Guatemala arbeitet den Bürgerkrieg auf

Gerechtigkeit mit dreißig Jahren Verspätung

Bert Eder, 22. Juli 2011, 11:51
  • Artikelbild
    foto: ap/dapd/ice

    Flughafen Mesa/Arizona: Ex-"Kaibil" Pedro Pimentel Rios auf dem Weg nach Guatemala.

  • Artikelbild
    foto: epa/carlos manuel duarte

    Aura Elena Farfán: "Die Angehörigen der über 200.000 Opfer, die die Massaker der Armee forderten, haben ein Recht darauf"

  • Artikelbild
    foto: reuters/carlos duarte

    "Kaibil" im Training: zur Ausbildung der Eliteeinheit gehört es, lebenden Hühnern den Kopf abzubeißen. Die Truppe ist nach Maya-Herrscher Kaibil Balam benannt, der erfolgreich Widerstand gegen die spanischer Eroberer unter Pedro de Alvarado leistete.

  • Artikelbild
    foto: epa

    Spurensuche im Brunnen: argentinische Forensiker bergen Leichenreste.

  • Artikelbild
    foto: ap/eduardo verdugo

    Ex-Diktator Efraín Ríos Montt, laut Ex-US-Präsident Ronald Reagan eine "äußerst integre Persönlichkeit", bei seiner Angelobung als Abgeordneter. Der 85-Jährige ist durch seine Immunität vor Strafverfolgung geschützt.

Guatemala beginnt, den Bürgerkrieg aufzuarbeiten: USA liefern Elitesoldaten wegen Massakers an Zivilisten aus

Die US-Einwanderungsbehörde hat am 13. Juli den Ex-Soldaten Pedro Pimentel Rios (54) nach Guatemala ausgeliefert. Dem ehemaligen Angehörigen der Eliteeinheit "Kaibiles" wird vorgeworfen, im Bürgerkrieg der 80er Jahre Massaker an der Zivilbevölkerung begangen zu haben.

Aura Elena Farfán, Gründerin der NGO "Angehörige von Festgenommenen/Verschwundenen Guatemalas" (Famdegua) war bei Pimentels erster Anhörung: "Leider teilte die Richterin kurzfristig mit, dass sie wegen Arbeitsüberlastung den Termin nicht wahrnehmen könne, weswegen das Verfahren gleich vertagt wurde." Farfán gibt sich im Gespräch mit derStandard.at aber zuversichtlich und äußert die Hoffnung, dass mit fast dreißig Jahren Verspätung doch noch die Gräuel des guatemaltekischen Bürgerkriegs aufgearbeitet werden.

Das Massaker von Dos Erres

Die Soldaten kamen im Morgengrauen des 5. Dezember 1982. Sechzig Angehörige der Eliteeinheit "Kaibiles" hatten sich als Guerillakämpfer verkleidet und umstellten das Dorf "Dos Erres" in der guatemaltekischen Dschungelprovinz Petén.
Der Auftrag der Elitesoldaten war, alle Einwohner der Ortschaft zu töten, weil diese angeblich die Aufständischen unterstützten. Außerdem sollten bei einem Guerilla-Überfall erbeutete Schusswaffen sichergestellt werden. Um 6:00 gaben die Militärs per Funk durch, dass die Durchsuchung des Dorfes nichts Nennenswertes zu Tage gebracht habe. Man werde noch schnell frühstücken und dann mit der "Impfung" beginnen.

Von den über 250 Dorfbewohnern überlebten nur zwei das Massaker. Als argentinische Gerichtsmediziner Jahre später auf der Suche nach den Leichen den Brunnen in Dos Erres öffneten, stellte man fest, dass die Militärs zuerst Kinder in das Loch geworfen hatten, dann Frauen und schließlich die Männer.

Viele Opfer wiesen Kopfverletzungen auf, die ihnen die Soldaten mit Vorschlaghämmern zugefügt hatten. Zahlreiche Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, zuunterst im Brunnen lag die Leiche eine drei Monate alten Babys.

Bis vor kurzem wurden nur niedere Ränge angeklagt: die Offiziere, die die Massaker anordneten, blieben straflos, Ex-Diktator Efraín Ríos Montt ist als Abgeordneter des guatemaltekischen Parlaments vor Strafverfolgung geschützt.

"Zumindest werden Leute wie der damalige Verteidigungsminister Óscar Humberto Mejía Víctores jetzt als Zeugen vorgeladen", erzählt Farfán, "wir rechnen damit, dass die Beschuldigten darauf hinweisen werden, woher die Befehle kamen."

