Wer sieht hier eigentlich besser?

    22. Juli 2011, 19:39
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    Eine tschechisch-österreichische Begegnung - Von Zdenka Becker

    "Siehst du, oder siehst du nicht?" "Ich sehe das, was wichtig ist", sagte Martin. "Ich spüre die Wellen. Den Rest kann man sich dazudenken." 

    Martin, ein junger Klavierstimmer aus Prag, kann kaum sehen. Mit vierzehn ist er an Leukämie erkrankt und dank ärztlicher Kunst irgendwann gesund geworden. Doch das Schicksal forderte ihn ein zweites Mal heraus. Mit siebzehn brach er wegen plötzlicher Gehirnblutung auf dem Gehsteig zusammen. Heute ist Martin fast gesund. Seine rechte Hand ist gelähmt, seine Sehkraft auf zwanzig Prozent reduziert. "Ein schmaler Blickwinkel, ein Fokus auf das, was wichtig ist", sagt er.

    Wir lernten uns im mährischen Kurstädtchen Luhacovice kennen. Martin war einer der Teilnehmer des Workshops mit dem Thema "Europa - unsere gemeinsame Heimat", den ich leitete. Während die Studenten in meinem Workshop mit jugendlichem Elan bei der Sache waren, saß Martin ein bisschen abseits und schwieg. Er hörte nur zu und, wenn es für ihn interessant war, drehte er seinen Kopf nach den Geräuschen im Raum. Irgendwann schrieb er etwas, wobei er seine Augen stark zusammenkniff. Er kritzelte so energisch auf sein Papier, dass ich es hören konnte. Auf der Tischplatte unter seinem Blatt entstanden Rillen.

    In der Mittagspause, die ich in einem Café verbrachte, las ich die von den Teilnehmern geschriebenen Texte. Ein Mädchen beschrieb Europa als ein Haus mit vielen Zimmern, wobei Frankreich ein Ballsaal, Großbritannien ein Teesalon, Deutschland der Wirtschaftsraum und Österreich die Treppe zwischen dem ersten und dem zweiten Stock war. Sie machte sich Gedanken über die Aufgabe Tschechiens im neuen Europahaus und hoffte, dass ihrer Heimat nicht die Rolle des Fußabstreifers zufallen würde.

    In einem anderen Aufsatz beschäftigte sich eine Studentin mit der stets brennenden sudetendeutschen Frage und entschuldigte sich dafür, dass sie sich für die Benes-Dekrete nicht entschuldigen konnte. Um ihren Willen zur Annäherung zu demonstrieren, schrieb sie auf Deutsch und schloss mit dem Satz: "Österreicher, ich haben Ihnen gern!" Angesichts dieses grammatikalischen Fehlers musste ich schmunzeln. In meinen Ohren klang ein tschechisch gefärbtes Deutsch, das ich in meinen ersten Jahren in Wien-Favoriten so oft gehört hatte.

    "Ich bin praktisch blind", stand in Martins Aufsatz. "Ich empfinde die Welt durch die Wellen der Schicksale." Ich legte die handgeschriebenen Blätter zur Seite und überlegte, was mir Martin mitteilen möchte. Und auf einmal stand er vor mir. "Wie hast du mich gefunden?", fragte ich. "Du kommst jeden Tag hierher", sagte er. "Aber die Orientierung ..." "Sie ist das Wenigste. Ich gehe den Klängen nach, den Klängen und der Intuition." Er setzte sich an meinen Tisch. Der Kellner brachte ihm ein Cola, Martin griff treffsicher nach dem Glas. "Ich verstehe nicht", sagte ich. "Siehst du, oder siehst du nicht?" "Ich sehe das, was wichtig ist", sagte er. "Ich spüre die Wellen. Den Rest kann man sich dazudenken."

    Nimmt Martin an diesem Workshop teil, um uns allen das Sehen beizubringen?, fragte ich mich. "Als ich mich für den Workshop angemeldet habe, wusste ich überhaupt nicht, warum ich es tat", sagte er. "Das Thema ist doch so banal." "Wie bitte?" "Es sind doch alles nur Worte", sagte er. "Du hältst die Worte, die uns verbinden, für banal?" "Was können Worte schon ausrichten? Die Menschen verwenden viele Phrasen, pauschale Vorverurteilungen. Als ich noch mit den Augen sehen konnte, glaubte ich auch, dass alle Germanen groß und blond sind, die Italiener klein und dunkel, dass alle Franzosen ein Barett tragen und die Slawen rund und pausbackig durch die Welt laufen."

    "Und was siehst du heute?" "Ich sehe Vielfalt", sagte er. "Heute weiß ich, dass Engländer alles andere als ruhig sind, dass es Schweden gibt, die Pfeife rauchen und irischen Whiskey trinken, und dass Polen nicht nur gestohlene Autos fahren. Über uns Tschechen behauptet man, dass wir in unseren Atomkraftwerken absichtlich Lecks einbauen, damit uns die benachbarten Staaten viel Geld dafür zahlen, dass wir die Kraftwerke nicht in Betrieb setzen."

    "Und das sind deiner Meinung nach keine Vorverurteilungen?" "Nein", fuhr er fort. "Wir sollen endlich lernen, keinen perfekten und globalen Menschen zu suchen. Keine europäische Seele, die der anderen gleicht. Österreicher zum Beispiel sagen, dass alle Tschechinnen blond sind. Das kann ich nicht bestätigen, weil meine Mutter, meine Schwester und fast alle meine Cousinen dunkle Haare haben. Und wir Tschechen sind auch nicht alle Biertrinker, auch wenn es die Statistik von uns behauptet. Ich jedenfalls trinke am liebsten Cola. Bin ich deshalb ein Amerikaner?"

