Die Wasserrutsche

22. Juli 2011, 17:58
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Ich habe vergessen, wen ich zuerst sah und ob ich die Menschen kannte. Ich hätte einen Unfall gehabt, bekam ich zu hören, im Schwimmbad. Ich sei von der Rutsche gefallen - Von Clemens Berger

Als ich im Krankenhaus erwachte, wusste ich nicht, dass ich im Krankenhaus war. Ich wusste nicht, wo ich war, und ich wusste nicht, warum ich auf dem Rücken lag, warum auf einem Bett, warum Köpfe über mich gebeugt waren, warum man leise und behutsam zu mir sprach; auch habe ich vergessen, wen ich zuerst sah und ob ich die Menschen kannte. Ich hätte einen Unfall gehabt, bekam ich zu hören, im Schwimmbad. Ich sei von der Rutsche gefallen.

Ich hatte einen Unfall gehabt, und ich war von der Rutsche gefallen, nicht von der Rutsche, sondern aus ihr und, wie ich später Stück für Stück zusammenzusetzen begann, eine Etage tiefer wieder in sie hinein. Ich hatte eine schwere Gehirnerschütterung, lag Anfang Juli im Krankenhaus und weigerte mich wie bei all den Krankenhausaufenthalten zuvor und danach, am Betreuungsprogramm für Kinder und Jugendliche teilzunehmen. Ich wollte nicht Schule, ich wollte keine ungezwungenen Spiele spielen, ich wollte mir nicht mit Gleichaltrigen die Zeit vertreiben, ich wollte Musik hören und lesen, nur sollte ich beides wegen meines in Mitleidenschaft gezogenen Gehirns bloß in Maßen tun. Nicht auszudenken, wie klug ich wäre, sage ich heute, wäre meinem Gehirn damals nichts zugestoßen; immerhin hatte mir meine Volksschullehrerin einen Nobelpreis prophezeit. Ich hatte zwei Kassetten von Guns N' Roses geschenkt bekommen, die ich eigentlich verachtete, Bauernmusik, wie wir sagten, die mir auf einmal gefiel. "And we both know hearts can change" - da glaubte ich etwas zu spüren, das ich zu kennen meinte, wovon ich in Wirklichkeit keine Ahnung hatte. Vielleicht passte auch bloß der Titel des Liedes, November Rain, zu meiner Stimmung am Beginn eines Sommers, den ich, wie mir die Ärzte mitgeteilt hatten, vergessen konnte. Ich dürfe nicht in die Sonne gehen, sagte ein Arzt, an den ich mich nicht mehr erinnern kann. Außerdem dürfe ich keinen Alkohol trinken. Ich war dreizehn Jahre alt und bekam Geschichten zu hören, denen zufolge ich sturzbetrunken gewesen wäre, als ich von der oder aus der oder in die Rutsche zurück gefallen war; ich konnte mich bloß an Pommes frites mit Ketchup aus einer Papiertüte erinnern. Das Zimmer teilte ich mit einem Kollegen meiner Mutter, der am Knie operiert worden war und langsam das Gehen wieder erlernte, während ich mich ärgerte, nicht im Schwimmbad sein zu können. So sehr ich mich auch zu erinnern versuchte, was mich in diese Situation gebracht hatte, ich fand keine Bilder. Ich finde sie bis heute nicht.

