Proteste in Madrid

Gekommen, um zu bleiben

Reiner Wandler, Jan Marot , 24. Juli 2011, 18:02

Die "Empörten" sind zurück: Bis zu 20.000 Menschen demonstrierten am Wochenende in Madrid gegen soziale Kürzungen und Bankenhilfen

Dabei sind die Lecks im spanischen Finanzsystem längst nicht gestopft.

***

Madrid - 680 Kilometer, mehr als einen Monat auf der Landstraße - als die sieben Kolonnen des "Sternmarsches der Empörten" die Puerta del Sol in Madrid erreichten, standen Manuel aus Vigo die Tränen in den Augen. "Wir haben es geschafft", sagt der 50-Jährige, bevor er seine Kollegen aus dem nordwestspanischen Galicien umarmt.

Brais, der Schriftsteller, Sabrina, die Medizinstudentin, Ainoa, die Lehrerin, die diesen Sommer ihren Job verloren hat: Sie gehören zu jenen, die bis zur Ankunft in Madrid durchgehalten haben. 2000 Menschen erreichten die spanische Hauptstadt am Samstagabend nach ihrem langen Marsch. Braungebrannt und die T-Shirts von der Sonne ausgebleicht, ziehen sie auf der Puerta del Sol ein. Unzählige Menschen erwarten sie dort. Auf den letzten Kilometern schlossen sich den Marschierenden tausende Madrilenen an. 15.000 bis 20.000 Menschen versammelten sich schließlich an der Puerta del Sol. "Ihr seid die Größten", riefen sie.

Es war ein harter, langer Weg. "Ich habe oft gezweifelt, aber irgendwer hat mir immer wieder zugesprochen, meine Moral aufgebaut", erzählt Manuel. Er ist einer von fünf Millionen, die in Spanien keinen Job haben. Über 20 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote. Unter den jungen Menschen ist sie mehr als doppelt so hoch.

Die Puerta del Sol im Herzen Madrids ist ein doppeltes Symbol. Hier liegt der "Kilometer null" des spanischen Fernstraßensystems, und hier wurde das größte der Protestcamps errichtet, als die "Empörten" am 15. Mai zum ersten Mal unter dem Motto "Echte Demokratie jetzt!" auf die Straße gingen. 15-M heißt die Bewegung deshalb.

Sie fordern ein gerechteres Wahlsystem, demonstrieren aber vor allem gegen die antisoziale Politik, mit der die spanische Regierung die Finanzkrise bewältigen will. Kürzungen beim Arbeitslosengeld, bei den Gehältern im öffentlichen Dienst, der Rente, im Gesundheits- und Bildungssystem, Eingriffe in den Kündigungsschutz. Gleichzeitig wurde die Vermögenssteuer abgeschafft und die Banken mit Milliardenbeträgen unterstützt. "Das ist keine Krise, es ist das System!" und "Wir bezahlen eure Krise nicht!" riefen Tausende von Menschen einmal mehr auf der Puerta del Sol.

Wie es der Zufall so wollte, war allerdings kurz zuvor ruchbar geworden, dass die Probleme im spanischen Bankensektor viel tiefer reichen als bisher bekannt. Spaniens Nationalbank wird eine weitere Sparkasse auffangen müssen.

Neue Milliardenspritze

Die Caja de Ahorros del Mediterráneo, zuletzt als Banco CAM börsennotiert, braucht eine Rekapitalisierung in Höhe von 2,8 Milliarden Euro. Bereitgestellt wird das Geld vom staatlichen Bankengarantiefonds. Neben der Eigenkapitalspritze benötigt die Bank auch Sofortkredite im Wert von drei Milliarden Euro .

Für Aufregung sorgt, dass die Risiken bei der CAM unterschätzt wurden. Beim vor wenigen Tagen präsentierten europäischen Bankenstresstest schnitt die CAM zwar am schwächsten in ganz Europa ab. Aber: Die europäische Bankenaufsicht EBA, die den Test durchgeführt hatte, sprach davon, dass die CAM zur Rekapitalisierung nicht mehr als 947 Millionen Euro benötigen würde.

