..

Prof. Alois
 
01
28.7.2011, 18:13
So ist es. Sag ich ja

Jemand gibt Strache Gelegenheit, seine kaum argumentierbaren Ideen als letzte Weisheit zu verkaufen. Da ist schon die SP und Grün in die Pflicht zu nehmen. Weniger Wegschauen. Mehr Tun.

Pauli Feuerstein
22
25.7.2011, 21:00
Genau das ist der Punkt!

Die Motivation der Ignoranz der SPÖ ist allerdings der zeitlich verlängerte Zugang zum Futtertrog ... und das ist als Grund wirklich ÜBEL!

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