Thomas Mahler studierte, war prekär beschäftigt und wurde arbeitslos. Sehr offen berichtet er über einen unfreiwilligen temporären Abstieg
Das Setting des Buches In der Schlange. Mein Jahr auf Hartz IV (Goldmann-Verlag, 2011) von Thomas Mahler
erinnert an Günter Wallraffs berühmte Undercover-Reportagen aus den 1970ern: Ein
Schriftsteller steigt in die Untiefen des sozialen Statusverlusts hinab,
beantragt das im Volksmund "Hartz IV" genannte
Arbeitslosengeld II und schreibt ein Buch über seine Erfahrungen. Aber der 1979
geborene Thomas Mahler ist kein zweiter Wallraff. "Wäre ich er, hätte ich jeden
Augenblick die Möglichkeit gehabt auszusteigen", sagt der in Bonn aufgewachsene
und in Berlin lebende Mahler. "Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre,
undercover im Niedriglohnsektor zu arbeiten. Wenn man da plötzlich sagt: ,Pass
auf, ich bin Günter Wallraff', hätte der Chef wohl Angst." Diese Handlungsmacht
war Mahler als tatsächlichem Hartz-IV-Empfänger
nicht gegeben. Der schüchtern wirkende junge Autor hat auch nichts von dem
selbstdarstellerischen Habitus, den es auf der medialen Bühne in der Rolle des
Chefanklägers sozialer Missstände wohl braucht. Auch als freier Autor lebt er
weiter in seiner 30-Quadratmeter-Studentenbude in Kreuzberg.
In der Schlange ist mehr Bekenntnis- als Aufdeckerbuch: der Versuch
einer zuweilen humorvoll distanzierten, dann wieder schmerzlich intimen
Selbstbeobachtung. Insofern erstaunt es wenig, dass der Text für ihn auch eine
Art von "Outing" darstellt. "Im Grunde ist es skandalös und dämlich, dass man
nicht darüber redet", betont er im Gespräch. "Letztendlich ist der Statusverlust
auch für Nichtakademiker immer noch fühlbar. Dabei geht es doch nur um eine
finanzielle Hilfe und nicht um diese ganzen moralischen Konstrukte rundherum."
Tagelöhnerhaftes Prekariat
Zum Arbeitsamt drängen Mahler im Sommer 2008 die rapide schwindenden
Aussichten auf eine inhaltlich und ökonomisch erfüllende Tätigkeit. Wie viele
Absolventen eines geisteswissenschaftlichen Faches war er nach dem
Studienabschluss in ein tagelöhnerhaftes Prekarium abgeglitten. Ein paar Stunden
Nachhilfe, Nobel-Catering im Pinguinkostüm und schließlich Barmann in einem
Neuköllner Biergarten: nicht präzise das, was einer, der eben noch seine
Diplomarbeit über Ludwig Wittgenstein verfasste, vom Leben nach der Uni
erwartet. "Dass dieses Studium auf keine konkrete Arbeitsstelle hinauslief,
hatte mich nicht bekümmert", schreibt Mahler in seinem Buch. "Die Juristen,
BWLer und Lehrämtler, die bloß studierten, um später einmal ihren
Lebensunterhalt zu verdienen, hatten mir leidgetan." Nachdem es ihm auch nicht
gelingt, ein Stipendium für die Doktorarbeit zu erhalten, wandelt sich die
einstige Überheblichkeit in eine Mischung aus Ratlosigkeit und Zukunftsangst.
Präzise beschreibt Mahler, wie der Schritt in die staatliche Obsorge sein
Selbstbild und bald auch seine Verhaltensweisen verändert. Beim Gang zum
Arbeitsamt erfasst ihn ein unangenehmes Gefühl der Scham, was ihn dazu
verleitet, sein Fahrrad 300 Meter früher abzustellen, "damit man es nicht direkt
vor dem Arbeitsamt sehen kann". In der titelgebenden Schlange vor dem Amt
beginnt in Mahlers Kopf ein Kampf zu toben. Das Gefühl des Scheiterns versucht
er mit Strategien der Rechtfertigung zu bekämpfen: Es soll ja nur ein zeitlich
begrenzter Übergang für ein paar Wochen sein. Um nicht gleich wieder die Flucht
zu ergreifen, sagt er sich vor: "Immer noch besser, als arbeiten zu gehen und
sich trotzdem gedemütigt zu fühlen", nur um sich gleich selbst ins Wort zu
fallen: "Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt besser ist."
"Meinen Eltern ging es immer ganz gut", benennt Mahler im Gespräch einen
biografischen Grund für seine Hemmungen, sich arbeitslos zu melden: "Ich hatte
nie das Gefühl, dass ich den Staat einmal um Hilfe bitten muss." Die
Zerstörung der Mittelschichten (2007), wie der italienische
Arbeitssoziologe Sergio Bologna eine einschlägige Studie betitelte, ist
mittlerweile zu einem zentralen Topos der Sozialforschung geworden. Durch die
zunehmende Fragmentierung der Erwerbsbiografien schwinden einstmals eherne
soziale Verbindlichkeiten. Insofern haftet Mahlers Buch etwas Symptomatisches
an: Die Angst vor Job- und damit Statusverlust ist in einer Bevölkerungsschicht
angekommen, die sich noch vor 20 Jahren in weitestgehender Sicherheit wähnte.