Das letzte Bild

Ich sitze oder liege auf einem Handtuch, ungefähr in der Mitte der Liegewiese, unweit des Kinderbeckens, etwas weiter entfernt von dem großen Baum, der den bösen Jungen vorbehalten ist, die es auf mich abgesehen haben. Da sind drei Mädchen in schwarzen Badeanzügen, die mir sehr gefallen, es ist unmöglich, eine den anderen vorzuziehen, obwohl ich nicht das Gefühl habe, dass sie sich um mich streiten. Wir sitzen da und schauen und reden - das ist das letzte Bild. Dann muss ich ins Wasser gegangen, also vom Beckenrand gesprungen sein, weil auf einem Schild "Vom Beckenrand springen verboten" steht, und wie so oft muss ich die gelbe, schneckenförmig gewundene Wasserrutsche von unten nach oben gelaufen sein. Wo man aus der letzten Kurve kommt und ins Wasser rutscht, stiegen wir ein, um den Weg in die entgegengesetzte Richtung zu nehmen, schnelle Schritte über das Rinnsal auf dem Wannenboden, die Hände seitlich abgestützt, in den Kurven und an den steilen Stellen auf allen Vieren. Man muss zur Seite treten, wenn jemand dahergerutscht kommt, oder sich am Wannenrand hochziehen, um ihn oder sie passieren zu lassen. Die Mädchen muss das beeindrucken, schließlich ist es verboten, wahrscheinlich halten sie es für gefährlich. Aus den Becken dringen die Rufe der Badenden, eine hölzerne Brücke, von der man nicht springen darf und von der wir gerade deswegen am liebsten springen, markiert den Übergang vom Seichten zum Tiefen, und vom Beginn der Rutsche, den alle anderen über eine Wendeltreppe erreichen, blickt man auf das Türmchen neben dem Eingang, die Kassa, die Holzkabinen rechts und links, die hölzernen Pritschen am Rand des Sportbeckens, auf die Startblöcke, das kleine Badezimmerhäuschen, und wenn man sich umdreht, sieht man eine die Wiese abschließende Betonmauer, hinter der Supermarkt und Parkplatz liegen. Ich sehe auch den Sprungturm mit dem Trampolin, den es nicht mehr gibt, seit das Bad renoviert und dem Sportbecken ein kleineres, seichtes angeschlossen wurde. Es war nicht ungefährlich, vom Trampolin zu springen, junge Männer lauerten auf den Betonstufen nur darauf, hinter dem zum Sprung Antretenden aufs Trampolin zu steigen, um ihn zu federn, wie man sagte - plötzlich war man doppelt so hoch in der Luft, wie man wollte, und wenn man nicht ins Wasser sprang, konnte man sicher sein, noch einmal gefedert zu werden und noch höher zu steigen. Dreht man den Kopf vor dem Einstieg zur Rutsche nach links, sieht man auf das Buffet mit seinen Tischen und Sonnenschirmen, wo man Pommes frites mit Ketchup isst und Eis oder Esspapier kauft.

Der Schweizer Junge, der Leonhard hieß, war älter und größer und schwerer. Ich weiß nicht, ob er zur Kassa blickte oder nach rechts hinten, wo wir Nachmittag für Nachmittag Fußball spielten, bis die Füße schmerzten und die Hitze unerträglich wurde. Ich stelle mir vor, dass auch er sich mit den Händen an der Eisenstange festhielt, den Rücken durchdrückte, um Schwung zu holen und sich mit diesem Schwung, den Körper angespannt, in die Rutsche zu stoßen. Als er mit diesem Schwung und dieser Geschwindigkeit in die Kurve kam, trug es ihn weit hinaus an den Wannenrand, an dem ich mich, von unten kommend, hochgezogen hatte. Ich muss einen Stoß bekommen haben, aus der Rutsche und direkt in die Bahn darunter gefallen sein. Ich war sofort bewusstlos, mein Freund, der vor mir hinaufgeklettert und wieder hinuntergerutscht war, sagte später, er habe einen dumpfen Knall gehört und sich gewundert, wie ich auf einmal wieder hinter ihm habe sein können. Ich ging unter, als ich aus der Rutsche kam, mein Freund meinte, ich scherzte.

Da lag ich

Ein Polizist bemerkte, dass ich nicht mehr auftauchte, vielleicht hatte er den Unfall mitbekommen, sprang ins Wasser und holte mich heraus. Im Bad war ein Arzt, der herbeieilte, man legte mich auf den Beton, auf dem ich zermatscht gelegen wäre, hätte ich mich ein paar Zentimeter weiter oben an der Wand hochgezogen - ein paar Zentimeter weniger weit wäre ich mit dem Genick auf den Wannenrand eine Etage tiefer gekracht und für immer an einen Rollstuhl gefesselt gewesen. Da lag ich, eine blutige Sensation, man versuchte, mich wiederzubeleben, ich blieb bewusstlos. Als meine Mutter und meine kleine Schwester, die auch im Bad waren, den Menschenauflauf sahen, eilten sie herbei, um Sohn und Bruder reglos auf dem Beton liegen zu sehen. Mein Vater war zu Hause, als man ihn anrief; als er ins Bad kam, wurde ich gerade mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gefahren.

Ich kann mich an nichts erinnern, nicht an den Einstieg in die Rutsche, nicht ans Hinauflaufen, nicht an den Schlag, den Leonhards Körper mir versetzt hatte, nicht an den Fall, nicht einmal an das, was wir vorher getan hatten. Ich weiß nur, dass ich bei den drei Mädchen in den schwarzen Badeanzügen gesessen war, mit einer Sonnenbrille, um geschützter nach dem sehen zu können, was mich neben Fußballspielen am meisten interessierte.

