Quicklebendige Opernleiche

21. Juli 2011, 17:27
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    foto: apa/barbara gindl

    Hoch oben, im Mund des Bühnenbildes: Rosalind Plowright (als alte Frau).

Premiere von Umberto Giordanos "André Chénier": Die fulminante Bühnenkonstruktion und eine effektvoll-präzise Inszenierung wurden auf der Seebühne glücklich ins Trockene gebracht

Bregenz - Jener Tote, der in der Bodenseewanne liegt, ist ein imposanter Lastenträger: Auf seiner rechten Schulter hält er ein offenes Buch, in dem der Revolutionsdichter Chénier (durchschlagskräftig und klangschön Hector Sandoval) schließlich mit seiner Maddalena (sehr solide Norma Fantini) eingekerkert seinem Ende entgegengrübeln und - schmachten wird. In seiner linken Schulter wiederum findet sich ein goldumrahmter Spiegel eingerahmt, in dem Akrobaten ihre Kunststücke vollführen oder Gehängte baumeln werden.

Wie eine schwarze Träne rinnt allerdings auch noch von seinem linken Auge eine massive Treppe den Torso bis zum Seewasser herab, wo sich zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Leichenhand auch noch eine Einladungskarte befindet, die später - nach links geschoben - zum Brief mutiert. Karte und Brief sind nicht winzig. Vielmehr groß genug, um zu Beginn der wie durch ein Wunder (es hatte den ganzen Tag geregnet) doch von Tropfen unbelästigt stattfindenden Premiere auf der Seebühne einer unbeschwerten, im Wortsinn bald aber kopflosen Adelsgesellschaft als Party-Plattform zu dienen.

Der Tote, es ist der Revolutionsführer Marat, wie ihn Bühnenbildner David Fielding dem Gemälde von Jacques-Louis David androgyn nachempfand, trägt also Beachtliches - heuer allerdings auch noch eine symbolische Zusatzlast. Giordanos André Chénier hat ja auch Bregenz-Intendant David Pountney als zwar ideal für die Seebühne, aber doch als "kalkuliertes Risiko" bezeichnet. Da sie in der ewigen Opernhitparade nicht so weit vorn liegt wie etwa Aida oder Tosca.

Also: Es muss die optische Metapher der Inszenierung nicht nur einer gleichermaßen subtilen, aber auch effektvollen Opern- erzählung pragmatisch dienen. Auch per se sollte sie - noch mehr als ihre Vorgänger - mit ihrer skulpturalen Aura berücken. Es herrscht in Bregenz ein gewisser Auslastungsdruck. In diesem optischen Punkt sind jedenfalls bei Intendant Pountney und dem in seinem letzten Festspielsommer angekommenen Präsidenten Günther Rhomberg keine Sorgenfalten angebracht. Der Tote wirkt.

Und: Glänzend hat es Regisseur Keith Warner verstanden, die personellen Besteigungen und Erstürmungen der kopflastigen Bühnenkonstruktion zu organisieren. Wie immer in Bregenz, sucht man bei den viele Simultanvorgängen auf der Bühne zwar für einige Sekunden jenen, der gerade singt. Allerdings, das Kunststück, Monumentalität und Intimität zu vereinen, ist Warner so gut geglückt, wie das im Rahmen der X-large-Verhältnissen eben möglich ist.

Warner lässt die todgeweihte, in exzentrischen Kostümen noch ein bisschen feiernde Gesellschaft auf Arme und Geknechtete prallen. Und da in Chénier zwar revolutionäre Zeiten herrschen, musikalisch davon aber nichts zu spüren ist, hat man eine polytonal-dynamische Zwischenmusik von David Blake eingebaut, um die blutigen Szenen, welche die politischen Umwälzungen begleiten, auch plastisch darzustellen.

Hirn der Skulptur

Es war dies einer der intensivsten Augenblicke der Inszenierung, da Theater und Musik zu sinnhafter Einheit verschmolzen. Zur Revolution fällt dem Team indes auch rein Bildhaftes ein: Nicht nur wird auf den erdolchten Marat (der Skulptur) mit einem riesigen, plötzlich aus dem Wasser ragenden Messer verwiesen (kam etwas aufgesetzt). Es wird auch der Blick frei auf das "Skulpturhirn", das aus Büchern besteht, auf denen das Revolutiongericht als Versammlung von Todesbringern balanciert. Schließlich noch ein Kommentar zu den Schattenseiten erstürmter Freiheit: Aus dem Bühnenkopf dringen plötzlich riesige Nadeln heraus und machen Marat quasi zur leidenden US-Freiheitsstatue.