Gegen den ehemaligen Generalstabschef Hector  Lopez Fuentes läuft ein eigener Prozess wegen Massakern in den Jahren 1982 und 1983. Wegen einer Anzeige aus dem Jahr 2000 wurde er am 20. Juni 2011 festgenommen.

USA verurteilen "Kaibiles"

In den USA wurden bereits mehrere "Kaibiles" wegen Falschaussagen bei der Einreise verurteilt: Gilberto Jordan verbüßt in Florida eine zehnjährige Haftstrafe, weil er den Immigrationsbehörden seine Beteiligung am Massaker von Dos Erres verschwiegen hatte. Jordan hat mittlerweile gestanden, ein Baby in den Brunnen geworfen zu haben.

Menschenrechtsaktivistin Farfán rechnet damit, dass sich der ehemalige Elitesoldat nach Verbüßung seiner Haftstrafe vor einem guatemaltekischen Gericht verantworten müssen wird: "Das Verhältnis zu den USA hat sich drastisch verändert: während in den 80er Jahren Milliarden Dollar an Militärhilfe nach Guatamala flossen und viele Offiziere an der berüchtigten School of the Americas in Panama ausgebildet wurden, unterstützen uns die US-Behörden nun bei unseren Bemühungen, diese Fälle vor Gericht zu bringen."

Sie ist sogar zuversichtlich, dass auch Ex-Diktator Ríos Montt noch vor dem Richter stehen wird: "Die Angehörigen der über 200.000 Opfer, die die Massaker der Armee forderten, haben ein Recht darauf". (Bert Eder/derStandard.at, 22.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 97
1 2 3
wilderpel
00

dass es, nach so langer zeit, noch zu anklagen und mglw zu gerechtigkeit in diesem land kommt, ist für mich überraschend. vorgänge in zentralamerika wurden totgeschwiegen - die zensur der 'medien' war offensichtlich. als ich 1989 noch die auswirkungen gesehen habe (und da war es noch immer nicht viel anders) traue ich seitdem kaum einem der 'unabhängigen' medien-berichterstattern. ich habe es GESEHEN und ERLEBT. kein hörensagen.

das ist synallagmatisch oida!
12

die zeilen über die usa erfüllen mich mit solcher wut. gut, dass zumindest jetzt erste schritte in richtung gerechtigkeit gemacht werden.

NONE
25
24.7.2011, 03:10

"in den 80er Jahren Milliarden Dollar an Militärhilfe nach Guatamala flossen"

Das ist KEINE MILITÄRHILFE.

Das ist BESTECHUNG.

Und das passiert in Pakistan genauso.

Es gibt immer wieder ein paar Personen die sich "Politiker" nennen um danach Verbrechen zu begehen - ob es Mord ist, ob es Korruption ist (Berlusconi).

Diesen Kriminellen müssen ALLE lebenslang ins Gefängnis.

Punkt.

Die EU muss endlich bei Berlusconi anfangen aufzuräumen.

Der Ruhestifter
 
00
Bestechung? Viel schlimmer!

Die us-regierung at dort ganz offen mit brutalen und mörderischen banden kooperiert, die sich mit gewalt die kontrolle über ein territorium verschafft haben. Das war hilfe zur etablierung einer gangsterherrschaft und beihilfe zum mord war teil davon.

black jack
20

Fangen wir in Österreich einmal an: Strasser, Grasser, ...

Wobei gestern in Kärnten ja ein Anfang gemacht wurde. Hoffentlich bleibt es nicht dabei.

Lebenslänglich als Strafe ist natürlich überzogen. Aber den Strafrahmen für Korruptionsdelikte bei Personen zu erhöhen, die quasi das Volk über ihre Integrität getäuscht haben, ist einen Gedanken wert. Ich meine Politiker der obersten Ebene, die ihr Amt bekleiden, weil eine Partei aufgrund von Wählerstimmen sie für ein öffentliches Amt nominieren konnte (Abgeordnete, Landeshauptleute, Bundeskanzler, Minister, Staatssekretäre, ...).

Man könnte zB einen Strafrahmen von 10 bis 15 Jahren vorsehen und das Verfahren vor einem Geschworenengericht abhandeln - quasi zur Rechtfertigung vor dem Volk.

wilderpel
00

das ist wohl nicht das thema hier..

