Premiere von Umberto Giordanos "André Chénier": Die fulminante Bühnenkonstruktion und eine effektvoll-präzise Inszenierung wurden auf der Seebühne glücklich ins Trockene gebracht
Bregenz - Jener Tote, der in der Bodenseewanne liegt, ist ein imposanter
Lastenträger: Auf seiner rechten Schulter hält er ein offenes Buch, in
dem der Revolutionsdichter Chénier (durchschlagskräftig und klangschön
Hector Sandoval) schließlich mit seiner Maddalena (sehr solide Norma
Fantini) eingekerkert seinem Ende entgegengrübeln und - schmachten wird.
In seiner linken Schulter wiederum findet sich ein goldumrahmter Spiegel
eingerahmt, in dem Akrobaten ihre Kunststücke vollführen oder Gehängte
baumeln werden.
Wie eine schwarze Träne rinnt allerdings auch noch von seinem linken
Auge eine massive Treppe den Torso bis zum Seewasser herab, wo sich
zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Leichenhand auch noch eine
Einladungskarte befindet, die später - nach links geschoben - zum Brief
mutiert. Karte und Brief sind nicht winzig. Vielmehr groß genug, um zu
Beginn der wie durch ein Wunder (es hatte den ganzen Tag geregnet) doch
von Tropfen unbelästigt stattfindenden Premiere auf der Seebühne einer
unbeschwerten, im Wortsinn bald aber kopflosen Adelsgesellschaft als
Party-Plattform zu dienen.
Der Tote, es ist der Revolutionsführer Marat, wie ihn Bühnenbildner
David Fielding dem Gemälde von Jacques-Louis David androgyn nachempfand,
trägt also Beachtliches - heuer allerdings auch noch eine symbolische
Zusatzlast. Giordanos André Chénier hat ja auch Bregenz-Intendant David
Pountney als zwar ideal für die Seebühne, aber doch als "kalkuliertes
Risiko" bezeichnet. Da sie in der ewigen Opernhitparade nicht so weit
vorn liegt wie etwa Aida oder Tosca.
Also: Es muss die optische Metapher der Inszenierung nicht nur einer
gleichermaßen subtilen, aber auch effektvollen Opern- erzählung
pragmatisch dienen. Auch per se sollte sie - noch mehr als ihre
Vorgänger - mit ihrer skulpturalen Aura berücken. Es herrscht in Bregenz
ein gewisser Auslastungsdruck. In diesem optischen Punkt sind jedenfalls
bei Intendant Pountney und dem in seinem letzten Festspielsommer
angekommenen Präsidenten Günther Rhomberg keine Sorgenfalten angebracht.
Der Tote wirkt.
Und: Glänzend hat es Regisseur Keith Warner verstanden, die personellen
Besteigungen und Erstürmungen der kopflastigen Bühnenkonstruktion zu
organisieren. Wie immer in Bregenz, sucht man bei den viele
Simultanvorgängen auf der Bühne zwar für einige Sekunden jenen, der
gerade singt. Allerdings, das Kunststück, Monumentalität und Intimität
zu vereinen, ist Warner so gut geglückt, wie das im Rahmen der
X-large-Verhältnissen eben möglich ist.
Warner lässt die todgeweihte, in exzentrischen Kostümen noch ein
bisschen feiernde Gesellschaft auf Arme und Geknechtete prallen. Und da
in Chénier zwar revolutionäre Zeiten herrschen, musikalisch davon aber
nichts zu spüren ist, hat man eine polytonal-dynamische Zwischenmusik
von David Blake eingebaut, um die blutigen Szenen, welche die
politischen Umwälzungen begleiten, auch plastisch darzustellen.
Hirn der Skulptur
Es war dies einer der intensivsten Augenblicke der Inszenierung, da
Theater und Musik zu sinnhafter Einheit verschmolzen. Zur Revolution
fällt dem Team indes auch rein Bildhaftes ein: Nicht nur wird auf den
erdolchten Marat (der Skulptur) mit einem riesigen, plötzlich aus dem
Wasser ragenden Messer verwiesen (kam etwas aufgesetzt). Es wird auch
der Blick frei auf das "Skulpturhirn", das aus Büchern besteht, auf
denen das Revolutiongericht als Versammlung von Todesbringern
balanciert. Schließlich noch ein Kommentar zu den Schattenseiten
erstürmter Freiheit: Aus dem Bühnenkopf dringen plötzlich riesige Nadeln
heraus und machen Marat quasi zur leidenden US-Freiheitsstatue.
Womöglich litten auch die Sänger an Temperaturschmerzen (es war kühl wie
bei Herbstfestspielen). Sie hielten sich wacker - als mikroverstärkte,
wendige Opernkampfsportler (etwa Scott Hendricks als Gérard oder
Rosalind Plowright als Gräfin und alte Frau); und sie nahmen die
Energie, die ihnen die Symphoniker unter Ulf Schirmer schnittig
servierten, meist zeitgerecht auf. Tolle Produktion. Erst am
Festspiel-ende wird man jedoch sehen, ob der Marke Bregenz (unabhängig
von der Werkwahl) wie bisher vertraut wird. Zeit wäre es. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2011)