Variable Studiengebühren, wie sie sich Spindelegger vorstellt, sind administrativ unmöglich, heißt es an den Unis
Der Vorschlag von Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP), höhere Studiengebühren für überlaufene Studien einzuführen (derStandard.at berichtete), stößt bei den Universitäten und der Studierendenvertretung auf breite Ablehnung. Die Administration einer solchen Regelung wäre unmöglich und eine monetäre Bewertung der unterschiedlichen Studien würde dem Bildungsauftrag widersprechen, heißt es von den Universitäten. Die ÖH zeigt sich in einer Aussendung über den Vorschlag verärgert. "Er hat von Bildungsfragen offensichtlich keine Ahnung", heißt es.
Einzig Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl findet die Idee gut. "Mit variablen Studienbeiträgen, die von den Universitäten selbst innerhalb eines vorgegebenen Rahmens festgesetzt werden, kann ein längst überfälliger Lenkungseffekt am Bildungsstandort erzielt werden", sagt er. Die Studienbeiträge sollen sich an der Intensität der Nachfrage nach Studienrichtungen und auch am Bedarf des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft orientieren, meint Leitl.
Sünkel für anglo-amerikanisches Modell
Hans Sünkel, Rektor der TU Graz, spricht sich im Gespräch mit derStandard.at für variable Studiengebühren aus. Er stellt sich aber ein anderes Modell als Spindeleggers vor. Sünkel schlägt vor, ein ähnliches System wie im anglo-amerikanischen Raum einzuführen, wo die Universitäten Studiengebühren selbst in einer bestimmten Bandbreite einheben können. Die Höhe der Studiengebühren entspreche dort der Qualität der Uni, so Sünkel. "Diese Steuerung erscheint mir zielführender als der Bedarf des Marktes", sagt der Rektorenchef.
Dass variable Studiengebühren einen Lenkungseffekt bringen würden glaubt Vizerektor Martin Polaschek von der Uni Graz nicht. "Das ist ein politisches Statement, wenn manche Studien mehr Wert sind als andere, das ist einer Universität nicht entsprechend", so Polaschek. Der Vorschlag Spindelegger komme zum falschen Zeitpunkt. "Das Pferd wird von hinten aufgezäumt, man sollte sich erst für Studiengebühren entscheiden und dann überlegen, was man damit bezwecken will", sagt der Vizerektor.
Vorschlag "unausgegoren"
Josef Smolle, Rektor an der Med Uni Graz, ist für zwar für Studiengebühren, "die Uni-Finanzierung, soll aber meines Erachtens nicht als Instrument der Zugangssteuerung verwendet werden". Heinz Engl, designierter Rektor der Uni Wien, hält den Vorschlag von Spindelegger für "unausgegoren". "Aber immerhin kommt die Diskussion jetzt in Bewegung", so Engl in einer Stellungnahme.
Klassengesellschaft an der Uni
"Das ist verwaltungstechnisch unmöglich - was ist, wenn jemand zwei Studien hat oder das Studium wechselt? Es ist auch nicht okay, jemanden zu 'bestrafen', der aus persönlicher Motivation ein Studium auswählt. Das wäre eine 4,5,6-Klassengesellschaft", heißt es aus der Universität für Bodenkultur in Wien. Auch der Vizerektor der Universität Salzburg hält von dem Vorschlag "wenig bis gar nichts". "Wir haben bereits jetzt schon sehr viele komplizierte Regelung, der administrative Aufwand ist unerträglich", sagt Rudolf Mosler. Er wünscht sich stattdessen eine einfache Regelung von Studiengebühren zwischen 350 und 500 Euro.
Jedes Jahr andere Studiengebühren
Auch die Umsetzung von variablen Studiengebühren kann er sich nicht vorstellen. "Die Arbeitsmarktdaten ändern sich ständig", sagt er. Man müsste dann Studiengebühren jährlich anpassen und ändern. Zudem sei die Arbeitslosigkeit bei allen Akademikern sehr gering. "Wir haben eine Bildungsaufgabe und können uns nicht nur am Berufsbild orientieren", so der Vizerektor. "Das wäre eine Vernichtung der Universität."
An der TU Wien findet man Zugangsregelung wesentlich wichtiger als Studiengebühren. "Für uns machen Studiengebühren nur einen kleinen Beitrag der Finanzierung aus. Ob null oder 363 oder 500 Euro für überlaufene Studien, ist im Endeffekt egal, wir haben davon nichts, es trägt nichts zum Budget bei", heißt es aus dem Pressebüro.
Realistisch sieht die Debatte der Rektor der Montanuni Leoben: "Jetzt findet ein Ausloten zwischen den Koalitionspartnern statt, weil der VfGH das Gesetz gekippt hat. Die Situation für die SPÖ ist dabei eine bequeme. Die ÖVP versucht nun den Koalitionspartner zu ködern. Beide sind auf alle Fälle gut beraten, die Frage der Uni-Finanzierung zu lösen und nicht nur über Studiengebühren zu reden."
Zustimmung mit Vorbehalten aus Klagenfurt
Der Rektor der Universität Klagenfurt kann sich mit Spindeleggers Vorschlag anfreunden, allerdings mit Vorbehalten. Die Gelder müssen dann aber auch in die entsprechenden und oft weniger gut ausgestatteten Studienrichtungen fließen. Trotzdem sollen die Einnahmen aus Studiengebühren keinesfalls den
Bundesanteil an der Finanzierung von Universitäten reduzieren. (lis, rasch, fs, derStandard.at, 22.7.2011)