Auf Partys gerät Mahler in der Folge in peinliche Gesprächssituationen: "Da
hatte ich manchmal das Gefühl, dass man sich gegenseitig belügt. Ich hatte den
Verdacht, dass der andere so wie ich Hartz-IV-Empfänger ist und es auch nicht sagen will.
Aber man erkennt sich gegenseitig an den Codes."
Im Buch beschreibt Mahler, wie er in Bezug auf sein unmittelbares soziales
Umfeld zwischen Scham und trotziger Wurschtigkeit schwankt. Sukzessive wird er
von einer Antriebslosigkeit erfasst, die in krassem Gegensatz zur Rhetorik der
Ermutigung und Wiedereingliederung steht, mit der die Hartz-IV-Reformen der Bevölkerung von der Politik
verkauft worden waren. Nach einem Dreivierteljahr in äußerst fragwürdigen
Motivations- und Beschäftigungskursen diagnostiziert er an sich selbst
eindeutige Symptome einer inneren Verwahrlosung, die er in seinem Buch drastisch
beschreibt: "Ich bin abhängig geworden. Ich habe zwar anfangs bloß damit
experimentiert, doch jetzt bin ich vollends unter den Einfluss der Droge Hartz IV geraten, einem legalen Opiat mit dem zentralen
Wirkstoff Scham, die die statussensiblen Hirnareale befällt und in Verbindung
mit Stolz und sozialer Isolation eine betäubende Dynamik entfaltet."
Jeden Glauben verloren
An eine reguläre Rückkehr auf den "ersten Arbeitsmarkt" hat Mahler zu diesem
Zeitpunkt längst jeden Glauben verloren. Seine Selbstachtung ist auf null
gesunken: "Ich bin jemand, den ich lieber nicht so genau kennengelernt hätte."
Aus der zeitlichen Distanz fällt es Mahler heute leichter, die politische
Funktion der Programme zur Verwaltung und Verschleierung der
Massenarbeitslosigkeit zu benennen. "Ich habe den Eindruck, dass die
Arbeitslosen als Folie zur Stabilisierung der Gesellschaft gebraucht werden",
erklärt er im Gespräch. "Einfach durch die Abgrenzung, die darin besteht, dass
man sagt: Ich mach zwar diese Scheißarbeit, aber ich bin wenigstens nicht vom
Staat abhängig."
Sein letztendlich glückliches Ausstiegsszenario aus dieser Hölle der
Passivität verdankt sich einigen mindestens so glücklichen Zufällen. Beim
Literaturpreis Prenzlauer Berg reicht er 2009 mehr aus Jux denn aus echter
Überzeugung einen Text über ein Panzerbataillon ein, das sich auf feindlichem
Gebiet verirrt und einen im Weg stehenden Elefanten erschießt, anstatt
auszuweichen, und den Kadaver mühsam aus dem Weg räumen muss. Prompt erringt
dieser Text den ersten Platz, was der zu diesem Zeitpunkt schon reichlich
desillusionierte Mahler zunächst kaum glauben will. Kurze Zeit später wird er
gar von einem Literaturagenten kontaktiert. "Dann fragte er, was ich denn
eigentlich so mache im Leben, und ich murmelte etwas von Arbeitslosigkeit, vor
einiger Zeit mal ein paar Monate lang", beschreibt Mahler in seinem Buch den
entscheidenden Augenblick seiner Rettung. Was der Agent nicht weiß: Mahler ist
nach wie vor Hartz-IV-Empfänger.
Der euphorischen Reaktion des Agenten ("Hochaktuell! Authentisch!") folgt die
Arbeit an Exposé und Text - und mit der Aushändigung des Verlagsvertrages
schließlich der Ausstieg aus der Hartz-IV-Welt.
Ein wenig fühlt Mahler sich am Ende doch noch wie Günter Wallraff, während er im
Bewusstsein des baldigen Endes noch einige Tage weiterarbeitet. "Es ist etwas
völlig anderes, in einem Milieu nur zu recherchieren und dabei sein
Selbstbewusstsein insgeheim aus der Differenz zu diesem Milieu zu beziehen, als
diesem Milieu selber anzugehören", schreibt Mahler in seinem Buch. In der
Schlange ist kein bloßer Erfahrungsbericht, sondern ein Tatsachenroman über
die temporäre Krise einer Existenz, in der sich auch die fundamentale Krise des
gegenwärtigen Verhältnisses von Arbeit und Gesellschaft spiegelt. (Helmut
Neundlinger / DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)
Thomas Mahler, "In der Schlange. Mein Jahr auf Hartz
IV". € 17,99 / 256 Seiten. Goldmann Verlag,
München 2011