Die Frau hinter dem Schleier

24. Juli 2011, 18:00
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Eine französische Studie hat 32 Vollverschleierte zu ihren Motiven und Lebensrealitäten befragt. Die halten ihre Selbstbestimmung hoch und leiden unter der medialen und gesellschaftlichen Hetze

Seit April 2011 ist das Tragen einer Vollverschleierung in Frankreich an öffentlichen Plätzen (mit Ausnahme von Gebetsstätten und in privaten Fahrzeugen) verboten. Die Statistik zeigt, dass die Verwaltung das Gesetz auch exekutiert: Rund 30 Frauen mussten in dieser kurzen Zeit bereits das Strafgeld von 150 Euro bezahlen, weil sie sich dem Verbot widersetzten. Offenbar meint es die Sarkozy-Regierung mit ihren Anstrengungen für mehr Geschlechtergleichheit und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, wie es offiziell heißt, ernst.

Doch Frankreich ist nicht allein. In Belgien wurde jüngst ein Verschleierungsverbot beschlossen und die Niederlande und Spanien bereiten ähnlichen Gesetze vor. Auch in Österreich schließen die Parteien (bis auf die Grünen) ein Verbot nicht aus, wie die Diskussion im April 2010 zeigte. Die Grundlage der Auseinandersetzung gleicht in all diesen Diskussionen jenen um das herkömmliche Kopftuch: eine "freiwillige Verschleierung" der Frauen wird aus okzidentaler Perspektive nicht für möglich gehalten.

Scheinthema?

GegnerInnen eines Vollschleier-Verbots quer durch Europa halten sich kaum mit dieser Frage auf, sondern verweisen meist darauf, dass ein solches Gesetz nur sehr wenige Frauen treffen würde. Selbst in Frankreich reichen die offiziellen Angaben zu regelmäßig Vollverschleierten von weniger als 400 Frauen bis knapp 2000 (in letzterer sind die Übersee-Gebiete Frankreichs in die Schätzung miteinbezogen). Das ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sehr wenig, der Schaden der politischen Diskussion auf das Leben dieser Frauen allerdings enorm groß, betonen Menschenrechtsorganisationen. Sie berichten, dass verbale und auch körperliche Übergriffe auf Vollverschleierte im Westen inzwischen zum Alltag gehören. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie der "Open Society Foundations" aus dem Jahr 2011, die die Motive und die Lebensrealität von vollverschleierten Frauen in Frankreich zum Thema macht.

Klischeebilder nicht auffindbar

Insgesamt 32 muslimische Frauen (aus Paris, Paris Umgebung, Marseille, Lyon, Avignon, Rennes und mehreren kleineren Provinz-Städten) befragte die Studien-Autorin und Journalistin Naima Bouteldja in qualitativen Interviews. Das zentrale Ergebnis ihrer Studie: Keine dieser Frauen entsprach dem medial gängigen Klischee von der wahlweise zum Schleier gezwungenen oder eben islamistisch-radikalisierten Muslima.

Ihre ersten Gespräche führte sie etwa mit zwei jungen Frauen aus Paris, eine 19 und ehemalige französische Nationalsportlerin, die andere 24 und vormals Rapperin. Beide sahen ihre Vollverschleierung als Vollendung ihres spirituellen Weges und führten diesen gleichzeitig in vehementer Opposition zu ihrer Familie, betont die Studien-Autorin in ihrem Blog.

Schleier als Teil einer spirituellen Reise

Diese Sicht zeigte sich noch in vielen anderen Gesprächen mit den Frauen. Auf die Frage, warum die Frauen die Vollverschleierung wählten, antworteten die meisten, dass sie ihn als Teil einer spirituellen Reise verstünden. Der Schleier sei demnach eine Vertiefung ihrer Beziehung zu Gott. Die große Mehrheit gab an, ihre Entscheidung frei getroffen zu haben, ohne Druck ihrer Familienmitglieder. Ihr Entschluss führte sie im Gegenteil besonders oft zu Konflikten mit der eigenen Mutter, die entweder um die Sicherheit der Tochter fürchtete, oder die Vollverschleierung als "unislamisch" qualifizierte. Die Ehemänner spielten bei der Entscheidung laut Auskunft der Befragten keine entscheidende Rolle. Von allen befragten verheirateten Frauen gab nur eine an, ihr Ehemann hätte sie direkt ermutigt, den Vollschleier zu tragen.

