Nach den Anschlägen: "Wir haben in das Auge des Bösen geblickt"

Reportage24. Juli 2011, 19:14
431 Postings

Norwegen gedenkt der Toten in stiller Trauer und rätselt weiter über die Motive des Massenmörders Anders Behring Breivik

"Wir haben in das Auge des Bösen geblickt"
Norwegen gedachte am Sonntag der Toten von Oslo und Utöya. Neben der Fassungslosigkeit mussten sich die Trauernden der Nachricht stellen, dass es auch dunkle, geschlossene Bereiche in ihrer offenen Gesellschaft gibt.

*****

Es ist still am Platz vor dem Osloer Dom. Hie und da flüstern Menschen, Frauen wischen sich Tränen aus den Augen. Ein paar Sonnenstrahlen legen sich auf Kerzen und Blumen, die für die beinahe hundert Opfer des Anschlages niedergelegt werden. Niemand, scheint es, will den Toten von Oslo und Utöya einen würdevollen Moment verweigern. Selbst die schwerbewaffneten Polizisten wissen nicht so recht, wohin sie schauen sollen.

In der Domkirken findet die Trauerfeier statt. Der König ist anwesend, auch der Ministerpräsident und der Erzbischof sind da. Sie sprechen von einer "nationalen Tragödie" . Es sind große Worte an diesem Sonntag. Und sie sind doch zu klein, um das Grauen zu beschreiben, das Norwegen heimgesucht hat. Als Überlebende einander weinend in die Arme fallen, bedarf es keiner Worte mehr.

Auch die Chefin der Fortschrittspartei, Siv Jensen, ist gekommen. Sie wird dem Standard später sagen, dass ihr ehemaliger Parteigänger, der geständige Attentäter Anders Behring Breivik, ihre Partei missbraucht habe. Jensen gehört zu den wenigen, die Parteipolitik an diesem nachdenklichen Tag nicht ruhen lassen können.

Catherine und ihr fünfjähriger Sohn Leo stehen in der Warteschlange. Sie wollen einen Strauß roter Rosen zum Gedenken an die Toten niederlegen. Der blonde Leo hat noch nicht begriffen, worum es geht. Seine Mutter, eine Designerin aus dem Westen Oslos, ist erschüttert: "Wir sind nur einen Tag vor dem Massenmord an Utöya vorbeigefahren, es war so friedlich. Als die Nachrichten kamen, habe ich fast einen ganzen Tag und eine Nacht vor dem Fernseher verbracht. Ich konnte nicht fassen, was da passiert war."

Multikulturelle Stadt

Catherine und ihr Sohn wohnen in derselben Gegend, in der Breivik lebte. "Es ist ein gutes Viertel. Gebildete Leute leben dort, die in der Welt herumgekommen sind und andere Kulturen kennengelernt haben." Hoffentlich, sagt sie, nähmen die Norweger aus dieser Betroffenheit etwas mit. Hoffentlich begriffen nun auch die Letzten, dass Oslo schon lange eine multikulturelle Stadt sei und die Menschen aller Ethnien auch hier zusammenhalten müssten.

In der Tat ist Norwegen in den vergangenen Jahren zu einem Einwanderungsland geworden. In Oslo stellen Zuwanderer inzwischen ein Viertel der Bevölkerung. Sie stammen vor allem aus Pakistan und Schwarzafrika.

Auf der anderen Seite des Kirchplatzes blättert Aslan Nor in den Ausgaben von VG und Dagbladet. Die beiden Boulevardblätter haben das gleiche Titelbild: Anders Breivik mit Sturmgewehr im Anschlag. Der ehemalige Kriegsreporter und Autor Nor ringt um Worte: "Es ist immer noch ein Schock. Das war ein Ereignis, das in seiner Grausamkeit über alles bisher Dagewesene hinausgeht. Wir haben in das Auge des Bösen geblickt."

Das Böse hat in Breivik eine adrette, blonde Gestalt gefunden. Und auch am Sonntag war nicht zu ermessen, warum der 32-Jährige offenbar völlig ungerührt ein derartiges Massaker anrichten konnte. Er selbst sagt darüber nur: "Es war grausam, aber notwendig." Die Ermittler versuchen, aus einem im Internet aufgetauchten bizarren Manifest, das dem jungen Mann zugeschrieben wird, Gründe für die Tat zu rekonstruieren. Ein Polizist beschrieb den Verhafteten nach einer Vernehmung als "kalt wie Eis" .

Tore Bjorgo von der Osloer Polizeihochschule glaubt, dass Breivik irgendwann in seinem Leben eine große Beleidigung erlitten haben muss, um zu so einer Tat fähig geworden zu sein. Psychiater diagnostizieren dagegen, er wollte damit die norwegische Gesellschaft ein für alle Mal verändern. Das hat der geständige Massenmörder geschafft - geblendet von einer grotesken Ideologie, die keinen Raum für Mitgefühl und keinen Sinn für die Folgen seiner Handlungen ließ.

"Das war ein Angriff auf die Demokratie", erklärte König Harald in einer Fernsehansprache wenige Stunden nach der Tat. Getroffen wurden Regierung und Sozialdemokratische Partei. Es war wie eine blutige Nachricht aus dem geschlossenen Teil jener vielgepriesenen offenen Gesellschaft, für die Norwegen weltweit so geschätzt wird. Hier und andernorts wird man dieses Bild nun relativieren müssen. Auch das lässt den Schock nach der Tat anhalten.

Für Mohammed, den somalischen Taxifahrer, der seinen Volvo ein paar Straßen vom Dom entfernt einparkt, sind alle diese Erklärungen zu hoch. "Die Norweger" , sagt er, "sind außerordentlich freundliche Leute. Aber ich bin sehr froh, dass das kein Zuwanderer getan hat. Denn dann wäre hier die Hölle losgebrochen." (Christoph Prantner aus Oslo/DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2011)

 

  • Catherine und der fünfjährige Leo.
    foto: standard/prantner

    Catherine und der fünfjährige Leo.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Anteilnahme ist riesengroß.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mehr Bilder finden Sie in der Ansichtssache "Oslo in Trauer".

Share if you care.