E. Wart.
14
23.7.2011, 23:19
Falls noch irgendjemand Zweifel daran hatte

wozu das US-Regime unter dem Chefschlächter Reagan sogenannte Elitetruppen für die zentralamerikanischen Todesschwadronregime ausgebildet, angestiftet und bezahlt hat.....

grassl
10
24.7.2011, 12:32

reduzieren Sie es bitte doch nicht nur auf den reagan. schauen Sie, was allein in den letzten 10 jahren passiert ist (cheny) und heute passiert.

philidor85
00
30.8.2011, 10:53

und davor erst...unter ford und nixon inklusive kissinger

Gary Grantscherbn
11
24.7.2011, 22:47

Cheney!

ktulu1972
03
23.7.2011, 22:22
Lesenswert...

Der Albtraum" - Erinnerungen eines Soldaten
http://www.blickpunkt-lateinamerika.de/stimmen_a... daten.html

im Klartext
00
23.7.2011, 08:39
Das ist ein zu begrüßendes Unterfangen

ich wüßte da noch ein paar Staaten, so zum Beispiel die baltischen, die Ö.derzeit mit Hitlervergleichen prügeln und dabei selbst die ärgsten Kollaborateure waren, was die Judenverfolgungen betraf. Da habe ich eigentlich nur in der Literatur von Aufarbeitung gelesen (z.b.Haslinger)

Objektiv_Subjektiv
80
22.7.2011, 21:23
Guatemala??

Ich glaub die Anzahl der Postings widerspiegelt genau die Anzahl der Leute die von diesem Konflikt überhaupt je was gehört haben

Danke Mr. Berichterstattung sie sind der größte

Meerwelle
00
23.7.2011, 15:53

Ich weiß ja nicht, wie ihr Posting genau gemeint ist. Der Tonfall aber wirkt auf mich auf jeden Fall extrem überheblich.

grassl
00
24.7.2011, 12:33

Sie sollten sich mit dieser geschichte intensiv beschäftigen, lege ich Ihnen nahe.
vielleicht revidieren Sie dann Ihre gar so positive meinung von den "guten" und "willigen" zivilistenschützern und demokratiebringern.

Meerwelle
00
24.7.2011, 13:16

Die USA haben in Guatemala vermutlich viel Dreck am Stecken, wenn sie das meinen. Was ich jederzeit bejahe.

Bernhard Lassy2
 
02
22.7.2011, 23:09
vermutlich haben Sie die falschen Informationsquellen benutzt

Man muss schon auch auf die Qualität von Presse und Informationsquellen achten, auch wenn da trotzdem noch vieles falsch dargestellt wird und einfach nicht darüber berichtet wird.

Als ich hab jedenfalls einiges davon mit gekriegt,

Speedy Gonzales
01
22.7.2011, 22:14
Dummschätzer gibt es hier wirklich viele.

romgard
10
22.7.2011, 17:56

ich will auch die cia mitangeklagt

grins&fett
016
22.7.2011, 15:20

und wann wird endlich kissinger verurteilt?

Sausewind
00
22.7.2011, 18:50

er klagt diejenigen an, die hinter Kissinger, Reagan, Montt, etcc... stehen ?

Speedy Gonzales
231
22.7.2011, 13:36
Und Ronald Reagan

bezeichtnete ihr als "integre Persönlichkeit".
Schlimm das in den USA dieser Mann immer noch als einer der besten Presidenten der USA gilt. Dabei wurden viele Massaker direkt vom Weissen Haus verordnet um den Kommunismus in der Region zu bekämpfen. Dabei war jedes Mittel recht. Von Indochina, Chile, Argentinien bis vor die eigene Haustür Panama, Guatemala und Grenada. Wer klagt nun diese Herren im Pentagon an die ebenfalls Blut an den Händen haben. Sei es politisch oder gerichtlich? Wer klagt einen "Staat"-terrotisten namens Kissinger oder Nixon an? Das waren die intellektuellen unter den Kindermördern. Das will nur keiner hören. Die Warheit ist jeden zumutbar.

MBR
00

jedem

siliconvalley
21
22.7.2011, 20:03

bei aller Abneigung gegen Reagan glaube ich nicht, dass er persönlich angeordnet hat 3 Monate alte Babies in den Brunnen zu werfen.

Plagiator
13
24.7.2011, 11:17

diese Politiker gehen über Leichen ohne sich die Hände selbst schmutzig zu machen. Sie werden auch nie zur Rechenschaft gezogen, es sei denn, sie sind antiimperialistisch.
Wie sagte schon (1996) die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright über den Konflikt im Irak:"Eine halbe Million tote irakische Kinder sind ein akzeptabler Preis."

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 97
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.