Die Geschichte zweier Pleiten

Kommentar der anderen | 22. Juli 2011, 18:55

Was den griechischen Fast-Bankrotts mit dem tatsächlichen Argentiniens vor rund 20 Jahren verbindet - Von Daniel Gros

Was die Entstehung des griechischen Fast-Bankrotts mit dem tatsächlichen Argentiniens vor rund 20 Jahren verbindet und warum es trotzdem nachgerade vermessen wäre, von einer "Wiederholung der Geschichte" zu sprechen.

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Es war einmal ein Land, das von hohen Defiziten, hoher Inflation und Jahrzehnten der wirtschaftlichen Stagnation heimgesucht wurde. Als die wirtschaftlichen Probleme erneut besonders dringlich wurden, beschloss die Führung des Landes einen radikalen Weg zu beschreiten, um Preisstabilität zu erreichen: Eine neue Währung wurde eingeführt und mit einem festen Wechselkurs im Verhältnis 1:1 an den Dollar gekoppelt. Per neuem Gesetz wurde verfügt, dass diese Quasi-Währungsunion ewig Bestand haben soll. Eine wirtschaftliche Öffnung erfolgte, staatliche Unternehmen wurden privatisiert und das Land beteiligte sich an einer wichtigen regionalen Freihandelsinitiative.

Anfänglich funktionierte die neue Regelung sehr gut. Das Wachstum kehrte zurück und das Vertrauen ausländischer Investoren sorgte dafür, dass umfangreiche Direktinvestitionen in das Land flossen, insbesondere in den Bankensektor. Doch nach etwa zehn Jahren nahm die Erfolgsgeschichte eine bittere Wendung. Der wichtigste Handelspartner des Landes verfügte eine Abwertung seiner Währung und der US-Dollar erfuhr eine kräftige Aufwertung. Das Land bekam Exportprobleme. Es entwickelte Zahlungsbilanzdefizite, und das Wachstum verlangsamte sich.

Wirkungslose Hilfspakete

Hinzu kam, dass die Haushaltspolitik nicht unter Kontrolle gehalten wurde, was eine Erhöhung der Staatsverschuldung mit sich brachte. Internationale Investoren waren zunächst durchaus bereit die Regierung zu finanzieren, doch als die Defizite chronisch wurden, begannen die Risikoprämien zu steigen.

Die Problematik verschärfte sich, als die Risikoscheu an den Finanzmärkten, bedingt durch die Zahlungsunfähigkeit anderer Schwellenländer, merklich größer wurde. Als die Risikoprämien untragbar zu werden drohten, reagierte die internationale Gemeinschaft mit umfangreichen finanziellen Hilfspaketen, die vorwiegend vom Internationalen Währungsfonds und einigen befreundeten Ländern finanziert wurden.

Das erste Rettungspaket sollte zu erneutem Wirtschaftswachstum, einem Rückgang des Haushaltsdefizits und Strukturreformen führen. Nichts davon ist erreicht worden, da sich die wirtschaftliche Lage unter dem Einfluss der finanzpolitischen Maßnahmen verschlechterte und nicht durch einen Anstieg der Exporte auszugleichen war, weil die Löhne nicht gesenkt werden konnten, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Ein Jahr später waren die Risikoprämien höher als vorher und ein zweites Rettungspaket wurde geschnürt, gefolgt von einer großen "freiwilligen" Umschuldung.

Totaler Vertrauensverlust

Nicht davon reichte aus, um das Vertrauen internationaler Investoren wiederherzustellen, die nicht davon überzeugt waren, dass die Regierung diese Schulden in Anbetracht des wachsenden Widerstands in der Gesellschaft und einer schrumpfenden Wirtschaft bedienen kann. Die Lage verschlimmerte sich, als die Sparer des Landes das Vertrauen in ihre Regierung verloren und begannen, ihre Ersparnisse abzuheben. Als immer mehr Rücklagen abgehoben wurden, geriet die Wirtschaft ins Schleudern und die sozialen Spannungen entluden sich. Die Regierung stürzte, und einer ihrer kurzlebigen Nachfolger verkündete die Einstellung der Zahlungen an ausländische Anleihegläubiger und ein Ende der Währungsbindung.

Dieses Land war Argentinien, das für seinen Übergang von der 1991 eingeführten strikten Wechselkursbindung an den Dollar zum unkontrollierten Bankrott zum Jahreswechsel 2001-2002 ungefähr zehn Jahre benötigte.

