Der Fundamentalismus hinter dem Massaker

Kolumne | Gerfried Sperl, 24. Juli 2011, 17:34

Es gibt sie in Norwegen, es gibt sie in Dänemark und in Schweden: kleine fundamentalististische Sekten

Wer die jüngsten politischen Entwicklungen in Skandinavien verfolgt, wird immer wieder auf rechtspopulistische Bewegungen (Dänemark und die Grenzkontrollen) und rechtsextreme Gewalttäter (Schweden) stoßen. Norwegen ist, abgesehen von populistischen Gruppierungen, kaum aufgefallen - außer man liest Krimis wie jene der kurzzeitigen Osloer Justizministerin Anne Holt. In ihrem im Herbst 2010 auch auf Deutsch erschienenen Roman Gotteszahl ermordet eine christlich-fundamentalistische "Gruppe 25" Menschen, die sich ihren wortwörtlichen biblischen Prinzipien widersetzen.

Es gibt sie in Norwegen, es gibt sie in Dänemark und in Schweden: kleine fundamentalististische Sekten, hervorgegangen aus protestantischen Strömungen, die in den USA und in Lateinamerika als "Evangelikale" zusammengefasst werden. Ihnen allen ist die tiefe Angst zu eigen, ihre historischen und religiösen Fundamente zu verlieren. Die Antwort: zurück zum Gestern, zur reinen christlichen Lehre und zur Geltung des Bibelworts, das 1:1 auch für die Gegenwart gilt. In diesem Punkt gleichen sie den islamischen Fundamentalisten und deren enger Auslegung des Korans.

Warum löst der radikale Islamismus seit jeher (also auch schon vor 9/11) ungleich mehr Ängste aus als der christliche oder der deutsch-nationale Extremismus? 1.) Weil der Islam ein dem Christentum fremdes, oft feindliches "Fundament" darstellt. 2.) Weil christliche Extremisten vertraute Traditionen verteidigen. 3.) Weil die Islamisten zahlenmäßig erheblich stärker und logistisch besser vernetzt sind.

In Europa vergisst man jedoch allzu leicht, dass der jahrzehntelange Terror in Nordirland von katholischen und protestantischen Fundamentalisten betrieben wurde - die katholischen finanziert von irischen Geldgebern in den Vereinigten Staaten.

In den USA gibt es eine Unzahl kleiner fundamentalistischer Gruppen, die offiziell die Waffengewalt ablehnen. Eine Sammelbewegung ist die "Tea Party", deren Programm stärker jenem der christlichen Fundamentalisten als den Wahlprogrammen der Republikaner entspricht.

1.) Die USA sind ein "gelobtes Land", das mit allen Mitteln zu verteidigen ist.

2.) Waffenbesitz und Waffengebrauch sind daher eine Grundbedingung eines Lebens in Freiheit.

3.) Eine staatliche Krankenversicherung oder staatliche Bildung sind Eingriffe in die Lebensgestaltung.

4.) Das Wort der Bibel hat Vorrang vor der Verfassung, der Pluralismus der Demokratie ist ein letztlich nur schwer akzeptierbarer Kompromiss.

5.) Präsidenten aus den Reihen der Demokraten sind aus all diesen Gründen illegitim.

Im stärker von den USA als vom südlichen Europa beeinflussten Norwegen sind solche Thesen attraktiv - noch dazu, wenn sie durch Ausländerprobleme und rassistische Parolen aufgeheizt werden. Ministerpräsident Jens Stoltenberg, europäisch ein Sozialdemokrat, atlantisch ein "liberal" wie Bill Clinton oder Barack Obama, war deshalb eine Zielscheibe. Nahezu hundert seiner jungen Anhänger verloren stellvertretend ihr Leben. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2011)

Kommentar posten
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michael126
10
30.7.2011, 23:24