Neun der Befragten gaben an, dass sie den Vollschleier nicht täglich tragen, sondern nur zu besonderen Anlässen. Gleichzeitig verneinten sie, dass das Tragen des Niqabs mit der Verabschiedung ihres sozialen Lebens einhergegangen sei. Die Mehrheit geht weiterhin auswärts Essen, trifft FreundInnen, geht Shoppen, macht eine Ausbildung oder geht Arbeiten. Nur zwei Frauen betonten, eine Frau solle so viel wie möglich zu Hause sein.

Keine der Frauen erwähnte, dass sie in einer Moschee oder einer muslimischen Gruppe zum Tragen des Niqab gedrängt worden sei. Ironischerweise veranlasste aber erst die massive mediale Diskussion im Jahr 2009 vor allem jüngere Frauen dazu, den Vollschleier zu tragen. 10 der 32 Frauen wurden erst durch die gesellschaftliche Schleier-Kontroverse zur Niqab-Trägerin.

Sozialer Background

Von den Befragten waren 29 in Frankreich geboren, 30 besaßen die französische Staatsbürgerschaft. Mehr als 60 Prozent hatten einen nordafrikanischen Hintergrund, 12 Prozent einen westafrikanischen. Bei einem Viertel der Befragten handelte es sich um Konvertitinnen.
14 Frauen verfügten über einen Bildungsabschluss auf Matura-Niveau, acht Frauen hatten keinen Schulabschluss. Zehn der Befragten arbeiteten entweder Vollzeit oder Teilzeit, nur zwei Befragte gaben an, nicht arbeiten zu wollen und stattdessen zu Hause zu bleiben. Die große Mehrheit der Arbeitslosen betonte allerdings, dass sie gerne erwerbstätig wären, wenn sie einen Job fänden, der ihre religiöse Praxis nicht einschränken würde.

Von "Darth Vader" bis "Hure"

Die Studie zeigt außerdem, dass Vollverschleierte offenbar starke Ressentiments auf sich ziehen. Alle Frauen bis auf eine berichteten von verbalen Angriffen auf ihre Person, 19 meinten sogar, sie wären oft bzw. "jedesmal wenn sie das Haus verlassen" davon betroffen. Die Frauen bekamen Ausdrücke wie "Darth Vader", "Fantomas" oder auch "Hure" und "Schlampe" zu hören. Eine Minderheit berichtete auch von physischen Attacken, die von angespuckt Werden bis zu Versuchen, ihnen den Schleier herunter zu reißen, reichten. In der Mehrheit gingen diese Angriffe von weißen Französinnen aus. Doch auch MuslimInnen gehörten zu jenen, die Niqab-Trägerinnen beschimpften, weil sie den "guten Ruf der Muslime" in Frankreich beschädigen würden. Einig waren sich die Befragten, dass die Ressentiments mit der europäischen Diskussion über Vollverschleierung zugenommen hätten.

Repräsentative Aussagen

Über die allgemeine Aussagekraft der Studie lässt sich natürlich streiten. Und selbstredend steht sie vor dem gleichen Problem wie Studien in der Mehrheitsgesellschaft - nämlich dem schwierigen Zugang zu Opfern eines Systems. Unabhängig von ihrer Repräsentativität, die durch die mehr als unklare Datenlage selbst von offizieller Stelle nicht eruiert werden kann, leistet die Studie einen wichtigen Beitrag dazu, die Beweggründe von einem Teil von Vollschleier-Trägerinnen zu verstehen. Diese Frauen überhaupt einmal zu fragen, was sie antreibt, scheint banal, wurde aber in der Diskussion um das Verbot von Niqabs und Burkas in Frankreich bislang weitgehend übersehen. Es zeigt sich: Die pauschale Einordnung dieser Frauen als Opfer ihrer sozial-religiösen Herkunft, wie sie auch von KritikerInnen eines Verbots immer wieder geäußert wird, wird der mannigfaltigen Realität von vollverschleierten Frauen nicht gerecht. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 24.7.2011)

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    "Ich habe nichts verbrochen, nichts gestohlen und niemanden umgebracht", sagt Niqab-Trägerin Kenza Drider. Sie hat sich wegen des Vollschleier-Verbots inzwischen an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt.

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    Im April kam es in ganz Europa zu Protesten gegen das Niqab-Verbots in Frankreich.

  • mistertif

    Zwei französische Studentinnen, die sich "Niqabitches" nennen, haben den Fummel-Trouble in Frankreich in einer Performance kommentiert.

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