Die griechische Erfahrung wirkt - zumindest bisher - wie eine Neuaufführung des argentinischen Dramas. Wobei die Schuldentragfähigkeit für Griechenland allerdings noch wesentlich schlechter aussieht als im Falle Argentiniens: Die griechischen Haushalts- und Zahlungsbilanzdefizite sind etwa dreimal so hoch, und der kumulierte Schuldenstand ist doppelt so hoch wie der von Argentinien vor der Pleite.

Zudem erhält Griechenland sehr viel mehr finanzielle Unterstützung aus dem Ausland als damals Argentinien. Mit dem nunmehr abgesegneten zweiten Rettungspaket sind Griechenland insgesamt öffentliche Kredite im Wert von 230 Milliarden Euro zugesagt - mehr als 100 % seines BIPs. Darüber hinaus hat Griechenland 90 Milliarden Euro von der EZB erhalten (bei einem Leitzins von 1,25 %). Diese gewaltigen Finanzierungshilfen haben das griechische Bankensystem bislang vor dem Zusammenbruch bewahrt und stellen den entscheidenden Vorteil dar, den der Beitritt in eine echte Währungsunion im Gegensatz zu Argentiniens "Quasi-Union" mit dem US-Dollar hat. Was aber geschieht, wenn die Kapitalflucht anhält und weiter zunimmt? Wenn griechische Sparer nur die Hälfte ihrer verbleibenden Einlagen abheben, wird die EZB griechischen Banken weitere 100 Mrd. Euro leihen müssen, um sie über Wasser zu halten. Tatsächlich könnte Griechenland letzten Endes über 400 Mrd. Euro Unterstützung benötigen - fast 200 % seines heutigen BIPs.

Wenn Griechenland dem argentinischen Drehbuch folgen sollte und gezwungen wäre, die Eurozone nach einem unkontrollierten Staatsbankrott zu verlassen, wird sich sein nominales BIP wahrscheinlich halbieren. In diesem Fall würden die Schulden der griechischen Regierung bei seinen Partnern aus der Eurozone 400 % des griechischen BIPs entsprechen und nur ein sehr geringer Teil würde zurückgezahlt. Argentinien ist seinen Verpflichtungen gegenüber Privatgläubigern nicht nachgekommen, hat aber wenigstens alle Verpflichtungen gegenüber multilateralen Gläubigern beglichen.

Karl Marx wird die Äußerung zugeschrieben, dass Geschichte sich nur als Farce wiederholt. Im Falle Griechenlands könnte sie sich zu einer noch viel größeren Version der Tragödie Argentiniens auswachsen. (© Project Syndicate, 2011; aus dem Englischen von Sandra Pontow; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.7.2011)

DANIEL GROS ist Direktor des Centre for European Policy Studies.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
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Magnus13
00
24.7.2011, 18:24
Griechenland und Argentinien

Etliche meiner argentinischen Freunde standen vor versperrten Banken und auf einmal musste jeder von der Hand im Mund dort leben. Einige Jahre vorher bekam man für argentischen Staatsanleihen 17 Prozent. Das dies nicht lange gut gehen konnte, war jedem Investor klar und bei der ersten größeren Panik haben alle ihr Geld gemeinsam abgezogen.
Gäbe es keine EU, würde es den Griechen genauso ergehen und dann gäbe es einen Volksaufstand und wahrscheinlich Bürgerkrieg.

schmeck.mein.smegma
00
24.7.2011, 18:19

argentinien konnte nicht abwerten.
japan kanns auch nicht und die schweiz auch nicht.
china will nicht aufwerten, obwohl usa und iwf schon sauer sind, europa warscheinlich auch.

was besseres als griechenland kann der eu doch gar nicht passieren, jetzt wird der euro abgewertet.

für den einzelnen am anfang schlecht, weniger staatliche leistungen, kaum lohnerhöhungern dafür hohe inflation.

langfristig dafür weniger arbeitslose und wettbewerbsfähige wirtschaft.

stellen sie sich vor in griechenland oder italien hätten die reformen (beamtenabbau, pensionserhöhung, zulagenstreichung, privatisierung, entlassungen, nulllohnrunden, etc) vor 10 jahren gemacht.

aus heutiger sicht wäre dies richtig gewesen, aber selbst heute wird gestreikt.

schmeck.mein.smegma
00
24.7.2011, 17:51

man beachte wie die wendung kam, der wichtigste handelspartner oder realistischer konkurrent in der region, brasioien hat seine währung abgewertet!

chinesen halten ihre währung niedrig auch wenn alle schimpfen.

schweizer und japaner scheitern an einer abwertung ihrer währungen.

hätte die eu kein griechenland, man müßte eines aufnehmen.

die konsequenzen sehe ich so, obwohl sich die europäer immer weniger leisten können, vorallem importe und urlauber ausserhalb der eu, wird die wirtschaft florieren. eu-firmen werden viele aufträge erhalten, werden einen teil ihrer gelder in forschung und effizeinz-steigerung stecken und weiterhin wettbewerbsfähig bleiben.

p.s. die argentinier wurden in pensions-staats-anleihen gezwungen, pension weg.