Für die Spanier ist die CAM die dritte Bankenrettung: 2009 musste der Staat die Caja Castilla-La Mancha und 2010 die Kirchenkasse Cajasur auffangen. (Reiner Wandler, Jan Marot, DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2011)

Kommentar posten
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Peacefaktor
10
25.7.2011, 14:23
Wie ruiniere ich eine Wirtschaft: Lehrgang Spanien.

Man drängt die Spanier zuerst in den €. Damit können sie ihre Währung bei Bedarf nicht abwerten. Dadurch kann kein Ausgleich zwischen Import und Export geschaffen werden. Dadurch schafft man mehr Arbeitslose. Die Staatskosten erhöhen sich, die Steuereinnahmen sinken.
Teil 1 ist abgeschlossen: nun verzichtet man auf die Vermögenssteuer, kürzt aber Pensionen, Gehälter, und verteuert die Dinge, von Nahrung, wohnen, allem anderen.
Dadurch kommen weniger Steuereinnahmen, weil sich die Menschen weniger leisten können, dadurch kommen mehr Betriebe in Turbulenzen, müssen Mitarbeiter entlassen, was zu weniger Steuereinnahmen, aber mehr Kosten führt.
Halten wir diesen Negativkreislauf aktiv, zerstören wir die restliche Wirtschaft Spaniens.

Menahem Zitzesbeisser
00
26.7.2011, 11:19
Wie ruiniere ich eine Wirtschaft: Lehrgang Spanien.

Offensichtlich waren SIE bei diesem Lehrgang nicht anwesend denn ihre Analyse ist total daneben, ebenso wie sich der kleine Moritz die Probleme des grossen Spaniens vorstellt. Das Hauptproblem Spaniens ist das, dass die Immobilienblase, welche von einer Regierung an die andere weitergereicht wurde, immer grösser wurde und letztendlich platzte. Da der Bausektor einen hohen Prozentsatz an Arbeitern stellte, ist die Arbeitslosigkeit eben nun umso grösser. Die ruinierte Wirtschaft, wie sie es in ihrer oberflächlichen Beurteilung nennen, hat mit ihren Argumenten nur sehr wenig zu tun und ist eher darauf zurückzuführen, dass man in mehr als 30 Jahren Demokratie zu sehr an den "ladrillo" (Bausektor) festgehalten hat, anstatt in modernen Industrien

Milchleber
00
25.7.2011, 15:22

gleicher Mechanismus auch in Griechenland angewandt.

Peacefaktor
12
25.7.2011, 17:28
Ja eh.

Mir ist in den letzten Wochen bewusst geworden, warum im Wort Regierung das Wort Gier versteckt ist. Vielleicht sollte man eine Gierregelung schaffen.
Wortspiel bei Seite: Lehrgang Griechenland funktioniert fast genauso. Die sind nur schon einen Schritt weiter. In Portugal und Italien wird es nicht anders sein.
Das Hauptproblem, Zinssystem und €, bleibt ja aufrecht. Das was sich geändert hat ist, dass jetzt alle europäischen Steuerzahler für alle Schulden in der EU haften. Das heißt, nicht ein paar sind viel zu hoch verschuldet, jetzt sind alle viel zu hoch verschuldet.
Es ist ein Jammer, aber solange wir Menschen, BÜRGEr uns das bieten lassen und nicht friedlich für ein gerechteres System demonstrieren, werden wir über den Tisch gezogen

Ernst Guevara
00
25.7.2011, 13:17
sehr lässige und unbedingt lesenswerte kritik an den "empörten"

"Nachdem [der Protest] – wen auch immer - nachdrücklich und im Netz und vier Wochen lang auf die nicht gewährten Lebenschancen hingewiesen, kämpferisch darum gebeten hat, dass man sich seiner Sorgen annehme, und – wem auch immer – ganz viele gut gemeinte Vorschläge unterbreitet hat, wie die demokratische Herrschaft idealer und der Kapitalismus menschenfreundlicher werden könne, hat er sich dazu vorgearbeitet, sich selbst überflüssig zu machen."

Spaniens Aufruhr der "Empörten"
Vom Sozialprotest zur Parteinahme für volksfreundliche und echt demokratische Herrschaft
http://www.trend.infopartisan.net/trd7811/t... 47811.html

Dalien
 
00
25.7.2011, 09:27
Die ganze Welt

ächzt schon unter dem Druck der globalen Korruption.
Überall brechen tiefe Risse in der Gesellschaft auf.
Jüngst in Israel...