Den Attentäter als christlichen Fundamentalisten zu bezeichnen ist sehr weit hergeholt und läßt sich aus seinem verwirrten Gestammel kaum herauslesen. Die amerikanischen christlichen Fundamentalisten können einem mit Ihren Ansichten schon Angst machen, aber in Europa sehe ich keine ähnlichen Gruppen von Relevanz.
Im Nordirlandkonflikt geht es nicht um Religion, die Religion wurde hier nur benutzt. Die Engländer haben über Jahrhunderte die Protestanten gefördert und die Katholiken unterdrückt weil die für die Unabhängigkeit waren. Für England (Prostestanten) - gegen England (Katholiken), dass ist der ganz einfache Hintergrund des Nordirlandkonflikts. Die Religion wurde nur politisch benutzt, Glaubensfragen haben nie eine Rolle gespielt.

murx
00
28.7.2011, 00:16

"Warum löst der radikale Islamismus seit jeher (also auch schon vor 9/11) ungleich mehr Ängste aus als der christliche oder der deutsch-nationale Extremismus?"

Diesen Satz kann ich nicht teilen, auch wenn er vielleicht einer meinungserforschten Gefühlslage entsprechen sollte. Die dann wohl darauf gründet, dass man auf Islamisten ungestraft medial und politisch ständig mit dem Finger zeigt. Er ist uns daher gefühlt näher.

In mir löst zweites und drittes dennoch wesentlich mehr Ängste aus, weil diese meine gelebte Welt, meine Werte pervertieren und auf mich losgehen könnten, so wie die Islam-Fundis und -terroristen vornehmlich auf Muslime selbst losgehen. Das Leid unter diesen Regimen ist unsagbar.

Kroko Daxl
52
26.7.2011, 08:08
Verirrte Ansichten Teil 2

Warum der Islam Ängste auslöst? Weil er seit weit über 1000 Jahren seine Aggression weltweit bewiesen hat. Daß sich als Christen bezeichnende Menschen aus Europa dies auch taten, verringert die Aggression des Islam nicht und beweist nur die Existenz von Scheinchristen.

Irland ist ein politischer Kampf. Auch hier wieder Ausnutzung religiöser Scheinargumente.

Daß die Bibel in den USA Vorrang vor der Verfassung hätte, ist mir unbekannt. Bekannt ist die Aussage von Jesus Christus: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gottes, was Gottes ist. Und Paulus: Seid der Obrigkeit untertan.

Der plumpe Argumentationsstrang gegen vermeintlich gefährliche Christen ist erschütternd und läßt für die Demokratie nichts Gutes erahnen.

johan_mozart
11
31.7.2011, 20:39
Wo haben Sie Weltgeschichte gelernt?

Bitte unterlassen Sie diese hetzerischen und ahnungslosen Kommentare! Sie verlangen vom Autor Kenntnisse der Weltgeschichte, bringen aber diese selber nicht mit!

In den letzten 1000 Jahren hat Islam religiöse Toleranz bewiesen: Während in Europa Juden sukzessive vertrieben und ermordet wurden, fanden sie stets Zuflucht in den islamischen Reichen (siehe u.a. Juden im Osmanischen Reich). Und die Kreuzzüge -- welche bis dato an schrecklichen Massakern an Nichtchristen (vor allem Moslems und Juden) unübertroffen sind -- haben den islamischen Herrscher Saladin hervorgebracht, der 600 Jahre später der europäischen Aufklärung als Symbol der Toleranz dienen sollte (siehe Lessing - Nathan der Weise).

Fritz Wunderlich
10

hat islam?

merkwürdig, gibt es doch den islam?

burnout...das beim auto
11
26.7.2011, 16:52
ich wiederhole mich

aber die religionsfreiheit wirds demnächst nicht mehr geben. nicht in der form in der wir sie kannten.
Siehe ZB verändertes Veranstaltungsgesetz seit den anschlägen auf die sikh in wien.
was wird jetzt so kommen?

Kroko Daxl
51
26.7.2011, 08:07
Verirrte Ansichten Teil 1

Die Ansichten des Kolumnenverfassers sind verirrt und lose, jeder Begründbarkeit abhold:

Er sollte zumindest in den geschichtlichen, gesellschaftlichen und religiösen Grundzügen Oberfflächenkenntnis beweisen. Christliche Fundis mit islamistischen Fundis gleichzusetzen, bedarf starker gedanklicher Konzentration, getragen von Willenskraft: Mohammed proklamierte und praktizierte den Krieg zur Erreichung seiner Ziele, Jesus Christus ließ sich von seinen "Feinden" ans Kreuz nageln, nachdem er ihnen die zweite Wange hinhielt und Menschen von Krankheiten heilte.

johan_mozart
10
31.7.2011, 20:27
Wo haben Sie Weltgeschichte gelernt?