Alexander Patjomkin
00
24.7.2011, 14:33
Wie kann ein Land, das solche gigantische Reichtümer (Meer, Inseln, Tousismus, Sympathie der ganzen Welt usw.)

überhaupt so Pleite gehen? Das ist unfassbar.
Pythagoras dreht sich in seinem Graben.
Ich selber beginne übrigens auch an die Leistungen der alten Griechen zu zweifeln. Ist vielleich viel davon nur gedichtet wurde? Die Welt braucht ja Legenden und Mythen...

florian albert
01
24.7.2011, 09:30
BIP

Griechenlands(10 Mio Einwohner) BIP ist 30% höher als die von Ungarn (auch 10 Mio einwohner). Dabei ist Ungarns Industrie- und Agrarleistung viel größer, Ungarn exportiert 4-mal (!) soviel wie Griechenland, und diesen Unterschied macht die Tourismus auch nicht weg. Bei der BIP werden aber auch die "Leistungen" der Bürokratie mitgerechnet, und da ist Griechenland unschlagbar.
Ungarn ist arm und Griechenland müßte eigentlich noch ärmer sein, aber der Durchschnittslohn dort ist immer noch 2-mal größer. Griechenland ist pleite, wird aber am Leben gehalten, und dazu wird immer mehr Geld gebraucht. Es wird der Tag kommen, wo man das nötige Geld nicht mehr auftreiben kann, aber bis dahin werden noch hunderte Milliarden von Euros nutzlos zum Fenste

florian albert
00
24.7.2011, 09:36

zum Fenster hinausgeworfen.

honni soit
10
24.7.2011, 06:05
Autsch!

Die gesamte griechische Wirtschaft per anno ist kleiner als die österreichische !!1!!11!. Wirklich!

Ich finde das immer grossartig, wenn der € Richtung des ursprünglichen Ausgabewertes von $0.7 abwertet. ENDLICH. Wäre ohne die nicht so guten Staaten niemals möglich. Schon mal überlegt, was eine nicht abwertbare Währung für klassische Hochwährungsländer, wie zB HUF, DEM und ja, ATS bedeuten würde?

12
00
24.7.2011, 08:20

der urspr. Ausgabewert 1999 war $ 1.17 für 1€

Wasser
13
23.7.2011, 11:22
Gute Beschreibung und Analyse !

Danke für diesen gut recherchierten und klar dargestellten Beitrag über die argentinische und die griechische Staatspleite sowie die Einschätzung der Bedeutung letzterer für die Euro-Zone !

Es wäre sehr erfreulich, wenn uns die für Ökonomie zuständigen Standard-JournalistInnen incl. der Chefredakteurin künftig in einer vergleichbaren Art und Weise über dieses Thema informieren könnten, was bisher (leider) eher selten der Fall war.

mikromalist
 
01
23.7.2011, 10:39
Arg, in den 1920ern

noch das fuenftreichste Land wurde von oben systematisch ausgepluendert. Demokratie durfte es nie wirklich lernen.
Da hilft keine Botox-Massnahme.
Zuletzt habe sich die Kirchners noch kräftig bedient.

Auch GR hat Demokratiedefizite, der öffentliche Sektor langt zu, der Rest: Ihr könnt uns.

Die grossen Verwerfungen sind die Folge intrinsischer Defizite. Nicht umgekehrt.

°<°~~
01
23.7.2011, 10:49

Sie können doch nicht ein - angebliches, im Vergleich mit anderen Schwellenländern zumindest mäßiges - Demokratiedefizit für die Verschuldungsfalle, in die in den 70ern und 80ern fast alle Schwellenländer geraten sind, verantwortlich machen. Das hat miteinander eher weniger zu tun. Oft können Diktaturen wesentlich besser mit wirtschaftlichen Problemen umgehen, weil sie Maßnahmen wesentlich einfacher durch- und umsetzen können.

mikromalist
 
00
23.7.2011, 14:04
Aber nicht wollen.

Die systematische Ausplünderung von oben, begann auch in GR schon zur Junta Zeit. Von ND, und leider auch PASOK, fort gesetzt.
Und es war so bei Franco und Salazar. Soche demokratie-defizitaere Wunden sitzen meist tief.

Wer soll den korruptions-verkrusteten öffentlichen Sektor entmachten? In der Diktatur, der gekaperten Demokratie?

