Die Pleitemeldung als Randnotiz

Die Einigung auf das neue Hilfspaket für Athen birgt für Griechenland große Chancen und für Europas Steuerzahler enorme Risiken, meinen Analysten

Der Weg in die Transferunion sei nun unausweichlich.

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Wien - Am Freitag um 12 Uhr 35 war es soweit. Via Aussendung lobte die Ratingagentur Fitch zunächst die Bemühungen Europas zur Rettung Griechenlands. Der Euro-Gipfel in Brüssel sei "ein großer Schritt zur Stärkung der Finanzstabilität", so Fitch. Fast beiläufig in Zeile 13 dann die Erkenntnis: Natürlich werde das, was da vereinbart wurde, zu einem Zahlungsausfall Athens führen.

Fitch nennt es "Restricted Default", bei Standard & Poor's wird es "Selective Default" heißen. So oder so: Die Eurozone steht vor der ersten Staatspleite ihrer Geschichte. Ein Jahr lang hatte die EU erbittert dagegen angekämpft. Aber um 12 Uhr 36 stand die Welt immer noch. An den Märkten ging es nach oben. Die Pleitemeldung als Randnotiz.

Transferunion ante portas

Vielleicht lag das daran, dass die meisten Analysten am Freitag damit beschäftigt waren, die Schlussfolgerungen des Euro-Gipfels zu entschlüsseln. Nur wenige verkündeten so eilig wie der deutsche Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, dass die gefundene Lösung "schlecht für die Steuerzahler sei". Immerhin in einem Punkt waren sich die Marktauguren völlig einig: Europa steuert rasant auf die Transferunion zu. Aber alles der Reihe nach.

Die Eckdaten des neuen Pakets sind bekannt. Die Eurozone wird Athen weitere 109 Milliarden via Rettungschirm EFSF bereitstellen. Die Laufzeiten für diese Darlehen werden auf bis zu 30 Jahre verlängert, die Zinskosten um bis zu 200 Basispunkte auf 3,5 Prozent gesenkt. Die Banken beteiligen sich mit 54 Milliarden Euro. Sie werden Athen neue, ebenfalls billige Kredite geben. Das soll Griechenlands Schuldenstand laut Internationalem Bankenverband IIF um gut 20 Prozent senken.

Analysten hingegen sehen die niedrigeren Zinskosten der EFSF-Kredite als die eigentlich wichtigste Erleichterung für Athen. Mit diesen öffentlichen Darlehen sinkt der Anteil der in Griechenland engagierten privaten Gläubiger nach und nach ab. Da das EFSF-Geld billig ist, wird diese neue Schuldenstruktur für Griechenland günstiger.

"Eurobonds über die Hintertür"

Für die Steuerzahler hat die Zinserleichterung einen Preis: Der Wert der Forderungen der Eurozone gegen Athen wird um 30 Milliarden Euro sinken, errechnete Barclays Capital. Tim Brunne von Unicredit spricht von einer großen Subventionsleistung der Eurozone. "Das sind die Eurobonds über die Hintertür."

Doch den Steuerzahlern werden auch andere Risiken aufgebürdet. Die Beteiligung des Bankensektors ist nämlich nicht umsonst.

Der Rettungschirm EFSF wird dafür garantieren, dass jene Banken, die Griechenland eine Schuldenstreckung gewähren, ihr Geld auch zurückerhalten. Der Mechanismus ist kompliziert: Athen wird sich vom EFSF Geld borgen, um es gleich wieder weiter zu verborgen. Klingt komisch, ist aber so. Griechenland nimmt sich zum Beispiel einen Kredit von einer Milliarde Euro und kauft damit deutsche Staatsanleihen. Das Recht auf Rückzahlung dieses Geldes tritt Athen an Banken ab. Sollte Griechenland also pleite gehen, wären die Banken auf Kosten des Rettungschirms, also der Steuerzahler, geschützt.

Alles in allem führe das neue Rettungspaket dazu, dass die Eurozone insgesamt ein wenig griechischer wird, meint Analyst David Schnautz. "Jedes Land trägt etwas mehr Griechenland-Risiko." Das könnte dazu führen, dass Investoren irgendwann genau nachrechnen und auch von bisher als sicher bewerteten Staaten höhere Zinsen für Kredite verlangen, so Schnautz.

Österreich mit 8,4 Milliarden Euro dabei

Vor erhöhten Kosten für die Eurozone warnt auch Open Europe. Die Experten des Londoner Thinktanks gehen davon aus, dass die griechische Schuldenlast trotz der Vergünstigungen nicht tragbar bleiben wird. "Das Problem wird nur hinaus geschoben", erklärt Raoul Ruparel.

Und auch er hat nachgerechnet und alle bisher für Griechenland übernommenen Haftungen seitens der EU-Länder (auch jene des Privatsektors und die Garantien über die Europäischen Zentralbank) addiert. Österreich stehe demnach schon jetzt mit 8,4 Milliarden Euro für Hellas gerade. Da die heimischen Banken kaum Kredite an Athen vergeben haben, trage den Großteil des Risikos die Republik.  (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.7.2011)

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12 Postings
Das ist ja das, was so sauer aufstößt.

Eine Randnotiz ist diese Meldung deshalb, weil ALLE anderen europäischen Länder (ausgenommen die faulen Hungerleider) den Kopf hinhalten.

rein nach dem Motto

profits get privatized, losses get sozialized

Republik?

Welche Haftung trägt die "REPUBLIK"?
Sollte das nicht heißen, wir alle, wir Stezerzahler?

Was heißt denn Republik? :)

wenn europa zusammenhält

können sich us-rating agenturen endlich um die us-schulden kümmern, dort gibts vielmehr zu tun ;)

Denn sie wissen nicht, was sie posten

Europas Offenbarungseid

Die TransferUnion ist längst beschlossene Sache, der ESM Vertrag machts deutlich:

Artikel 8: Grundkapital
Ziffer 1: Das Grundkapital beträgt 700 Mrd. Euro.

Artikel 10: Änderung des Grundkapitals
Ziffer 1: Der Gouverneursrat kann Änderungen des Grundkapitals beschließen und Artikel 8 ... entsprechend ändern.

Artikel 25: Externe Rechnungsprüfung
Die Prüfung der Rechnungsführung des ESM erfolgt durch unabhängige externe Rechnungsprüfer, die vom Gouverneursrat bestätigt werden.

Artikel 30: Immunität von Personen
Ziffer 1: Die Gouverneursratsmitglieder, Direktoren und Stellvertreter und das Personal genießen Immunität von der Gerichtsbarkeit hinsichtlich ihrer ... Handlungen und Unverletzlichkeit ihrer amtlichen Schriftstücke...

Veränderbares Grundkapital, eigene Rechnungsprüfung und absolute Immunität, noch Fragen?

gut so!

und jetzt rasch die eingriffsrechte der union (kontrollrechte) in die nationalen budgets ausbauen...damit das schuldenmachen wie in griechenland nicht mehr geht... das ist effektives handeln!

Das ist in etwa gleich viel wie für die Hypo Alpe Adria!

müsste österreich so hohe zinssätze bezahlen

wäre es auch pleite, alle wären dann pleite...daher ist das zusammenstehen richtig.

8,4 Milliarden Euro für Hellas

Ein "super Geschäft" hat Eurozonen-Meister JUNCKER uns erklärt.

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