"Nichts zu verzollen": Die Balken im eigenen Auge

21. Juli 2011, 17:09
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Grenzkonflikte unter schrägen Vögeln: Dany Boons franko-belgische Filmsatire "Nichts zu verzollen"

Wien - Im kleinen Grenzverkehr war immer schon das Moment der Integration durch das Motiv des schnöden Vorteils unterminiert. Wer zum Nachbarn zum Tanken fährt, stiftet Zusammenhalt und Konkurrenz zugleich. Das Projekt Europa sollte die Menschen dieses Kontinents über diesen Kleinkram hinausführen, doch ganz so einfach geht das nicht, wie die Komödie Nichts zu verzollen von Dany Boon zeigt. Sie führt uns an die französisch-belgische Grenze just zu dem historischen Zeitpunkt, da in Europa die Zollgrenzen wegfallen. Es ist das Jahr 1993, "Handys" sind noch unhandliche Trümmer, und in Wachstuben stehen noch Schreibmaschinen.

Die kleine Welt der frankofonen Provinz wird durch noch viel kleinere Misstöne gestört. Ein rabiat nationalistischer belgischer Zollwachebeamter namens Ruben (Benoît Poelvoorde) will nicht hinnehmen, dass ihn nun kein Balken mehr von den "Camemberts" trennt, die sich sowieso für etwas Besseres halten. Der Franzose Mathias (Dany Boon) hingegen liebt ein belgisches Mädchen, das Schokolade verkauft und ihn über die Grenze hinweg zurückliebt. Leider ist sie - so funktionieren Komödien - auch die Rubens-Schwester.

Damit ist das Ungemach garantiert, das sich auch mit vielen Faxen nicht ganz aus dem Weg räumen lässt. Mit Nichts zu verzollen (Rien à déclarer) schließt Dany Boon an den sagenhaften Erfolg der Regionalsatire Willkommen bei den Sch'tis an. Dort erwiesen sich die bärbeißigen Nordfranzosen als die französischsten Franzosen, und im Grunde geht es auch in Nichts zu verzollen um eine nostalgisch gefärbte Idyllik jener kleinen Unterschiede, die im Charakterlichen aufgehen und das Nationale nur als Missverständnis betreffen.

Als Europäer sind wir alle etwas schräge Vögel, das wäre die daraus resultierende Integrationsbotschaft. Bei all der Heiterkeit, die Nichts zu verzollen hinterlässt, bleibt als Quintessenz doch pure Ideologie: Dass dieser Kontinent nämlich vor allem aus Originalen besteht, ist dann doch eine allzu schönfärberische Erzählung von einem Zusammenleben, in dem so häufig das Ressentiment (biblisch gesprochen: der Balken im eigenen Auge) mit Originalität verwechselt wird. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2011)

  • Kleine Welt der frankofonen Provinz: Dany Boon und Benoît Poelvoorde in Rien à déclarer
    foto: prokino

    Kleine Welt der frankofonen Provinz: Dany Boon und Benoît Poelvoorde in Rien à déclarer

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