Autor und Aufreger

"Einzelne können sehr wohl etwas ändern"

Interview | 22. Juli 2011, 18:29
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    foto: ecowin verlag

    Andreas Salcher: "Wir heroisieren gern Einzelne, die bleiben aber oft stecken"

Andreas Salcher hält ein Plädoyer gegen die Ohnmacht und für die Veränderungskraft Einzelner - Wie das gehen kann

STANDARD: Sie haben sich immer leidenschaftlich als Aufreger - zuletzt als Schüleranwalt - betätigt. Wir stehen vor vielen globalen, kontinentalen und lokalen Problemen, die sich nicht von selbst lösen. Wutbürger und Ohnmacht sind Phänomene, die damit einhergehen. Wer kann was ändern - und wie?

Salcher: Ja, man müsste schon verrückt sein, wenn man derzeit nicht etwas Angst um die Welt hätte. Es ist schon genug Frust und Verzweiflung da, ich will dazu nicht beitragen. Ich höre so oft, dass Einzelne gegen das System sowieso nichts ausrichten können, das halte ich für grundfalsch. Veränderungen entstehen immer ausgehend von kleinen Gruppen, die durch Vernetzung und Verdichtung zu sogenannten "tipping points" - Kipp-Punkten - führen, an denen akzeptiertes Verhalten plötzlich geächtet wird. In Umweltfragen kann man das deutlich sehen, etwa auch bei den Rauchverboten.

STANDARD: Sie meinen also, wir hätten für die notwendigen Veränderungen keinen eklatanten Mangel an Führung, wie viele sagen, sondern eine Art Mangel an Engagement?

Salcher: Tipping Points entstehen nicht durch Helden oder große Führer, sondern durch eine Vielzahl kleiner Initiativen innerhalb und außerhalb von Organisationen. Wir heroisieren gern Einzelne, die bleiben aber oft stecken - auch in der eigenen Hoffnungslosigkeit. Und: Ja, diesem Land fehlen Führung und eine Leitvision. Es wird ununterbrochen angekündigt und nicht getan. Die Verfehlung der Umweltziele ist eine Schande, auch in der Bildung sehen wir zu, wie wir immer schlechter werden.

STANDARD: Offenbar sind tatsächlich die Schmerzen noch nicht groß genug, um für Veränderungen einzutreten ...

Salcher: Bei immer mehr Menschen sind sie es schon, etwa bei Schülern, Lehrern, Eltern. Die Tabubrüche sind schon da - damit die Masse einen Tipping Point erreicht, muss aber der Einzelne begreifen, dass er betroffen ist - oder die eigenen Kinder.

STANDARD: Wie finde ich die richtigen Verbündeten als nicht ohnmächtiger Einzelner?

Salcher: Indem ich ein, zwei, drei Menschen mit denselben Anliegen suche. Aber dabei dürfen die Machtstrukturen nicht vergessen werden. Nehmen Sie Nike als Beispiel: Der Konzern hat sich bis 2020 null Müll und null Giftstoffe verordnet. Das ging von drei Frauen bei Nike aus, die aber damit nicht zum Vorstandschef gegangen sind, sondern zuerst Verbündete suchten, Good Practice implementierten und so Erfolge vorwiesen. Jetzt ist es Nike-Programm.

STANDARD: Apropos Machtstrukturen: Es zeigt sich ja auch im kleinen Österreich deutlich, dass, je stärker Veränderungswünsche artikuliert werden, das Beharrungsvermögen des sogenannten Systems desto heftiger ist, siehe Schule ...

Salcher: Gerade im größten Stress erscheint immer wieder, dass sich eine mächtige Mehrheit auf Teufel komm raus der Verteidigung des Status quo verschreibt. Darüber soll man sich nicht ärgern, sondern akzeptieren, dass das Teil des Veränderungsprozesses ist. Unsere Gehirne sind so gebaut. Wir haben aber immer die Wahlmöglichkeit, das Richtige zu machen.

STANDARD: Große globale Themen werden für ihre Lösung - Energie, Ernährung, Umwelt - nach Verzicht verlangen. Wie kann man Menschen dazu bewegen?

Salcher: Die Bereitschaft dazu entsteht durch positive Besetzungen, durch das Gefühl, etwas Gutes, Sinnvolles zu tun. Das ist machbar, wir brauchen mehr positive Tipping Points. Jeder Einzelne soll beitragen, dass es zu solchen Kipp-Punkten kommt. Dazu rufe ich auf, daran arbeite ich. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)

ANDREAS SALCHER (50) ist Unternehmensberater, Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule, Bestsellerautor ("Der talentierte Schüler und seine Feinde", "Der verletzte Mensch", "Meine letzte Stunde"). 2009 wurde er zum Autor und zum Kommunikator des Jahres gewählt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 54
1 2
Alexander Patjomkin
00
23.7.2011, 20:26
Diese berühmten Bücher, wie man Wunder bewirken kann..