Jetzt lag ich in einem Zimmer des Landeskrankenhauses Oberwart, draußen schien die Sonne, meine Freunde, meine Feinde und die Mädchen, die mir gefielen, waren im Schwimmbad, an diesem Ort, den ich liebte und bisweilen fürchtete und von nun an mit einem anderen Gefühl betreten würde. Ich war der, der von der Rutsche gefallen war. Ich war der Hauptprotagonist einer Geschichte, die draußen, unter dem blauen Himmel, ein Eigenleben entwickelte. Draußen verliebte sich der in die, und die machte mit dem Schluss, um mit einem anderen zu knutschen, unter dem großen Baum wurde geraucht und Musik gehört, man schmiedete Pläne für eine Zeit, mit der ich nichts zu tun haben würde. Am Ende des Bads, kurz vor der Mauer zu Supermarkt und Parkplatz, über die man kletterte, um Naschzeug und Getränke mitgehen zu lassen, wurde gekickt, als wäre eine Weltmeisterschaft zu gewinnen, abends traf man sich bei den Tennisplätzen oder unter den Basketballkörben, mittwochs ging es zum Wochenmarkt, Würste, Bier und heimlich gerauchte Zigaretten. Ich lag in meinem Krankenbett, der Schock ließ allmählich nach; aber es war ein Spiegelschock, den ich eher an denen ablas, die mich besuchen kamen. Ich war dem Tod von der Schaufel gesprungen, indem ich aus einer Wasserrutsche gefallen war.

Wie erinnert man sich an etwas, woran man sich nicht erinnert? Ich sehe das Bad vor mir und die Rutsche, aus jener Perspektive, als käme ich vom Buffet. Gelb ist sie, geschwungen, aus hartem Kunststoff, die Wendeltreppe aus Metall. Ich sehe die Eisenstange vor dem Eingang in den Halbschlauch, die kleine, vom Wasser umspülte Wanne mit ihren Noppen auf dem Boden, in der man warten soll, bis der oder die vor einem mindestens zur Hälfte durch ist, und ich sehe den Jungen, der ich war, unten einsteigen. Er ist groß für sein Alter, schlaksig, ein sehniger Körper, er hat keine Haare unter den Achseln, weswegen er von seinen Freunden gehänselt wird. Ich sehe ihn aus der Rutsche fallen, in die Ebene darunter krachen, ein Glück, das tatsächlich kaum zu glauben ist, ich sehe ihn leblos aus dem Gelb ins Hellblau plumpsen und untergegangen bleiben. Ich sehe den Polizisten mit der behaarten Brust und dem kahlen Kopf ins Wasser springen, den Jungen herausfischen, ich sehe den dünnen Arzt mit dem Feuermal über der einen Gesichtshälfte sich über den auf dem Boden liegenden Jungen beugen, während immer mehr Schaulustige herbeieilen, um zu sehen, was passiert ist. Ich nehme den Blick meiner Mutter und meiner Schwester ein, die sich an nichts mehr erinnern kann.

Nichts mehr. In Wirklichkeit bin ich mir selbst über das Aufwachen im Krankenhaus nicht sicher, ich habe nur eine Ahnung von Weiß, die Ahnung einer Perspektive, jener auf dem Rücken. Ich weiß nicht, wie lange ich weg war, und wo. Ich kann mich nicht an den Zustand erinnern, den manche ausführlich als traumartig und zwischenweltlich beschreiben, wenn man sich gleichsam von außen betrachtet oder in einer Welt bewegt, in der Milch und Honig fließen könnten. Es ist nicht das Wo des Schlafes, auch nicht das einer Ohnmacht, wie sie mir später zweimal zustieß, immer beim Skifahren, immer auf Bergen, die ich stets mit dem Unfall in Verbindung brachte, von dem ich mich erstaunlich rasch erholt haben soll. Es ist ein Wo zwischen Leben und Tod, und ich weiß nur, dass alle von einem Wunder sprachen, von dem Schutzengel, den ich gehabt hätte, oder einfach von dem Glück, dass ich noch am Leben sei. Meine Eltern ließen eine Messe für mich lesen, wie man es für Verstorbene tut. Sie meinten es gut, aber in mir sträubte sich alles dagegen, nicht nur weil ich den Glauben, in dem ich erzogen wurde, abschütteln wollte, sondern weil ich nicht gestorben war. Ich war da, hatte mein Gedächtnis nicht verloren, alle Knochen waren heil, mein Kopf war noch immer mein Kopf, mein Körper beinahe unversehrt. Es war, schien ich mir einschärfen zu wollen, nichts geschehen.