Womöglich litten auch die Sänger an Temperaturschmerzen (es war kühl wie bei Herbstfestspielen). Sie hielten sich wacker - als mikroverstärkte, wendige Opernkampfsportler (etwa Scott Hendricks als Gérard oder Rosalind Plowright als Gräfin und alte Frau); und sie nahmen die Energie, die ihnen die Symphoniker unter Ulf Schirmer schnittig servierten, meist zeitgerecht auf. Tolle Produktion. Erst am Festspiel-ende wird man jedoch sehen, ob der Marke Bregenz (unabhängig von der Werkwahl) wie bisher vertraut wird. Zeit wäre es. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2011)

Kommentar posten
20 Postings
Marcel Baum
00
24.7.2011, 19:43
Kann mir jemand

den Schlußsatz des verehrten Rezensenten verdeutschen.
"Erst am Festspiel-ende wird man jedoch sehen, ob der Marke Bregenz (unabhängig von der Werkwahl) wie bisher vertraut wird. Zeit wäre es."

Antagonist1
01
22.7.2011, 09:03
Wenn schon "André.....",

dann auch Madeleine!
Und zur "alten Frau" auf dem nichtssagenden Foto, sie hat einen Namen: Madelon (einst für Hilde Konetzni Abend für Abend Anlass für Szenen-Applaus!).

Antagonist2
00
14.12.2011, 21:18
Ja, ja einst, als ich noch jung und in geistig guter Verfassung...

Kontrahent1
11
22.7.2011, 11:16
Zumal sie ihren Namen

auch noch laut und deutlich zu Beginn ihrer Szene nennt. Tränen der Rührung wird diese Szene in Bregenz kaum wecken, wenn man bedenkt, daß sie eigentlich eine 'Mini Mutter Courage' ist. Aber gut, daß die 'langweilige' Giordano Musik endlich durch etwas 'action' aufgepeppt wird. Kennt man doch von den Musicals, da sorgen auch die Deko und 'specal efects' dafür, daß man nicht einschläft;-)

Marcel Baum
00
24.7.2011, 19:39
Ich will hoffen ,

dass sie das ironisch gemeint haben.
Ich bin bei Giordano noch nie eingeschlafen.

Kontrahent1
00
25.7.2011, 13:12
Siehe das Schlußzeichen ';-)'

welches Ironie anzeigen soll.- Aber ein 'fescher Verdi' oder ein allgemein bekanntes 'Nessun dorma' ist halt doch breitenwirksamer, als Giordano. Wie schon erwähnt, Madelon kann zu Tränen rühren, die Arie des Gérard zeigt echte Größe eines Charakters im Verzicht. Aber nicht in so einer Szene, welche den Text ad absurdum führt.

Marcel Baum
00
28.7.2011, 18:16
Also für mich ist das

Come un bel di di maggio das ja von der Situation her dem puccinischen E lucevan le Stelle vergleichbar ist, die wahrhaftigere Darstellung des Abschließens mit dem Leben.

Antagonist1
00
25.7.2011, 16:12
Wer bei

"Un di all'azzurro spazio" keine Ganselhaut bekommt, ist für die Welt der Oper - ob Verdi, ob Giordano - verloren!

Kontrahent1
10
25.7.2011, 19:18
Natürlich,-

nur solche Arien sind bei Verdi in ein leichter gefälliges 'humtata humtata' eingebunden. Das hat man sich nach zweimal hören gemerkt. Und sind wir uns ehrlich, auch das hängt am Sänger - Corelli, Bergonzi (ich trau es auch einem J. Kaufmann zu, wenn er sich einmal drüber traut). Ich kenne jemanden, der hat einmal gesagt: 'Oper ist dazu da, in der maximalen Qualität aufgeführt zu werden. Kann man die nicht bieten, soll man es lassen.' Wer das wohl war?!?

Antagonist1
03
22.7.2011, 12:23
Für die "Special Effects"

sorgten einst Tebaldi, Corelli, Bastianini - DAS reichte völlig....

Giuseppe Verdi
00
22.7.2011, 20:38
leider nur in drei vorstellungen

wie auch sie wissen werden LOL

Antagonist1
00
22.7.2011, 21:06
Ich weiß noch was!