Bitte unterlassen Sie diese hetzerischen und ahnungslosen Kommentare! Sie verlangen vom Autor Kenntnisse der Weltgeschichte, bringen aber diese selber nicht mit!

In den letzten 1000 Jahren hat Islam religiöse Toleranz bewiesen: Während in Europa Juden sukzessive vertrieben und ermordet wurden, fanden sie stets Zuflucht in den islamischen Reichen (siehe u.a. Juden im Osmanischen Reich). Und die Kreuzzüge -- welche bis dato an ethnischen Säuberungen und barbarischen Gräueltaten an Nichtchristen (vor allem Moslems und Juden) unübertroffen sind -- haben den islamischen Herrscher Saladin hervorgebracht, der 600 Jahre später der europäischen Aufklärung als Symbol der Toleranz dienen sollte (siehe Lessing - Nathan der Weise).

Hans-Peter Dollhopf
21
26.7.2011, 00:10
Chefredakteure des Standard, auch ex, sind die geistigen Wegbereiter für ...

was wohl?

Irre, was sich hier für eine Blutrunst verbalinszeniert.

Hans-Peter Dollhopf
51
25.7.2011, 22:14
Der Artikel ist eigentlich Volksverhetzung.

Vor allen Dingen macht er klar, WIE SCHNELL von moraltriefenden Artikeln wie "Der Moslem wars" zur dumpfbackigen Anklage von Christen fortgeschritten wird.

Bartholomäus der Ältere
01
25.7.2011, 20:45
Henne oder Ei

Ich denke, es ist eher umgekehrt: wer so eine Tat begeht und später rechtfertigen will, bedarf eines starken Glaubens, das Richtige zu tun. Zuerst existiert der Wille zur entspechenden Tat (Pathologie), danach findet sich irgendein diese ermöglichender Glaube (Rechtfertigung). Rechtfertigung findet sich in allen Heiligen Büchern bei entsprechender Auslegung.

LCMSMS2
02
25.7.2011, 19:04
Ein christlicher Fundamentalist ...

... der nach eigener Aussage "pro-gay" war? (document.no, 14.09.2009)

Das glaube ich nicht, Tim.

derbrain
00
26.7.2011, 11:10

Er war aber auch gegen sexuelle Freizügigkeit. Sein Stiefvater habe angeblich seine Mutter mit Geschlechtskrankheiten angesteckt, seine Schwester soll es ebenso ergangen sein, weil sie nicht "keusch" war.

Paprikachips
22
25.7.2011, 18:04
Unüberlegte Etikettierung des Täters

Der Grund, wie man bei diesem Mörder auf das Etikett "christlicher Fundamentalist" gekommen ist, scheint zu sein, dass er auf seinem Facebook-Profil als politische Weltanschauung "konservativ" und als Religion "christlich" angegeben hat. Nahezu jedes Kirchenmitglied würde als Religion "christlich" angeben. Und wenn man dann noch eine konservative politische Sichtweise hat, ist man dann ein "christlicher Fundamentalist"??? Nein, dann müsste nahezu die gesamte ÖVP so sein.

janeinvielleichtwieso?
00
22.8.2011, 09:32

die övp trauert auch noch immer engelbert dollfuß nach, soviel mal dazu...

Müff
11
25.7.2011, 17:49
Wußte gleich,

daß hinter dem Massaker mal wieder Amish, Mormonen und Zeugen Jehovas stecken. Die fundamentale Wachtturmtante am Westbahnhof ist auf jeden Fall, wenn schon nicht spiritrektorisch, so doch auf jeden Fall moralisch mitgefangen-mitgehangen. Außerdem entnehme ich den Postings, daß man sicher auch den Papst irgendwie verantwortlich machen können muß, der sich bei Gelegenheit auch gleich für Freimaurerei und World of Warcraft entschuldigen kann. Irgendwie hat das ganze auch was mit der unerhörten Insubordination gegenüber Oberplaudertüte Obama zu tun.

