Kein Happy End für Surabaya-Johnny

23. Juli 2011, 02:30
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In Anne Teresa De Keersmaekers "Elena's Aria" bleiben Männer bloß Phantome

 

Wien - Das Orwell-Jahr 1984. Heftige Diskussionen über die politischen Auswirkungen der elektronischen Datenverarbeitung. Erstes Kabelfernsehen in Deutschland. Noch kein allgemein verfügbares Internet. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wird geboren. Und Indira Gandhi ermordet.

Als Anne Teresa De Keersmaeker in diesem Jahr ihr neues Stück Elena's Aria - das gerade in einer Wiederaufnahme bei Impulstanz im Wiener Volkstheater zu sehen war - in Brüssel vorstellt, hat in Belgien für den Tanz eine neue Periode begonnen: Alain Platel gründet 1984 seine heute weltbekannten Les Ballets C de la B, und Jan Fabre (25) zeigt bei der Biennale di Venezia The power of theatrical madness. De Keersmaeker selbst hatte in vier Jahren eine Blitzkarriere hingelegt und leistete sich mit Elena's Aria bereits eine künstlerische Reorientierung.

Die feministische Diskussion von damals lässt sich mit der heutigen nur schwer vergleichen. Leidenschaftlicher war sie jedenfalls. In Deutschland etwa erklärte die Gruppe Rote Zora in der Zeitschrift Emma: "Radikaler Frauenkampf und Gesetzestreue - das geht nicht zusammen." De Keersmaeker hat sich zwar nie als Feministin geoutet, aber ihre frühen Arbeiten Fase, Rosas danst Rosas und Elena's Aria enthalten eine Frauenpower, die die Aufmüpfigkeit von damals spüren lässt.

Im Gegensatz zu den beiden ersten Stücken wurde Elena's Aria nur etwa drei Jahre lang aufgeführt. In der Rekonstruktion zeigt sich, wie herausfordernd diese "Arie" ist: hoch emotional, distanziert klare Struktur, kaum Musik. Über zwei Stunden lang bringen sich fünf Frauenfiguren buchstäblich zwischen alle (auf die Bühne gestellten) Stühle.

Wie manisch sucht jede von ihnen nach ihrem Platz in beständigem Sichlösen und -wiederfixieren, Mäandern und Mühen. Diese Frauen geraten ständig in Schieflagen. Sie richten sich wieder auf, aber nur, um ihre "perfekt" gewachsenen Körper gleich wieder zu knicken. Abwechselnd setzen sie sich in einen Sessel und lesen aus einem Buch vor, als wäre das eine Orientierungshilfe.

Eine von ihnen rezitiert den Song Surabaya-Johnny aus dem Musical Happy End von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Leise im Hintergrund ertönen Gassenhauer wie O sole mio oder Santa Lucia aus der Goldkehle von Enrico Caruso. Genauso verrauscht wie Fidel Castros Stimme aus irgendeiner Ansprache. Männer bleiben Phantome in Elena's Aria.

Gegen Ende des Stücks wird ein alter Filmprojektor angeworfen. Sein Knattern ist der direkte Gegensatz zum Pochen der Stöckelschuhe der tanzenden Frauen. Zu sehen sind ausschließlich - stumme - Bilder von Sprengungen: Häuser, Brücken, Kühltürme werden zu Staub und Schrott.

Dieser Bilderwirbel hat ein Äquivalent auf der Bühne: den Wind aus einem lärmenden Gebläse, das von den Tänzerinnen ab und zu eingeschaltet wird.

Gezeichnet von der Anstrengung, mit Schweißperlen auf der Haut, kommen die fünf am Ende vor den Eisernen Vorhang im Proszenium. Sie tanzen zum Abschied ganz nah am Publikum auf ihren Sesseln zu einer Mozartsonate, gespielt von Friedrich Gulda. Im letzten Augenblick eine Geste in Richtung Männerregime.

Caruso, Brecht, Castro und die Welt der Sprengmeister: Nein. Mozart via Gulda: eine Möglichkeit. Zur Erinnerung: Elena's Aria ist ein Motiv aus der Verdi-Oper Die sizilianische Vesper. Die Elena darin bezieht sich auf eine historische Figur des Vespri-Aufstands im Jahr 1282 auf Sizilien.

Das Stück passt beinahe besser in die Gegenwart als in die Eighties. Sein Inhalt hat sogar an Brisanz gewonnen, auf der Ebene der Emanizipation ebenso wie auf der politischen. Aus dem alten Kalten Krieg ist ein neuer geworden - von der Pershing zur Börse. Eine geglückte Zeitreise also dieses großartigen Stückes. (Helmut Ploebst  / DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)

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    foto: impulstanz
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