Und ich sag's Ihnen, mon Cousin:
Diese "Chenier"-Premiere an der Staatsoper wurde sogar verschoben, weil Corellis Nervenkostüm wieder einmal gelitten hatte. Als ERSATZ gab's dafür eine
TOSCA - mit der Tebaldi (und Zampieri).
Aber das haben Sie doch auch gewusst......
Aber dreimal? Ich erinnere mich nur an den 26. und 29. Juni 1960, was Tebaldi,Corelli UND Bastianini betrifft - SOLCHE DATEN VERGISST MAN NICHT!!!

Antagonist2
00
14.12.2011, 21:19
Hurra, hurra ich weiss noch was - aber was wars den gleich?

Kontrahent1
01
22.7.2011, 14:10
Was ich immer sage:

Die richtigen Protagonisten, meinetwegen vor schwarzen Vorhängen (die Fantasie will auch was zu tun haben), für alles Andere hat der Komponist schon gesorgt. Wieland Wagner oder Karajan (im 2. Akt Tristan) haben schon gewusst, was nötig (und was überflüssig) ist. Und wenn schon Bühne, dann 'Rosenkavalier' Salzburg T.Otto, oder 'Bohème' Mailand/Wien Zeffirelli, oder 'Meistersinger' Salzburg Ostern Karajan. Die 'Action' der cascadeurs de Paris am Ende des 2.Aktes machte wenigstens Sinn!

Navajo
02
23.7.2011, 08:52

Tja, zum einen fallen diese "richtigen" Protagonisten nicht vom Himmel, zum anderen ein operninteressiertes Publikum ebensowenig.
Mit einer leeren Bühne locken Sie keine Massen nach Bregenz. Dass dort nicht höchstem künstlerischem Anspruch genügt wird, ist allen Beteiligten klar.
Nun können Sie darüber die Nase rümpfen (in der Tat fühlt man sich ja teilweise eher in einer Las-Vegas-Show, gerade im ersten Akt, was aber ja auch wieder ein wenig zur Dekadenz des Adels passt), aber wenn pro Vorstellung nur einer der Zuschauer, der des Spektakels wegen gekommen ist, plötzlich von der Musik berührt wird und infolge dessen beginnt, sich ernsthaft mit der Oper auseinanderzusetzen, hat es sich doch gelohnt, oder?

Kontrahent1
10
23.7.2011, 10:58
Zustimmung,

denn diesem Effekt dienen ja auch die 'Wunschkonzerte' ala Netrebko in der Stadthalle. Aber gerade der 'Chenièr' ist dazu weniger geeignet, wenn ich nur an die Arie des Gérard denke:- Eine Szene vom Kaliber eines König Philip im 'Carlos', wie die aufgrund unsinniger Personenführung zerbröselte. Die Gestik und Grimassen der Madeleine erinnerten an Stummfilmstars in F.Lang Filmen, der Gipfel war wohl die 'Bestechung' des Gefängniswärters! Madelon, die aus dem 4. Stock nach einer Umarmung auf einer Vorderbühne jammert.-Mit solchen Unsinnig- und Unstimmigkeiten wird man wohl kaum jemanden zu Giordano führen.

Giuseppe Verdi
21
21.7.2011, 23:33
zusatzmusik von david blake

als hätte giordano keine passende musik im 2. akt dafür komponiert dazu eine alte ausgesungene ehemalige sopranistin in den mezzo rollen gräfin / madelon.

da fand sich keine italienerin oder österreicherin.

zeit das es in bregenz wieder weniger anglikanische wird.

Optimist
10
22.7.2011, 16:32
weil die Österreicherinnen ja von Natur aus

akzentfrei Italienisch sprechen...

Navajo
00
21.7.2011, 17:52

Das Foto hier wäre wohl so ziemlich das letzte gewesen, das ich ausgewählt hätte, wenn ich mit einem einzelnen Bild die diesjährige Proudktion vorstellen soll.

Bildgewaltig und mitreißend, die diesjährige Produktion - freilich ohne subtile psychologische Ausdeutungen, aber für die Bregenzer Bühne mit ihrer speziellen Zielvorgabe wirklich eine perfekte Aufführung.

Kontrahent1
00
22.7.2011, 11:20
So stellt man sich auch das Tribunal

der französischen Revolution vor.- Madelon krabbelt aus einem Loch und Cheniers große Vetreidigungsrede....Show eben, aber in Verona doch etwas schlüssiger und ansprechender.

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