Wachstumsfantasien dank Zuwanderer

22. Juli 2011, 17:48
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Zwischenbilanz: Das Erschließen von Nischensegmenten und zunehmender Transfer federn mangelnde Nachfrage hierzulande ab

Selbstverständlich ist Österreich im internationalen Kunstmarktbetrieb nur ein vergleichsweise kleines Rädchen, und doch hat es - ganz abgesehen von der lokalen Bedeutung - innerhalb der letzten 15 Jahre an Ansehen gewonnen. Einerseits als Akquisitionsbasis der Marktführer Christie's und Sotheby's, vor allem für hierzulande an im Ausland lebende Erben(gemeinschaften) restituierte Kunstwerke, die anschließend in London oder New York Millionenwerte einspielen.

Und daraus resultiert wiederum eine nachhaltige Abwanderung von Hochkarätigem, die in den Chefetagen der hiesigen Auktionshäuser bisweilen wurmen mag. Wenn man, wie jüngst das Leopold Museum, aus einer Zwangslage heraus ein Kunstwerk zu Barem zu machen gedenkt (Häuser mit bunter Wäsche, Sotheby's London, 27,63 Mio. Euro) dann führt letztlich kein Weg an den Auktionsgiganten vorbei.

Gardisten auf dem Vormarsch

Weder verfügen österreichische Vermittler über die entsprechende Klientel, noch können sie solche Bedingungen gewähren, die dem Verkäufer ungeachtet der Tageslaune des Marktes einen bestimmten Betrag garantieren.

Andererseits etabliert sich Österreich zunehmend als Handelsplattform: Während die Elite Alter Meister wiederum London oder New York vorbehalten bleibt, wechseln Protagonisten der zweiten und dritten Garde hierzulande munter den Besitzer und werfen in Summe beachtliche Erträge ab. Basis vorwitziger Wachstumsfan-tasien könnten sie es in noch deutlicherem Ausmaß: Bislang nutzten Christie's und Sotheby's für dieses Segment ihre Niederlassungen in Amsterdam und Mailand. Vor kurzem wurde bekannt, dass sich Sotheby's von dort zurückzieht und die entsprechenden Versteigerungen mit Anfang 2012 aus dem Programm nimmt.

Zeitgleich stieg in Österreich der Import von Kunstwerken deutlich, vor allem über das wachsende Netz an Repräsentanzen des Dorotheums und über die Niederlassungen in Deutschland und Italien. Ihre Verweildauer in Österreich ist dabei allerdings eine kurze, da die Auktionssäle in Wien meist nur als Zwischenstation fungieren, wie auch das Rekordbeispiel 2010 dokumentiert. Frans Franckens II Himmel-& Höllenszenario (Mensch zwischen Tugend & Laster, 7,02 Mio. Euro) kam aus Deutschland und wanderte via Dorotheum nach Großbritannien ab. Auch in der aktuellen Zwischenbilanz setzten sich Zuwanderer an die Spitze der zehn höchsten seit Jänner verzeichneten Zuschläge: etwa Alexej Jawlensky's Wasserburger Landschaft (Deutschland) oder auch Alfons Waldes Aufstieg (Dänemark).

Ein differenzierteres Bild geben die seit Anfang des Jahres eingespielten Umsätze: "im Kinsky" verbuchte Dank rückläufiger Verkaufsquoten mit elf Millionen Euro etwas mehr als 15 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Im gleichen Zeitraum gelang dem Dorotheum ein Zuwachs von exakt 1,8 Prozent, der allerdings nicht den Absatzzahlen der beiden Auktionswochen (insgesamt 26,35 Mio. Euro, vgl. mit 2010 minus 17,6 %) zuzurechnen ist, als dem Tagesgeschäft ("Daily Auctions") und dem erfolgreichen Spartendebüt Stammeskunst.

Anfang Mai hatten die aus der Sammlung Leopold 2 stammenden Tribal-Art-Objekte mit 665.000 Euro das Dreifache der Mindesterwartungen eingespielt. Neben einigen wenigen heimischen Privatsammlern verzeichnete Experte Erwin Melchardt eine starke internationale Nachfrage, aus Frankreich, den Niederlanden, den USA, Spanien, England oder Schweden, und vor allem seitens des belgischen Handels.  (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)

  • Den höchsten Zuschlag  in  einem   heimischen Auktionssaal seit Jänner 
2011 erteilte das Dorotheum für Alexej Jawlenskys "Wasserburger 
Landschaft"  von 1907 bei 510.000 Euro.
    foto: dorotheum

    Den höchsten Zuschlag in einem heimischen Auktionssaal seit Jänner 2011 erteilte das Dorotheum für Alexej Jawlenskys "Wasserburger Landschaft" von 1907 bei 510.000 Euro.

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