Dublin-II-Verordnung

Das Schicksalspapier der Flüchtlinge

Hintergrund | 30. Juli 2011, 12:22
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    foto: epa/orestis panagiotou

    Rund 45.000 Asylsuchende warten seit mehreren Jahren in Griechenland auf die Erledigung ihres Asylverfahrens - ohne Recht zu arbeiten, ohne menschenwürdige Wohnverhältnisse

Die Dublin-II-Verordnung soll Asylmissbrauch verhindern, wird aber zur humanitären Zerreißprobe

Im Mittelmeer ertrinken laufend Flüchtlinge aus Afrika, aber in den Köpfen der europäischen Asylbeamten dreht sich alles um zehn Seiten Papier. Die Verordnung (EG) Nr. 343/2003 ist ein sprödes Stück Bürokratie, das man der Einfachheit halber nur noch "Dublin II" nennt.

Ausgerechnet ein Grieche zeichnete am 18. Februar 2003 für das Dokument verantwortlich, das die europäische Zuständigkeiten in Asylfragen regelt -  und wenige Jahre später Griechenland in ein humanitäres Chaos stürzen sollte. Es war der damalige Ratspräsident Nikos Christodoulakis, Finanzminister der Hellenen, der an diesem Februartag vor acht Jahren seine Unterschrift unter die EU-Verordnung setzte.

Klare Regeln

29 Artikel besiegeln seither nichts weniger als das Schicksal Tausender Flüchtlinge, die nach Europa kommen wollen und hier Sicherheit und ein besseres Leben zu finden hoffen. Das erklärte Ziel der Dublin-II-Verordnung ist, zu regeln, welches Land für welchen Asylwerber verantwortlich ist. Konkret bedeutet das: Die Verordnung sorgt dafür, dass jeder Flüchtling bloß in einem EU-Staat um Asyl ansuchen kann, und legt fest, welcher Staat dieses Ansuchen prüfen muss. Asylmissbrauch solle dadurch eingedämmt werden.

In der Regel gilt: Zuständig ist das Land, das der Asylwerber zuerst betritt. In Artikel 10 steht: "Wird auf Grundlage von Beweismitteln oder Indizien (...) festgestellt, dass ein Asylbewerber aus einem Drittsaat kommend die Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaats illegal überschritten hat, so ist dieser Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylantrags zuständig." Betroffen sind also vor allem die Länder an der EU-Außengrenze, Griechenland mit seiner Insel Lesbos zum Beispiel. Oder Italien mit der vorgelagerten Mittelmeer-Insel Lampedusa.

Dramen auf Inseln

Lesbos, Lampedusa - Inseln, auf denen sich Urlaubswünsche erfüllen und Träume von Flüchtlingen zerplatzen wie Seifenblasen. Griechenland war schon vor der Finanzkrise völlig überfordert mit der Schar an Asylwerbern. Flüchtlinge leben in überfüllten Unterkünften, andere landen auf der Straße. Die Überforderung hat dramatische Folgen.

Im Sommer 2009 eskalierte die Lage auf Lesbos. Die Zustände sorgten international für Schlagzeilen. "Die Gefangenen mussten vom Boden essen, das Trinkwasser war oft ungenießbar. 160 Kinder teilten sich eine Toilette", berichtete die "ZEIT".

Die entsprechenden Bilder lieferte ein Video, das an die Öffentlichkeit drang und auch heute noch auf Youtube zu sehen ist.  Manchmal aber fehlen die Beweise, dann bleiben lediglich Vorwürfe: Dass die griechische Küstenwache Asylwerber misshandle, dass sie Flüchtlinge ins Meer werfe oder deren Schlauchboote auf offener See ansteche.

Helfender Kapitän wurde angeklagt

Dass es gefährlich sein kann, Menschen vor dem Tod zu retten, zeigt das Beispiel des Schiffs Cap Anamur: Als 2004 ein deutscher Kapitän 37 Flüchtlinge in einem überladenen Schlauchboot vorm Ertrinken rettete und in Sizilien absetzte, stellte ihn Italien wegen "Beihilfe zur illegalen Einwanderung" vor Gericht. Ihm drohten vier Jahre Haft und 400.000 Euro Strafe, erst 2009 wurde er freigesprochen.