Ok, der Einzelne kann schon was anfangen, keine Frage. Es ist aber wahnsinnig wichtig, das auch die Gesellschaft schon soweit ist, das eine gewisse Empfangbereitschaft vorhanden ist. Das ist etwa so,
wie bei der Befruchtung der Eizelle durch die Samenzelle. Solche Bücher sind deswegen so populär, weil sie es vermögen, den Durchschnittmenschen eine vorübergehende, diffuse Selbsvertrauen zu geben, das aber normalerweise in der Triste des Alltags auch schnell verpufft. Das Buch wurde aber schon gekauft...i

Cosinus62
00
23.7.2011, 19:45
Der Experte ohne Ausbildung.............

donna corleona
01
23.7.2011, 21:18

Andreas Salcher hat sein Studium der Betriebswirtschaft an der Wiener Wirtschaftsuniversität mit dem Doktorat abgeschlossen, absolvierte ein „Executive Program“ an der Harvard Universität und besuchte tibetische Klöster. Er versucht in seinen Projekten die alten Weisheitslehren der Menschheit mit modernen Managementkonzepten zu verbinden. Sein Beratungsunternehmen entwickelt seit vielen Jahren außergewöhnliche Konferenzen, Workshops und Seminare für internationale Unternehmen. Mit seinen innovativen Konzepten ist er ein gefragter Vortragender bei Management-Konferenzen in Europa und in den USA. Nach einem persönlichen Treffen mit Sir Karl Popper im Jahr 1993 gründete er gemeinsam mit Dr. Bernhard Görg die „Sir Karl Popper Schule“…

Personifizierte Unscheinbarkeit
00
23.7.2011, 17:43

Der Herr Salcher hat auch hier recht. Gut, daß es Denker, wie er einer ist, gibt.

manto bamminger
00
23.7.2011, 17:22
die geschichte der welt

ist eine geschichte weiniger menschen.
Ja sicher können einzelne viel bewirken eh klar.
Aber die anführer sind bisher immer gekillt worden, und dann is alles so langsam versandet.
Man fragt sich fast ob die menschen es überhaupt wert sind um befreitzu werden.

Post(er)
00
25.7.2011, 15:07

All die Probleme gäbe es nicht, wenn alle rund um die Welt iPads und iPhones bauen würden.

andreas stampf
20
23.7.2011, 13:59

nehme an, dass der genozid in ruanda ähnlichen mechanismen gefolgt ist, oder der aufstieg und akzeptanz der nazis.

Post(er)
52
23.7.2011, 12:14

"Das ging von drei Frauen bei Nike aus"

heute sind die beiden vermutlich Arbeitslos. Die jeweiligen Unternehmer konnten aber ein Umsatzplus verbuchen und haben sich nun den 12. Mercedes gekauft. Stimmts?

Lilly Rush
 
04
23.7.2011, 14:42

Und? Soll das heißen es wär besser gewesen sie hätten sich nicht engagiert?

Alles ist besser als Nichtstun.

Post(er)
00
25.7.2011, 15:05

"Alles ist besser als Nichtstun."

Wie man an den Schlagzeilen heute sieht, ist dem nicht so.

Aber jeder hat in einem Leben mal eine Helferphase, meist um zu testen un prüfen wie darauf reagiert wird.

Lilly Rush
 
00
25.7.2011, 15:15

Einerseits sollte man sich nicht unterkriegen lassen, andererseits wenn man z.B. zu oft Wolf schreit glaubt man nicht mehr an das Ergebnis.
Wenn ständig frustriert wird, wie das bei den Lehrern der Fall ist, resigniert man irgendwann.

AustrianEconomist
012
23.7.2011, 11:30

Dieses Interview ist für dieses Thema viel zu kurz und viel zu oberflächlich. Schade!

eknaD
01
23.7.2011, 11:19

was ein Einzelner auf alle Fälle verändern kann, das ist seine Wahrnehmung und das sind seine Glaubenssätze.

eine etwas andere Perspektive -
Byron Katie dreht einfach alles um
http://www.thework.com/index.php
auf der Homepage unter "Sexuality" ist gerade ein sehr berührendes Gespräch zu sehen.