°<°~~
10
23.7.2011, 14:41

Also, das läuft doch in Österreich genauso. Oder wie wollen Sie die Machenschaften z.B. eines Grassers sonst bezeichnen. Und das sind die, die öffentlich geworden sind, weil ihm die Seilschaft (d.h. der Schutz) abhanden gekommen ist.
Die Schere zwischen reich und arm wird immer größer, in Österreich haben wir eine höhere Dichte an Millionären als sonstwo, die regierenden Reichen krallen sich immer größere Brocken und wir alle müssen die Krisen bezahlen. Ein "guter" Diktator könnte das abdrehen, ein "schlechter" in die eigenen Taschen kanalisieren. In einer Demokratie dauert es sehr lange, solche Zustände zu beenden.
Die akute Krise in Griechenland ist weitgehend künstlich, +30% Staatsverschuldung in den letzten 2 Jahren, rating-motiviert!

mikromalist
 
01
23.7.2011, 17:41
Ich Rede aber vom öffentlichen Sektor.

Und ja, der hat sich auch bei uns eine einträgliche Nische gesichert, die jeder Krise trotzt.

Roter Baron
11
23.7.2011, 10:24
>Im Falle Griechenlands könnte sie sich zu einer noch viel größeren Version der Tragödie Argentiniens auswachsen.<

voll die sinnlose panikmache
dieser artikel !

entscheidend ist
es gibt argentinien nach wie vor
folglich: was kacken sie sich ins hemd ?!

roter baron

Fritz Wunderlich
02
23.7.2011, 10:20

Der wichtigste Handelspartner des Landes verfügte eine Abwertung seiner Währung und der US-Dollar erfuhr eine kräftige Aufwertung.

und wo ist nun die vermutete ähnlichkeit zu griechenland?

schmeck.mein.smegma
00
24.7.2011, 18:01

und dann spricht man in argentinien auch noch spanisch und wenn dort sommer ist, ist in griechenland winter. die länder kann man einfach nicht vergleichen, oder?

beide bekommen ihre schulden nicht in den griff und können am markt eigentlich keine anleihen mehr verkaufen.

beide können ihre währung nicht abwerten.

beide können reformen nicht durchsezten (im artikel sind die löhne genannt.) selbst jetzt noch ruft die gerwerkschaft zu streik auf. stellen sie sich vor sie hätten vor fünf jahren den griechen ihre teils absurden rechte weg genommen. beamte bekamen etwa zulagen für pünktlich in die arbeit kommen. was hätten die gewerkschaften wohl gemacht?

schauen sie nach italien, jedes jahr streik und bald pleite.

morgen war gestern
00
23.7.2011, 19:46

the answer my friend
is blowing in the wind

wenn der mensch die koordinaten nicht mehr versteht, greift er auf bekanntes zurück. das macht das ganze nicht wahrer, bietet aber einen ersten ansatz für die psychoanalyse.

sixela
12
23.7.2011, 09:28

Die Tragödie wird vor allem deshalb viel größer, weil Italien und Spanien und wohl auch andere dieselbe Geschichte durchmachen werden oder besser würden wie Griechenland. Kein Hilfspaket kann das "derheben". Der Euro ist vermutlich mausetot. Eine Währungsreform steht uns bevor.

edi piva
00
22.7.2011, 21:24
wer versteht das ?

Argentinien ist seinen Verpflichtungen gegenüber Privatgläubigern nicht nachgekommen, hat aber wenigstens alle Verpflichtungen gegenüber multilateralen Gläubigern beglichen.
???
und soviel ich weiß, wurden privatgläubiger mit 30% bedient.

ravenna
00
22.7.2011, 23:07

Wenn Sie einen Kredit nur zu 30% an die Bank zurückzahlen, wird die auch die Meinung vertreten, dass Sie ihrer Verpflichtung nicht nachkommen. Welch Überraschung....

°<°~~
00
22.7.2011, 22:24

Was davon ist unverständlich? Die Papiere der Privatgläubiger, wie Banken, Versicherungen, Investoren, wurden nicht mehr bedient, die von multilateralen Gläubigern, also anderen Staaten, sehr wohl. War das gemeint?

edi piva
00
23.7.2011, 06:58
danke!

Toxo Logic
 
01
22.7.2011, 20:58

Argentinien kann bis heute noch keine Anleihen am freien Markt plazieren weil den Käufern das Risiko zu hoch ist und das fast 10 Jahre nach der Pleite.

benutzername unbekannt
01
22.7.2011, 22:32
unsinn

Argentinien platziert bereits seit 2010 wieder anleihen an der börse. Davor hatte schon venezuela (quasi bilateral) argentinische staatsanleihen gekauft; seit 2005 im ausmaß von über 5 mrd. dollar.

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