Es gibt sie in Norwegen, es gibt sie in Dänemark und in Schweden: kleine fundamentalististische Sekten
Wer die jüngsten politischen Entwicklungen in Skandinavien verfolgt, wird
immer wieder auf rechtspopulistische Bewegungen (Dänemark und die
Grenzkontrollen) und rechtsextreme Gewalttäter (Schweden) stoßen. Norwegen ist,
abgesehen von populistischen Gruppierungen, kaum aufgefallen - außer man liest
Krimis wie jene der kurzzeitigen Osloer Justizministerin Anne Holt. In ihrem im
Herbst 2010 auch auf Deutsch erschienenen Roman Gotteszahl ermordet eine
christlich-fundamentalistische "Gruppe 25" Menschen, die sich ihren
wortwörtlichen biblischen Prinzipien widersetzen.
Es gibt sie in Norwegen, es gibt sie in Dänemark und in Schweden: kleine
fundamentalististische Sekten, hervorgegangen aus protestantischen Strömungen,
die in den USA und in Lateinamerika als "Evangelikale" zusammengefasst werden.
Ihnen allen ist die tiefe Angst zu eigen, ihre historischen und religiösen
Fundamente zu verlieren. Die Antwort: zurück zum Gestern, zur reinen
christlichen Lehre und zur Geltung des Bibelworts, das 1:1 auch für die
Gegenwart gilt. In diesem Punkt gleichen sie den islamischen Fundamentalisten
und deren enger Auslegung des Korans.
Warum löst der radikale Islamismus seit jeher (also auch schon vor 9/11)
ungleich mehr Ängste aus als der christliche oder der deutsch-nationale
Extremismus? 1.) Weil der Islam ein dem Christentum fremdes, oft feindliches
"Fundament" darstellt. 2.) Weil christliche Extremisten vertraute Traditionen
verteidigen. 3.) Weil die Islamisten zahlenmäßig erheblich stärker und
logistisch besser vernetzt sind.
In Europa vergisst man jedoch allzu leicht, dass der jahrzehntelange Terror
in Nordirland von katholischen und protestantischen Fundamentalisten betrieben
wurde - die katholischen finanziert von irischen Geldgebern in den Vereinigten
Staaten.
In den USA gibt es eine Unzahl kleiner fundamentalistischer Gruppen, die
offiziell die Waffengewalt ablehnen. Eine Sammelbewegung ist die "Tea Party",
deren Programm stärker jenem der christlichen Fundamentalisten als den
Wahlprogrammen der Republikaner entspricht.
1.) Die USA sind ein "gelobtes Land", das mit allen Mitteln zu verteidigen
ist.
2.) Waffenbesitz und Waffengebrauch sind daher eine Grundbedingung eines
Lebens in Freiheit.
3.) Eine staatliche Krankenversicherung oder staatliche Bildung sind
Eingriffe in die Lebensgestaltung.
4.) Das Wort der Bibel hat Vorrang vor der Verfassung, der Pluralismus der
Demokratie ist ein letztlich nur schwer akzeptierbarer Kompromiss.
5.) Präsidenten aus den Reihen der Demokraten sind aus all diesen Gründen
illegitim.
Im stärker von den USA als vom südlichen Europa beeinflussten Norwegen sind
solche Thesen attraktiv - noch dazu, wenn sie durch Ausländerprobleme und
rassistische Parolen aufgeheizt werden. Ministerpräsident Jens Stoltenberg,
europäisch ein Sozialdemokrat, atlantisch ein "liberal" wie Bill Clinton oder
Barack Obama, war deshalb eine Zielscheibe. Nahezu hundert seiner jungen
Anhänger verloren stellvertretend ihr Leben. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2011)