Salchers Buch hat glaube ich schon einen gewissen Nerv getroffen sonst wäre es wahrscheinlich nicht auf den Bestsellerlisten gelandet, der "Trick" mit der "letzten Stunde" ist zwar keine Erfindung von ihm aber es ist sicher ein interessanter Gedanke.

Lilly Rush
 
03
23.7.2011, 14:45

Auch "Der talentierte Schüler" war auf den Bestsellerlisten.
Ich finde sein Engagement bewundernswert.
Wie weiter oben schon bemerkt wurde: Viel zu kurz das Interview, ich hätte gerne mehr von ihm zu dem Thema gelesen.

Zara von Thustra
10
23.7.2011, 16:57

Will dieser Herr mehr sein als ein gut verdienender Stänkerer im Stil der Kronenzeitung und ein IndenMedienHerumquatscher, soll er auch ein Buch über die andere Seite des Problems verfassen. Titel: Der talentierte, begeisterte und engagierte Lehrer und seine Feinde (die Bildungspolitiker, die Kronenzeitungleser, die faulen, destruktiven und an nichts wirklich interessierten Schüler, die an der Erziehung ihrer Kinder nicht wirklich interessierten Eltern, der 50cmx50cm große Lehrer-Arbeitsplatz usw. usf.).

Lilly Rush
 
00
24.7.2011, 14:59

Da sieht man mal wieder, dass sie das Buch nicht gelesen haben. Hr. Salcher steht den Lehrern absolut nicht feindlich gegenüber. Er widmet ihnen sogar ein eigenes Kapitel: "Das Diktat der Mittelmäßigkeit oder Warum Schule versucht, aus talentierten Sprintern schlechte Marathonläufer zu machen."

Lilly Rush
 
00
24.7.2011, 15:17

Ups vertippt: Das Kapitel heißt: Warum in der Schule die besten Lehrer gemobbt statt befördert werden"

mein herr
30
23.7.2011, 10:17
hat der den gleichen frisör wie julius

Linus Tintifax
10
23.7.2011, 09:02
hinlänglich widerlegt

nicht einmal einzelne wie jeshua oder siddharta konnten den teufelskreislauf aus angst und macht stoppen - und die hatten angeblich eine recht eindrucksvolle (weil auf selbstaufgabe/askese basierende) pr...
wie man sieht reicht es weitem nicht, den menschen nur zu sagen "habt keine angst". auch nicht, wenn man ihnen - hirnverbrannterweise - von kindes beinen an bis ins kleinste detail gesagt hat was sie tun dürfen oder müssen. wäre schön, wenn herr salcher das auch endlich begreifen könnte/wollte.

stall
51
23.7.2011, 09:00
wenn der orf

einen superbildungsexperten braucht, der kuriersalcher ist immer zur hand. auch der standard ist schon auf ihn aufmerksam geworden. salcher über alles, salcher for ever. den sollte man einmal in eine problemklasse stellen. möglich dass er es schafft, wahrscheinlich aber nicht.

sanjoaquin
 
163
23.7.2011, 07:04
Potzblitz

"durch das Gefühl, etwas Gutes, Sinnvolles zu tun." Genau! Und aus diesem Gefühl heraus entsteht dann der Ökoterror und die Gutmenschentyrannei. Kuchen backen für die armen Japaner in Fukushima und den Nachbarn anzeigen, wenn der den Müll nicht richtig trennt. Tipping Point from Real Life.

im Klartext
13
23.7.2011, 08:30
mein Gott, wie primitiv!

Ich hoffe, daß Sie nicht zu den geistigen Eliten gehören. Das heißt: ich weiß das.
Aber bei den Blaunen brauchts nicht viel im Hirn zum Elitendenken, schon verstanden!

Pyros
10
23.7.2011, 08:12

Sie empfinden es als etwas Gutes, wenn man den Nachbarn anzeigt?

Zweitgeist
03
23.7.2011, 15:41

kommt darauf an, was er gemacht hat, würde ich sagen.

Almi66
13
23.7.2011, 06:42
Schreben an den politischen Vertreter...!

Ich erinnere an den Kundendienst des ORF, der bei fünf Beschwerdeanrufen und keiner einzigen Danksagung schon einmal das Programm geändert hat. (=statist. 100% Unzufriedenheit)

Ähnliches geht bei unseren Volksvertretern. Nur wenige Bürger nehmen die Mühe auf sich, ihre Ideen (gut fundiert) an die zuständigen Vertreter weiterzuleiten.

Gerne nehmen die Politiker Dinge auf, verkaufen es später als ihre Idee. Aber das ist doch Schnuppe, der Zweck heiligt die Mittel, auch für uns, das Volk.

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