Christina Höfferers Reportagensammlung "Bella Arcadia"
Oft
sind es nur imaginäre Welten, die Abbilder des kollektiven
Gedächtnisses ausmachen. Die Vorstellung einer Stadt oder einer
Landschaft rührt vielfach von artifiziellen Imaginationen, die uns
Künstler durch ihre verschriftlichten oder auf Zelluloid gebannten
Gedankenwelten vermitteln. Realität und Variation derartiger
cinematografischer Visualisierungen und literarischer Freiheiten
hinterfragt Christina Höfferer in Bella Arcadia.
Die Italien "verfallene"
Kulturhistorikerin und Radiojournalistin recherchierte den
Wahrheitsgehalt solcherart tragende Rollen spielender Personen und Orte.
Sie besuchte das sagenumwobene Antico Caffè Greco in Rom, die Casa
Morpurgo in Triest, Venedigs Friedhofsinsel San Michele und andere Orte,
die Künstler aller Sparten und aller Herren Länder inspiriert haben.
Ihre Reportagen führen zu real existierenden, naturgemäß künstlerisch
modifizierten Schauplätzen wie in die von Giorgio Bassani beschriebenen
Gärten der Finzi Contini, in Cesare Paveses Ferrara oder in das von
Fellini in Amarcord zu einem Tempel des Hedonismus überhöhte
Grand Hotel in Rimini. Höfferer versucht aufzudecken, wer oder was
Cantautore wie Gianmaria Testa oder Paolo Conte zu poetischen Versen
provoziert hat, wo die fragilen Skizzen des jungen Pasolini entstanden
sind, wie Keats, Byron, Casanova, Carlo Scarpa oder Eleonora Duse gelebt
haben.
Auch unbekannte,
geheimnisvolle Refugien im Piemont, auf Sardinien, die Nekropolen von
Cerveteri, jüdische Friedhöfe sowie die Stadt Bra, in der die
Slowfood-Bewegung ihren Ursprung fand, erfreuen sich der luziden
Beachtung. Die Summe der Miniaturen ergibt erneut jenes Vexierbild, das
wir von dem verehrten, geachteten wie verachteten Land haben: Kultur und
Geschichte, Melancholie, Lebensfreude, das Pittoreske, "charme
désolée", die Farben des Azur und des Firmaments, wahnwitzige
Fernsehshows, Kunst, Intellekt, dröhnende Vespas, das Hupen knatternder
Autos, kontemplatives Zirpen in der Stille der toskanischen Dämmerung
und das Rauschen des Meeres. Mosaiksteine, zusammengefügt zu Reisen im
Kopf. (Gregor Auenhammer / DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.7.2011)