GERECHTIGKEIT ist die Kohäsion des sozialen Gefüges.
Die globale Korruption hat sie aus dem Bürgerleben gesaugt.
Wird sie nicht mehr gefühlt, zerbirst das Fundament.
http://www.youtube.com/watch?v=xKvJfNffZ_Y

Funk1
81
25.7.2011, 09:19
ich würde den demonstranten empfehlen

gegen den in spanien aberwitzigen kündigungsschutz zu demonstrieren

warp.faktor
07
25.7.2011, 09:14
Marktwirtschaft gescheitert!

Wenn man verantwortungslose Banken nicht Pleite gehen lassen kann, weil man Angst vor einem Domino-Effekt hat, muss man gleichzeitig zugeben, dass damit die Ideologie vom "freien Markt" gescheitert ist.

Das was die EU produziert hat, ist kein "freier Markt", sondern Zentralismus ("systemrelevant") und Banken-Protektionismus.

Kakanien lebt!
00
25.7.2011, 10:33

man kann nicht behaupten, dass in der eu kein freier markt mehr existiert und gleichzeitig die marktwirtschaft als gescheitert bezeichnen.
was gescheitert ist, ist die (fast weltweit) vorherrschende konservative politik, die den "freien markt" nur als totschlagargument verwendet, und die unter dem deckmantel "freier markt" vermögen von den massen zu ihrer klientel der wenigen superreichen umverteilt und die freien märkte durch kartelle und oligopole ersetzt.

BlackScholes
 
00
25.7.2011, 10:43

global betrachtet sind wir (die "1." welt) die superreichen...is ja nicht so als würdest du nicht davon profitieren, dass in anderen ländern leute wirklich ausgebeutet werden...

nicht einmal im traum können die sich eine 40 stunden woche, bei der man sich ein haus, auto, urlaub, usw leisten kann, vorstellen

während bei uns alle neidisch auf die reichen und superreichen schauen und es schrecklich finden, dass man nicht an den "kleinen mann" denkt...verschwenden diese auch keinen gedanken an die, denen es schlechter geht

BlackScholes
 
11
25.7.2011, 09:29

das es nicht perfekt läuft ist klar, aber muss man immer gleich das gesamte system ersetzen?

das system ist im endeffekt auch egal...es wird immer leute geben, die es schaffen das system für sich zu nutzen und damit sicher einen vorteil verschaffen...was in meinen augen auch nichts schlimmes ist...menschen sind nicht gleich und werden es nie sein

ich halte ein system was eine gewisses maß an wohlstand jeden zu verfügung stellt für gerecht...wenn dadurch manche das x-fache eines anderen verdienen ist das aber kein wiederspruch

das ist sogar in meinen augen was erstrebenswertes und bringt uns vorran...wer zeigt fleiß und geht risiken ein, wenn er davon nicht profitieren kann?

flotter denker
61
25.7.2011, 08:39
Da muss man als Regierung durch!

naihoit
03
25.7.2011, 06:48
Die Caja de Ahorros del Mediterráneo, zuletzt als Banco CAM börsennotiert, braucht eine Rekapitalisierung

Und?
Das ist wohl das Problem derer, denen diese Bank gehört und die jahrelang gut daran verdient haben.
Sollen sie sich das Geld doch "an den Märkten", deren Teil sie ja sind, ausborgen.
Sie können ja ihre Besitztümer als Sicherheiten anbieten, und wenn sie trotzdem keines bekommen hatten sie die falschen Manager.
Falsch entschieden, daher abgewirtschaftet; passiert doch dauernd.
Geht nicht, weil systemrelevant (Unwort des 3. Jahrtausend)?
Dann dürfen sie doch froh sein, wenn sie als Aktionäre nicht haften müssen, sondern ihnen der Staat, also die Gemeinschaft all derer, die bislang nicht mitverdient haben, aus der Klemme hilft und sich die Bank schenken läßt, um sie weiter zu führen.