Die griechische Asylpolitik hat die Grenze des Zumutbaren bereits überschritten. Im Jänner schaltete sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EMGR) ein. Er verurteilte Belgien, weil es einen afghanischen Asylwerber gemäß den Dublin-II-Bestimmungen nach Griechenland abgeschoben hatte. Belgien hätte das nicht tun dürfen, argumentierte der EMGR, weil der Asylwerber dem "dortigen mangelhaften Asylsystem und den damit verbundenen Risiken sowie den dortigen Haft- und Lebensbedingungen ausgesetzt" war. Der Afghane wäre aufgrund der griechischen Verhältnisse unmenschlich und erniedrigend behandelt worden.

Österreich: "Prüfen jeden Fall"

Auch auf Österreich wirkt sich dieses Urteil aus. In einer aktuellen Stellungnahme sagt ein Sprecher des Innenministeriums gegenüber derStandard.at: "Es gibt zwar keinen Abschiebestopp nach Griechenland, aber es gibt so gut wie keine Überstellungen nach Griechenland mehr." Jeder Fall, der an Griechenland zu überstellen wäre, werde einzeln und tiefgehend geprüft, so der Sprecher.

Inzwischen werden die Rufe nach einer Neuerung von Dublin II immer lauter. Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR), die Diakonie Österreich und Amnesty International sind nur einige der Dublin-II-Kritiker. Zuletzt forderte die parlamentarische Versammlung des Europarats Ende Juni in einer Resolution, die Regeln zum Umgang mit Asylbewerbern zu reformieren. Konkret forderte der Europarat laut APA, die Verantwortung für die Aufnahme von Flüchtlingen müsse unter allen Mitgliedsstaaten geteilt werden.

Genau darum kämpft auch EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström seit Monaten. Große Länder wie Frankreich beharren jedoch auf Dublin II, auch die österreichische Regierung will an der umstrittenen Verordnung festhalten. Erst kürzlich betonte ein Vertreter der österreichischen Verhandlungsdelegation am EU-Innenministertreffen: "Wenn wir die Dublin-Regeln aussetzen, wird das Vertrauen gefährdet".

Eklatanter Rückgang bei Anträgen

Tatsache ist, dass Österreich vom System profitiert. Seit der Ostöffnung ist die Alpenrepublik EU-Binnenland geworden, die Außengrenzen der EU haben sich verschoben, die Hauptlast der Asylwerber müssen nun also andere Staaten tragen. Das spiegelt sich auch in der offiziellen Statistik des Innenministeriums wider: Die Zahl der Asylanträge schmolz von rund 39.000 im Jahr 2002 auf etwa 11.000 im Jahr 2010. Es ist ein eklatanter Rückgang. Er lässt sich im österreichischen Politgeschäft, wo Asylsuchende immer wieder als "Belastung" dargestellt werden, als Erfolg verkaufen.

In Griechenland warten weiterhin geschätzte 45.000 Asylsuchende darauf, dass ihr Antrag behandelt wird. Der Bitte Griechenlands an die übrigen EU-Mitglieder, zumindest einen kleinen Teil der Asylsuchenden aufzunehmen, kamen manche Staaten nach. Österreich war nicht dabei. (Benedikt Narodoslawsky, derStandard.at, 30.7.2011)

Kommentar posten
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Johannes Benn
01
31.7.2011, 20:16
.

von meinen sechs beitraegen zum thema wurde kein einziger veroeffentlicht, so macht das doch keinen sinn

Geh?danke
03
31.7.2011, 19:51
Das Massensterben im Mittelmeer...

kann man nur beenden, indem man die Flüchtlinge konsequent an die afrikanische Küster zurückbringt, so wie bei dieser Rettungsaktion:
http://www.taz.de/Europa-we... ab/!74843/
Eine Änderung der Dublin-Zustänigkeitsregeln würde an der Tatsache nicht ändern, dass sich so viele Flüchtlinge in seeuntauglichen Schiffen auf den Weg nach Europa machen.

jesus mohammed
61
31.7.2011, 16:43
Währenddessen gehen die rassistischen Überfälle munter weiter, inklusive Brandanschlag auf Flüchtlingshaus in Kalamata.

