Eröffnung der Nickelsdorfer "Konfrontationen" mit Franz Hautzinger, Els Vandeweyer, Fred van Hove
Nickelsdorf - Wie ist das nun mit freier Improvisation? Alles ist
möglich, nichts ist falsch? Selten wird emotionsfrei über jene Musik
nachgedacht, die ohne jede zu Papier gebrachte Note, oft auch ohne
Absprachen, auf der Bühne entsteht. 50 Jahre nachdem der Free Jazz über
die New Yorker Szene hereingebrochen ist und sich daraus in Europa
verschiedene Schulen der frei improvisierten Musik gebildet haben,
stellt sich noch immer die Frage nach Qualitätskriterien für diese
Klänge, in denen Ungeplantes als Inspirationsquelle dient.
Wie ist diese Musik, die fälschlich oft als "Avantgarde" bezeichnet
wird, zu spielen? Der Eröffnungstag der 32. Nickelsdorfer
Konfrontationen bot diesbezüglich Aufschlussreiches.
Riskant ist es zweifellos, allein auf die impulsive Kraft dieser
klingenden Interaktionsform zu vertrauen, ohne auch nur einen Gedanken
an einen konzeptionellen Rahmen zu verschwenden: Obwohl Saxofonist
Edoardo Marraffa energetische Klangfetzen in den Raum schleuderte,
Alberto Braida das Klavier in Cluster-verdächtigen Kaskaden bearbeitete
und Drummer Michael Zerang als klangbewusster Partner fungierte,
erzeugte dieses Konzert kaum Nachhall: Zu unspezifisch, zu routiniert
wurde hier musiziert. Erst gegen Ende der Performance, als Zerang
groovige Patterns an der arabischen Rahmentrommel Daf einstreute,
ergaben sich unorthodoxe Spielsituationen.
In der improvisierten Musik macht die Auswahl der Besetzung 50 Prozent
der Komposition aus, so sagt man. Vibrafon und Marimba, beide in diesem
Genre selten verwendet, versteht die blutjunge Belgierin Els Vandeweyer
Klänge ungehörter Art zu entlocken: Mit speziell präparierten
Handschuhen schuf sie schillernde Klangwolken, in die sich Pianist Fred
van Hove mit filigran perlenden Klangzellenwucherungen einklinkte. Diese
fanden wiederum in der spröden, farbbewussten Perkussionistik von Paul
Lovens und Martin Blume einen wirkungsvollen Kontrapunkt.
Charme hatte auch die Musik von Franz Hautzingers Poet Congress, in der
das Prinzip der Auswahl distinkter Charaktere eine ebenfalls kluge
Anwendung erfährt: Mit dem dunklen Geröchel Steve Ganders und den
gewitzten Textimprovisationen Christian Reiners standen zwei
Vokalisten-Antipoden im Zentrum, die um die quirlige Klarinettistin
Isabelle Duthoit zum Trio ergänzt wurden. Auch wenn hier momentweise die
Gefahr bestand, die Sounds zu dick aufzutragen, so gerieten diese
vielschichtigen Collagen aus Worten, Vokalisen und Tönen, an denen auch
Pianistin Manon-Liu Winter und Gitarrist Burkhard Stangl mitstrickten,
zum kurzweiligen Höhepunkt des Abends. (Andreas Felber / DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)