    Einige Jahre später saß ich im Vorgarten eines Wiener Cafés, als mich eine bekannte Stimme ansprach. Es war Martin. "Du wirst es nicht glauben, aber seit neuestem bin ich auch ein Wiener", sagte er schmunzelnd.

    Bist du schon Österreicher?

    Martin erzählte, dass er eine österreichische Pianistin geheiratet hatte. Stolz zeigte er mir das Hochzeitsfoto und Bilder, auf denen seine kleine Tochter zu sehen war. "Schau dir nur die kleinen Händchen und die Füßchen an. Ist sie nicht süß?" Martin sprach über sein Kind in der Verkleinerungsform, wie es in unseren Muttersprachen üblich war. Keine tschechische Mutter, kein tschechischer Vater, kein Erwachsener in Böhmen würde jemals von Händen und Füßen eines Babys sprechen, wenn sie doch so winzig und niedlich, wenn sie für alle Händchen und Füßchen sind. Sie hieß Pavlínka, Martin verwendete auch bei dem Namen seiner Tochter die Verkleinerungsform. Das gefiel mir. Österreichische Kinder heißen Thomas, Lukas, Nicole oder Manuela, egal, ob sie drei Monate oder dreißig Jahre alt sind.

    "Bist du immer noch ein Tscheche oder schon Österreicher?", fragte ich Martin anknüpfend an unser Gespräch in Luhacovice. "Ist das denn so wichtig, was ich bin?", fragte er zurück. "Reicht es nicht, dass ich glücklich bin?"

    Martin sprach laut. Es fiel mir auf, dass sich von Nebentischen einige Gäste nach uns umgedreht hatten. Vor allem ein Herr, der gleich hinter Martin saß, hörte aufmerksam zu. Martin konnte ihn nicht sehen und fuhr deshalb in der gleichen Lautstärke fort. "Was ist für dich ein typischer Österreicher?", fragte er mich ein bisschen herausfordernd. "Ein Trachtenpärchen oder ein Herr im Lodenmantel und mit einem Gamsbart auf dem Hut?" Die Diskussion kam mir komisch vor, weil wir tschechisch und slowakisch gesprochen hatten und die Worte Lodenmantel und Gamsbart auf Tschechisch - lodenový plást und kamzící stetka - sehr fremd klangen. "Ja, solche Österreicher gibt es auch, aber nicht nur", gab ich lachend zu.

    "Prominte, verzeihen Sie", sagte der Herr, der hinter Martin saß auf Tschechisch. "Sprechen Sie über typische Österreicher? Ich kenne einen." "Nur einen?", fragte ich. "Na ja, mehrere, aber der eine ist etwas Besonderes." "Verraten Sie uns, wer er ist?", fragte Martin. "Sicher", sagte der Herr. "Der typischste Österreicher ist der Schauspieler Fritz Muliar. Vor allem in der Rolle des Schwejk."

    Martin drehte sich zu dem Mann hinter ihm um und belehrte ihn: "Frantis ek Schwejk ist ein Tscheche, mein Herr. Eine Kunstfigur, geschaffen von einem tschechischen Autor und gespielt von einem österreichischen Schauspieler." "Ich mag es, wenn er deutsch spricht", schwärmte der Mann und rückte seinen Sessel näher zu uns. "Wie soll er sonst sprechen?", fragte Martin. "Er war doch Österreicher." "Sie haben eben gesagt, dass er ein Tscheche ist oder von mir aus war." "Der Schwejk ist ein Tscheche, der Schauspieler, der ihn darstellte, war ein Österreicher", betonte Martin.

    "Er böhmakelt so schön", ereiferte sich der alte Mann. "Keiner tut es so perfekt wie er. Er tut es sogar so gut, dass ich das tschechische Deutsch in dem Film verstehe. Das ist viel verständlicher als das österreichische. So sollen alle Österreicher sprechen. Dann hätten wir keine Verständigungsschwierigkeiten mit ihnen."

    "Fritz Muliar böhmakelt in dem Film, damit die Leute glauben, er sei ein Tscheche." "Und ist er es nicht?" "Nein ... irgendwie doch", auf einmal war sich Martin seiner Sache nicht so sicher.

    Der Herr hinter uns stand auf und reichte Martin die Hand. "Auf Wiedersehen, junger Mann", sagte er. "Und glauben Sie mir, es ist egal, ob Muliar ein Österreicher oder ein Tscheche ist. Wenn er deutsch spricht und dabei böhmakelt, ist er unser Mann." Er ging, wir sahen ihm nach. Nach ein paar Schritten begann er seinen geschlossenen Regenschirm in der Luft zu drehen, seine Schritte erinnerten an einen Tango.

    "Verstehst du jetzt?", fragte mich Martin und deutete auf den tänzelnden Herrn. Dann stand er auf und ging. Sein Gang war fest und sicher. Vielleicht sind die Tschechen doch ein Schwejkvolk und die Österreicher die mit dem Gamsbart, dachte ich. Oder nicht?  (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)

    • Zdenka Becker, geb. 1951 in Eger (Tschechien), ist in Bratislava 
aufgewachsen. 1975 übersiedelte sie nach Österreich und begann 1986 ihre
 
literarische Tätigkeit auch in deutscher Sprache. Zuletzt erschien von 
ihr der 
Roman "Taubenflug" im Picus Verlag (2009).
      foto: becker

      Zdenka Becker, geb. 1951 in Eger (Tschechien), ist in Bratislava aufgewachsen. 1975 übersiedelte sie nach Österreich und begann 1986 ihre literarische Tätigkeit auch in deutscher Sprache. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Taubenflug" im Picus Verlag (2009).

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