Lesen Sie dann morgen auch bei Hrn. Sperl was die Bluttat mit FPÖ, ÖVP, SPÖ und ganz generell Fritzlschnitzladolfhitlerland zu tun hat!

The Chaos Path
00
25.7.2011, 15:19
Im stärker von den USA als vom südlichen Europa beeinflussten Norwegen sind solche Thesen attraktiv

wie meinen??? woher hat er denn den müll?

bixente uhudla
 
01
25.7.2011, 18:21

wieso müll?

das ist nicht so weit her gehohlt und durchaus zutreffend...

byron sully
04
25.7.2011, 13:30

ich find's ein wenig problematisch, christlichen fundamentalismus nur auf protestantische kreise zu reduzieren.

bixente uhudla
 
01
25.7.2011, 18:22

im fall von skandinavien ist es aber zutreffend...

Chien de Pique
02
25.7.2011, 16:46

Die Rede ist ja primär von Skandinavien, und da sind die Katholiken in Summe schon nicht wichtig.

byron sully
00
26.7.2011, 11:40

ich hatte nur das gefühl, daß DESWEGEN die rede von skandinavien war, DAMIT hauptsächlich protestantischer fundamentalismus erwähnt wird (im übrigen hat sich grad breivik vom protestantismus abgewandt und dem katholizismus zugewandt).
womit ich nicht abstreiten möchte, daß es einen protestantischen fundamentalismus gibt (der v.a. in amerika sicher radikaler ist als der katholische). aber irgendwie gab mir dieser kommentar den eindruck, als ob sperl den katholizismus in schutz nehmen wollte.

divis
 
14
25.7.2011, 14:20
Dort sind sie aber eindeutig...

...virulenter, auch wenn man das aus der österreichisch-antikatholischen Perspektive schwer wahrhaben will. Die meisten reformatorischen Bewegungen sagten sich ja nicht von Rom los, weil ihnen der Papst zu illiberal war, sondern im Gegenteil, weil ihnen der Katholizismus zu diesseitsgewandt und "soft" erschien.

Auch die SGP in den Niederlanden entstammt schlußendlich einer ähnlichen Tradition.

divis
 
00
25.7.2011, 14:20
Dort sind sie aber eindeutig...

...virulenter, auch wenn man das aus der österreichisch-antikatholischen Perspektive schwer wahrhaben will. Die meisten reformatorischen Bewegungen sagten sich ja nicht von Rom los, weil ihnen der Papst zu illiberal war, sondern im Gegenteil, weil ihnen der Katholizismus zu diesseitsgewandt und "soft" erschien.

Auch die SGP in den Niederlanden entstammt schlußendlich einer ähnlichen Tradition.

Chien de Pique
29
25.7.2011, 12:48
Wieso war er ein Fundamentalist? Wie kommt man zu so einer Aussage? Das wurde seit dem ersten Tag in den Raum gestellt, noch durch absolut nichts erhärtet, aber immer noch weitergesponnen.

Was er denkt und glaubt, hat er ja breitest diskutiert: Er war ein weitestgehender Kulturchrist*, der nach einer Zeit des Agnostizismus wieder zu einem mäßigen Glauben zurückgefunden hat und der zu keinerlei Gruppe irgendeine wirkliche Affinität hatte; der die katholische Kirche (für protestantische Fundamentalisten, wie Sp. sie beschreibt, die Kirche des Teufels, die Hure Babylon usw.) als beständiger und verwurzelter schätzte, den Papst dabei verachtete, aber selber Protestant war, ohne auch nur an die Wahrheit der Bibel zu glauben. Alles nachzulesen! Ist das so unvorstellbar schwierig, anzuerkennen, dass man ein mörderischer Fanatiker auch mit einem typischen lauen, ganz undogmatischen Rudiment-Glauben bzw. Kulturchristentum sein kann?

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