Neben dem Fenster liegt der Kollege meiner Mutter auf seinem Bett, wenn er nicht in den Schulferien auf Krücken durchs Zimmer humpelt; ein paar Jahre später wird er nachts einen jungen Mann, den ich kannte, mit dem Auto überfahren, der junge Mann wird tot und das Leben meines Zimmernachbarn nie mehr dasselbe sein. An die Wochen im Krankenhaus erinnere ich mich kaum, nur die gelbe und die blaue Kassette sind da, Use Your Illusion, I und II, und ich konnte, wie immer wieder in meinem Leben, nur meine Illusionen benutzen. Die kreisten um Fußball, eine glänzende Zukunft, um Abenteuer, Freiheit, Unbeschwertheit und Liebe. Ich hatte viel Zeit, wahrscheinlich würde ich für Rapid spielen, im Praterstadion auflaufen, bei Land der Berge verschmitzt in die Kamera blicken und mein Leben mit einer wunderbaren Frau teilen. Von den Mädchen, die ich mit jenem Tag verbinde, besuchte mich keines.

Tot und wiedergeboren

Den Tag, an dem ich beinahe gestorben wäre, habe ich vergessen, das Datum wäre herauszufinden, zumal meine Eltern von meinem zweiten Geburtstag sprachen. In einem gewissen Sinn war ich tot und wiedergeboren worden, und meine Wiedergeburt schien von zwei Menschen abzuhängen, die fortan als meine Lebensretter bezeichnet wurden. Ich traf sie bestimmt nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus, um mich zu bedanken. Die Bilder habe ich vergessen; ich habe sie verdrängt. Ich wollte sie nicht sehen, und wann immer mir der Polizist oder der Arzt begegnete, überkam mich eine Beklemmung, musste ich wegsehen, in die andere Richtung gehen, einfach nur fort. Noch heute verstehe ich diese heftige Ablehnung nur unzureichend. Wenn ich bisweilen die Geschichte zu erzählen versuche, sage ich, der Polizist sei ein Freiheitlicher, als ob das mit der Tatsache zu tun hätte, dass er, ein Kollege meines Großvaters, mir das Leben gerettet hat. Die Psychoanalyse würde mir anbieten, ich wendete mich gegen jene, die mich aus einer Zwischenwelt geholt hätten, an die ich mich nicht erinnere. Ein versteckter Todeswunsch? Im Gegenteil, ich wollte nichts als leben, wenige Jahre später war es eine Maxime Camus', vivre le plus, nicht le mieux, die ich mir in mein inneres Stammbuch schrieb. Ich sollte dem Polizisten und dem Arzt, wie mir alle, die von der Geschichte wussten, ein ums andere Mal zu verstehen gaben, dankbar sein. Sie hatten mein Leben gerettet. Ich wollte niemandem, abgesehen von meinen Eltern, mein Leben verdanken. Noch heute verspüre ich diese Beklemmung, wenn ich dem Polizisten oder dem Arzt über den Weg laufe.

Zumindest für meine Eltern und ihre Freunde gab es einen Schuldigen. Der Bademeister mit seinem Bauch, dem Goldkettchen um den Hals und dem langen Haar im Nacken hatte seine Aufsehpflicht vernachlässigt. Er hätte nicht durchgehen lassen dürfen, was wir taten, was ich tat. Vielleicht spielte er Karten, vielleicht trank er Bier im Buffet, vielleicht scherzte er mit einer Besucherin - zumindest porträtierte ich ihn so, wie wenig verfremdet auch immer, in einer Erzählung meines ersten Buches, die Der Bademeister heißt und mit dem Satz beginnt: "Hier spricht der Bademeister. Das Papier in den Papierkorb werfen; Weißglas zu Weißglas; Buntglas zu Buntglas; der Rest kommt in die Biotonne." Dieser Bademeister ist eine lächerliche Figur, die von Jugendlichen, die ich nicht erfinden musste, gefrotzelt wird; am Schluss findet er eines Morgens, nachdem er die Jugendlichen wenige Stunden zuvor beim verbotenen Nachtschwimmen aufgescheucht hat, Kot auf den Stiegen vor seinem Aufseherhäuschen. Alle Wut und Verzweiflung waren auf ihn gerichtet, obwohl ich schuld war an dem, was geschehen war. Natürlich nicht ich allein, aber in mir wollte ich für meine Handlungen verantwortlich sein. Jahre später, als ich im Sommer eine Woche in Oberwart verbrachte, blätterte ich die Bezirkszeitung durch, in der es eine Rubrik über Personen des öffentlichen Lebens gab, die aus ihrem Leben erzählten. In dieser Ausgabe erzählte der Bademeister, der schlimmste Tag seines Bademeisterdaseins sei jener gewesen, an dem ein Junge auf der Wasserrutsche verunglückt sei. Ich las den Text, riss ihn aus der Zeitung und versteckte ihn an einem Ort, den ich nicht zu nennen wüsste.

