Wie schafft man es, so unfassbar langsam zu sein?

24. Juli 2011, 15:16
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Faultiere haben ihre ganz eigene ökologische Nische gefunden - deutsche Forscher untersuchten ihre Anatomie

Jena - Faultiere verbringen den überwiegenden Teil ihres Lebens kopfüber in den Ästen hängend. Ihr Stoffwechsel ist so langsam, dass sie nur einmal alle ein bis zwei Wochen Kot ausscheiden. Müssen sie sich bewegen, tun sie das ausgesprochen langsam - so sind sie schließlich zu ihrem Namen gekommen. Ob der gerechtfertigt ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Denn wie bei allen anderen Tieren steckt auch hinter der Lebenweise der Faultiere eine erfolgreiche Anpassung an eine ökologische Nische.

Faultier-Filmstar mit Allüren

Zoologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben untersucht, wie sich der Bewegungsapparat der Faultiere im Laufe der Evolution an ihre gemächliche Lebensweise angepasst hat. "Zu unserer großen Überraschung unterscheidet sich die Fortbewegung der Faultiere im Prinzip gar nicht so sehr von der anderer Säugetiere, etwa der Affen, die statt am Ast zu hängen, auf dem Ast entlang balancieren", sagt John Nyakatura.

Der Evolutionsbiologe hat im Rahmen seiner Doktorarbeit die Fortbewegung von Faultieren mit einer Röntgenvideoanlage gefilmt und ihre Bewegungsabläufe analysiert. Das war anfangs gar nicht so leicht. Denn das erste Faultier, das der Jenaer Wissenschafter vor der Kamera hatte, verweigerte schlichtweg die Arbeit. "Faultier Mats wollte einfach nicht kooperieren", erinnert sich Nyakatura. Deshalb wurde es an einen Zoo abgegeben und machte als "das faulste Tier der Welt" rund um den Globus Schlagzeilen.

Die Zweifingerfaultiere Julius, Evita und Lisa zeigten sich dagegen kooperativer. Sie hangelten die dafür vorgesehene Stange in der Röntgenröhre entlang. "Ihre Beinstellung und die Beugung der Gelenke entspricht dabei exakt denen anderer Säugetiere beim Laufen", erläutert Nyakatura. Insofern könne man sich die Fortbewegung der Faultiere praktisch als "Laufen" unter dem Ast vorstellen. Nur eben viel langsamer als bei anderen Vierbeinern.

Körperliche Anpassungen

Deutliche Unterschiede fand der Evolutionsbiologe allerdings im anatomischen Aufbau der Tiere. "Faultiere besitzen sehr lange Arme, aber nur sehr kurze Schulterblätter, die frei beweglich einem schmalen, abgerundeten Brustkorb aufliegen. Das verleiht ihnen einen maximalen Bewegungsradius." Außerdem sei es bei den Faultieren zu einer Verschiebung der Ansatzstellen bestimmter Muskeln gekommen, was es ihnen ermögliche, das eigene Körpergewicht mit möglichst geringem Energieaufwand zu halten.

"Die Anpassung an die langsame, energiesparende Art der Fortbewegung erfolgte in der Evolution der Faultiere ausschließlich über die Anatomie", bilanziert Nyakatura. Das sei umso erstaunlicher, als sich dieses Prinzip gleich zwei Mal unabhängig voneinander entwickelt habe: bei den Zweifingerfaultieren ebenso wie bei den Dreifingerfaultieren. Denn anders als es äußere Erscheinung und Lebensweise der Tiere vermuten lassen, sind diese beiden Familien evolutionär gesehen nur relativ weitläufig miteinander verwandt. Die Zweifingerfaultiere sind sogar näher mit den elefantengroßen Riesenfaultieren, die am Ende des Eiszeitalters ausstarben, verwandt als mit ihren dreifingrigen Vettern. An den Hinterfüßen haben übrigens alle Faultiere drei Zehen.

Keine Faulheit, sondern eine rasante Erfolgsgeschichte

"Mit ihrer Lebensweise besetzen die Faultiere eine ökologische Nische", ergänzt Martin S. Fischer, der die Arbeit von John Nyakatura betreut hat. "Faultiere führen ein Leben im Energiesparmodus." Das Ausnützen energiearmer Kost in Verbindung mit einer unauffälligen Lebensweise mache sie zu den absoluten "Energiesparmodellen" unter den Säugetieren, so der Inhaber des Jenaer Lehrstuhls für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie. Und das sei ein ausgewiesenes Erfolgsrezept, was mit "Faulheit" rein gar nichts zu tun habe. (red)

  • Das Faultier Julius wird im Rahmen der täglichen Fütterung von John Nyakatura an die Kletterstange gewöhnt.
    foto: privat

    Das Faultier Julius wird im Rahmen der täglichen Fütterung von John Nyakatura an die Kletterstange gewöhnt.

  • Ganz normales Laufen, bloß eben andersrum: Die Fortbewegung der Faultiere ist mit Hilfe einer dreidimensionalen Rekonstruktion des Skeletts und einer 
Animation basierend auf Röntgenvideos untersucht worden.
    foto: john nyakatura/fsu

    Ganz normales Laufen, bloß eben andersrum: Die Fortbewegung der Faultiere ist mit Hilfe einer dreidimensionalen Rekonstruktion des Skeletts und einer Animation basierend auf Röntgenvideos untersucht worden.

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