In Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen ist auch der Text einer "Volkshymne" zu verändern
Die Ansprüche, die man an den Text einer Volkshymne stellt, sind mannigfaltig und dementsprechend auch schwer zu erfüllen:
Vergangenheit und Gegenwart, Wesen und gesellschaftspolitische Strukturiertheit eines Volkes (einer Nation), ideelle Ziele und weltanschauliche Gemeinsamkeiten, landschaftliche Gegebenheiten und der vielfältige Charakter der Bewohner eines Alpenlandes oder einer Tiefebene, d.h. die Topografie eines Landes, können Elemente eines solchen Textes sein.
Solchen Überlegungen entsprechend änderte man die ersten vier Zeilen der ursprünglichen Preradovic'schen Textfassung und ersetzte vor allem die Substantiva durch eine stattliche Häufung von Adjektiven.
Zu solchen Elementen der literarischen Gestaltung können noch die Auffassungen von der Sendung des Menschen in dieser Welt, von Fragen menschlichen Zusammenlebens bis hin zu religiösen oder rein humanitären Überzeugungen treten.
Wenn nun in Zeiten deutlich merkbarer gesellschaftlicher und ideeller Veränderungen, der Entwicklung eines neuen Menschen- und Geschlechterbildes, neue Perspektiven des Daseins ausgesprochen sein wollen, wird auch der Text einer "Volkshymne" an aktuellen Maßstäben zu messen und allenfalls auch zu verändern sein.
Das ist denn auch schon zu Zeiten der Donaumonarchie mit der alten Kaiserhymne der Brauch gewesen und in den Wegen und Irrwegen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erst recht geschehen. Das gegenwärtige Zeitalter, das sehr grundsätzlich in bestimmten Weltregionen an die Beziehung von Mann und Frau rührt, bringt auch diesbezügliche gedankliche und sprachliche Veränderungen mit sich, deren Reflex man wohl auch in einer "Volkshymne" wahrnehmen möchte.
Man wird aber anlässlich eines solchen Unterfangens natürlich das Kind nicht mit dem Bade ausschütten wollen und gerne bedenken, dass beispielsweise Friedrich Schiller sexuell nicht zu klassifizieren brauchte, um mit dem Wort "Brüder" alle Menschen - "alle Menschen werden Brüder" - zu meinen, und dass ein schöner, ehrwürdiger und nicht zu verändernder Sprachgebrauch seit Jahrhunderten etwa in den Begriffen "Vaterland" und "Muttersprache" dokumentiert ist. (Kommentar der anderen, Herbert Zeman, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.7.2011)
HERBERT ZEMAN, emeritierter Professor für Germanistik an der Universität Wien und Präsident der Österreichischen Goethe-Gesellschaft, gilt als Begründer der literaturwissenschaftlichen Lied- und Librettoforschung und hat an der Demo-Produktion zur Propagierung der Hymne neu - mit Kammersängerin Ildiko Raimondi - beratend mitgewirkt; das Bild-Video mit der Varianten-Einspielung der Bundeshymne finden Sie hier.