Protestbewegung demonstriert erneut gegen Sparpolitik, Arbeitslosigkeit und für mehr Demokratie
Madrid - Zwei Monate nach den international Aufmerksamkeit
erregenden Protestcamps unzufriedener Spanier ist die Puerta del Sol
in Madrid erneut zum Mittelpunkt von Massendemonstrationen gegen
Arbeitslosigkeit und Sparpolitik geworden. Mehrere Tausend Spanier
versammelten sich am Samstagabend auf dem Zentralplatz der spanischen
Hauptstadt, um gegen die Kürzungen in der Sozialpolitik, die
zunehmende Korruption in der Politik und die ausufernde
Arbeitslosigkeit zu demonstrieren. Die Protestbewegung "Echte
Demokratie Jetzt!" hatte bereits Mitte Juni landesweit zum
"Volksmarsch der Empörten" aufgerufen und sie kamen in einem
Sternmarsch aus allen Teilen des Landes in die spanische Hauptstadt.
Mit Tränen in den Augen erreichen auch Andrea Portela und
Miguel
Gonzalez die Puerta del Sol. Die Architektin und der Betriebswirt aus
dem nordspanischen Oviedo sind erschöpft, ihre Füße schmerzen. Mit
150 weiteren "Empörten" sind sie auf der Nordroute über 500 Kilometer
in die spanische Hauptstadt gewandert, um am "Volksmarsch der
Empörten" teilzunehmen. "Wir müssen den Politikern zeigen, dass die
Proteste vor den Wahlen im Mai nur der Anfang waren, und sie nicht
einfach so weiter machen können wie bisher", begründet Andrea
gegenüber der APA ihre Teilnahme am "Volksmarsch".
Die Blasen an den Füßen sind die Strapazen wert. Der Weg sei vor allem wegen der heißen Sommertemperaturen sehr
anstrengend gewesen, sagt Andrea, die sich bereits am 25. Juni auf
den Weg gemacht hat. "Doch die Blasen an den Füßen sind die Strapazen
wert. Wenn wir sitzen bleiben und den Mund nicht aufmachen, wird sich
auch nichts ändern", so die 29-Jährige Architektin, die sich seit
über zwei Jahren von einem Praktikum zum nächsten hangelt, ohne auch
nur eine wage Aussicht auf eine Festanstellung zu haben. Und ändern
müsse sich in Spanien eine Menge, meint auch ihr Begleiter Miguel.
Zwar gehört er nicht zum großen Heer der Arbeitslosen, die in Spanien
bereits 21 Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber den Weg, den
Spanien wirtschaftlich, politisch wie sozial einschlägt, hat ihn zum
Protest bewegt. "Gerade wurden die Pensionen eingefroren, das
Pensionsalter von 65 auf 67 Jahre erhöht, Entlassungen gesetzlich
vereinfacht. Ich fürchte um eine sichere Zukunft", sagt der 33 Jahre
alte Spanier.
Andrea und Miguel sind längst nicht die einzigen, die aus
diesem
Grunde die Strapazen der langen Wanderungen auf sich genommen haben.
Rund 600 "Empörte" sind nach mehreren Wochen Wanderungen am
Samstagabend aus allen Himmelsrichtungen in die spanische Hauptstadt
eingezogen, um für "neue Wege der demokratischen Teilnahme und
soziale Veränderungen" zu demonstrieren, so Maria Torano, eine der
Sprecherin der Protestbewegung im APA-Gespräch. Weitere Zigtausend
Demonstranten kamen mit Bussen, der Bahn und Privatautos aus allen
Landesteilen nach Madrid, wo am Sonntag neben einer Art nationalen
Vollversammlung der "Empörten" am Abend eine erneute
Massendemonstration stattfinden wird, zu der bis zu eine halbe
Million Teilnehmer erwartet werden.
Politiker nahmen Bewegung anscheinend zu wenig ernst. "Unsere Demonstrationen an diesem Wochenende werden den
Politikern
zeigen, dass unsere Bewegung an Stärke zunimmt und wir nicht mehr
bereit sind, uns manipulieren zu lassen", verdeutlicht die 29-jährige
Journalistin Maria Torano. Dennoch gibt sie zu, dass Spaniens
Politiker und vor allem die regierenden Sozialisten die
Protestbewegung anscheinend wenig ernst genommen haben. "Bisher
gingen sie vereinzelt auf einige unserer Forderungen ein. Doch
handelte es sich dabei eher um politischen Opportunismus und
wahlkampfpolitische Strategien als um eine wirkliche Annäherung an
die Protestbewegung und ihre Forderungen", so Torano weiter.
So riefen am Samstagabend auch Zigtausende Demonstranten in
Sprechchören "Sie repräsentieren uns nicht!" und forderten mehr
Mitbestimmungsrecht der Bevölkerung durch Volksabstimmungen. Vor
allem protestierten sie für eine Reform des Wahlrechts, das in seiner
jetzigen Form die beiden großen Parteien bei der Sitzverteilung
begünstigt. Der Protestmarsch kritisierte dabei sowohl die
regierenden Sozialisten (PSOE) als auch die konservative Opposition
(PP) durch soziale Kürzungen die Bevölkerung für die wirtschaftliche
Krise bluten zu lassen, während die Gehälter von Spitzenmanagern und
Bankern unangetastet bleiben. Weiterhin forderten die Demonstranten
mehr Transparenz in der öffentlichen Verwaltung sowie eine bessere
Trennung von Justiz und Politik. (Manuel Meyer/APA)