Leonhard, hieß es, habe die Geschichte sehr zugesetzt, er hatte sich seine Ferien anders vorgestellt. Da reist er aus der Schweiz zu einem Bekannten ins Südburgenland, der mit mir zur Schule geht. Da kommen sie aus ihrem Dorf einmal in die Stadt, wir waren aus der Stadt, die aus dem Dorf, um ein anderes Schwimmbad zu sehen, eines mit Wasserrutsche - und am Ende weiß Leonhard nicht, ob der Junge, den er flüchtig kennt, seinetwegen tot oder lebendig sei. Und nachdem er weiß, dass er nicht tot ist, fragt er sich, ob es Schäden gebe, Bleibendes, etwas, das nicht mehr ins Lot zu bringen sei. Wie leid es ihm tue, welche Vorwürfe er sich mache, wie sehr ihn das Geschehene mitnehme, bekam ich zu hören. Das mochte sein, ich konnte es mir vorstellen, obwohl ich nicht weiß, ob ich es mir vorstellte; ich war dem sehr weißen Jungen mit den vielen Sommersprossen auf dem Körper kein wenig böse, er konnte nichts dafür. Einen Sommer später veranstaltete mein Klassenkollege ein Fest, wahrscheinlich sollte sich ein Kreis schließen, Leonhard war wieder zu Besuch, ich war mit dem Freund da, der vor mir die Rutsche hinaufgeklettert, im Gegensatz zu mir hinuntergerutscht und kurz vor mir ins Wasser gekommen war. Als Leonhard auf mich zukam, zeigte mein Freund mit dem Finger auf ihn und rief: "Mörder!" Es war mir unangenehm, wir sprachen nicht mehr als das Nötigste miteinander. Der Schweizer war doch schuldlos - und ich nicht tot.

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, durfte ich nur abends, nach Sonnenuntergang, wenn es nicht mehr zu heiß war, aus dem Haus. Wenn ich ins Freie ging, musste ich eine Mütze tragen, vor der Sonne hatte ich mich zu hüten, mein Leben war im Wartemodus. In diesem Sommer flogen wir nicht nach Griechenland, wir fuhren nach Italien, aber nicht an die Adria, sondern nach Südtirol. Während wir über Almen wanderten, stellte ich mir vor, allein mit einem der drei Mädchen aus dem Schwimmbad dort zu sein, mit ihm Hand in Hand über die Wiesen zu spazieren und die Welt zu entdecken. An einem der ersten Abende in Freiheit spazierte ich die Oberwarter Hauptstraße entlang. Die Bushaltestelle zwischen Rathaus und Gericht, der Würstelstand neben dem Gericht, die Gassen, Straßen und Gebäude waren alle noch da. Beim Eissalon Gumhalter, gegenüber dem kleinen Stadtpark, der mir nicht klein vorkam, kam mir einer meiner Feinde mit seiner Freundin entgegen. "Berger", sagte er, "schade, dass du nicht krepiert bist."  (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)

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    Riskantes sommerliches Vergnügen: Man muss zur Seite treten, wenn jemand dahergerutscht kommt ...

     

  • Über den Autor:  Clemens Berger, geboren 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, 
wollte als Kind Fußballer werden. Er studierte Philosophie in Wien, wo 
er als freier Schriftsteller lebt. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Das Streichelinstitut" (Wallstein, 
2010).
    foto: ahr

    Über den Autor:
    Clemens Berger, geboren 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, wollte als Kind Fußballer werden. Er studierte Philosophie in Wien, wo er als freier Schriftsteller lebt. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Das Streichelinstitut" (Wallstein, 2010).

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