amused8
18
25.7.2011, 04:31
Marktwirstchaft mit menschlichem Antlitz

Als 1968 zur Niederschlagung der poltiischen Bewegung "Prager Frühling" die Sowjetunion in die damalige Tschechoslowakei mit Panzerkollonen einmarschierte, sprach und schrieb die westliche Presse über den "Prager Frühling" vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

Heute, wo westliche Demokratie ausgehebelt wird vom Finanzkapitalismus, der kraft seiner kaum in Frage gestellten Regeln nur in akuten Notfällen auf Panzer zurückgreifen muß, kann die Forderung nur lauten:

wir wollen keinen Kapitalismus. Wir wollen eine Marktwirstchaft mit menschlichem Antlitz

tramezzino
00
25.7.2011, 12:57

die wirtschaftlichen grundbedingungen haben sich in den letzten 40 jahren ein wenig verändert, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte.

gustl
 
02
25.7.2011, 07:29
Stimmt, Der Kapitalismus scheitert gerade ebenso wie der Kommunismus.

Und der Markt ist nur ein Regler (und ein verdammt shlechter noch dazu).

Die Theorie sagt ja, dass der Markt Angebot und Nachfrage über Kosten und Preise regelt.

Tja, da ist dann ein Eingriff von außen (sprich: Subventionen, "Auffangen") ungefähr so, als würde man eine ganze Ölraffinerie die praktisch nur von Reglern am Laufen gehalten wird über Nacht auf "Handbetrieb" umschalten wollen.

Generell das beste System wäre: So wenig Regeln und Subventionen wie möglich + ein extrem guter Konsumentenschutz + ein Bedingungsloses Grundeinkommen von 450 EUR für jeden gesunden Österreichischen Staatsbürger + Einhebung von Allgemenkosten (z.B. Lärmkosten eines Großparkplatzes) als Steuern, damit der Markt diese Kosten bewerten kann.

na ja,...wenn´s so is.
00
29.7.2011, 23:50
nicht der kapitalismus

scheitert das problem ist der zinssismus. solange man geld nicht als reale ware mit verfallsdatum sieht kann mann es horten und damit engpässe erzeugen.

David H. Pfeffer
00
25.7.2011, 10:56

Glaube ich nicht. Der Markt ist ein genialer Regler, das hat auch Marx bewiesen. Das heißt aber nicht, dass er in der Praxis wirklich (wie vorgesehen) funktioniert, noch, dass er sozial ist.

Alpendollar
02
25.7.2011, 00:56
Schön nun ist es dann endlich soweit. DE darf zahlen und wir auch

http://www.welt.de/wirtschaf... ahlen.html

Erzählt ist uns die letzten 18 Monate was anderes worden geglaubt hats auch keiner wirklich. Politiker lügen wie immer nur das wird Konsequenzen haben bei den nächsten Wahlen. Leider wird es bei uns die FPÖ sein die gewinnt.

andreas00
82
24.7.2011, 22:23

Demokratische Staaten sind sehr selten, vielleicht gibt es auf der Welt zwei oder drei in der EU gibt es keinen einzigen und ansonsten schaut es auf der Welt auch sehr traurig aus.

stefan1981
00
25.7.2011, 09:09

was verstehen sie unter demokratie?

sprung
 
00
24.7.2011, 21:42

"Wie es der Zufall so wollte, war _allerdings_ kurz zuvor ruchbar geworden, dass die Probleme im spanischen Bankensektor viel tiefer reichen als bisher bekannt."

Was hat denn das eine gar so direkt mit dem anderen zu tun? Die Menschen betonen ja deutlich, wie sie das sehen: "Es ist keine Krise, es ist das System!"

Aber sehr schön, mal wieder was positives zu lesen!

märchenonkel
33
24.7.2011, 21:30
Weltweit gibt es genau 2 Demokratien: Island und Schweiz.

BlackScholes
 
00
25.7.2011, 08:38

wenn es nur 2 "echte" demokratien gibt und diese sind schweiz und island...halt ich diese für nicht besonders erstrebenswert

island war bankrott und der schweiz gehts auch ned besser als uns

also wird der fehler wohl wo anders liegen...

märchenonkel
00
25.7.2011, 10:14
Zum Glück ist Geld nicht der Lebenszweck.

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