Es gibt also wesentlich andere Gründe als Tourist das rassistische Griechenland zu meiden als streikende Taxler und nur durch Tourismusboykott läßt sich dort überhaupt was erreichen.
http://clandestinenglish.wordpress.com/2011/07/2... in-athens/

Commodus
21
31.7.2011, 13:36
HI

Hi Leute!

Nicolas Castillo
01
keine Freunde?

der gärtner
1120
31.7.2011, 12:54
die flüchtlinge bringen die armut mit

und verschlechtern damit die situation der österreicher,
die anders als oft behauptet nicht reich sind, sondern zum großteil ohne nennenswertes vermögen oder grundbesitz dastehen und nur durch ihren zahlenmäßigen mangel dem kapitalisten ein halbwegs anständiges gehalt abtrotzen können.

eine situation die durch zustrom von billigen, anspruchslosen arbeitskräften aus dem lot gebracht wird und für jeden werktätigen österreicher einen schaden darstellt.

deshalb kann kein arbeitender österreicher, der seinen sozialen stand halten will für zuwanderung von wem auch immer sein.

Licht Gestalt1
42
31.7.2011, 20:35
es gibt hier Abhilfe

und der heißt Mindestlohn!!!
Flüchtlinge hier für alles verantwortlich zu machen was schief läuft in unserem Land ist einfach unnötig und vorallem "billig"!
so werden "Feindbilder" aufgebaut....

Frau Trude
136
31.7.2011, 13:24

Wenn OsterreicherInnen sich in prekären Verhältnissen befinden, dann ist die neoliberale Marktordnung verantwortlich, aber sicher nicht ein paar einzelne Menschen.

Das sollte doch eigentlich nicht so schwer zu durchschauen sein.

weiter lesen
03
Stimmt,

darum gab es in den UdSSR keine prekären Verhältnisse.
Vor 100 Jahren (vor der neoliberalen Marktordnung) auch nicht.
Bei den Warlords in Afghanistan ist auch alles in Butter.

Jaja, der Neoliberalismus.

Commodus
410
31.7.2011, 12:48
Leute

eins was ich nicht verstehe, alleine dem Foto ist zu entnehmen in Bezug auf Griechenland, dass sich bei den Flüchtlingen in einer Quote von gut 99% um Moslems handelt, die aus der Türkei in die EU illegal einreisen wollen?

Die Türkei ist aber ein sicheres (islamisches) "Drittland".

Was wollen die jungen, kräftigen Herren (ich sehe kaum Frauen) denn dann bei uns, den Heiden und Ungläubigen? Hier lauern doch nur die bösen "Mohammed-Karikaturisten" auf sie!

Ich...ich verstehe das nicht!!

wolfshaut
53
31.7.2011, 14:41

Lassen Sie bitte die Moslem-Keule eingepackt, damit läßt sich NICHTS verstehen oder argumentieren, weder rechtlich noch ethisch.

wolfshaut
00

Stricheln ist auch kein Argument ;-)

Walles
29
31.7.2011, 12:17

Wie schauen eigentlich die Reformvorschläge für Dublin II konkret aus, mit denen extrem stark belastete Asylländer wie Österreich und Schweden entlastet werden sollen?

johannes schenk1
42
31.7.2011, 13:54
sind wir extrem belastet?

zB im Vergleich zu:
Italien,
Griechenland,
Malta,
Zypern -
oder gar Ländern wie Syrien? (knapp über 20 Mio Einwohner und 2Mio Flüchtinge aus dem Irak)
Statistiken zur Anzalhl der Asylwerber und anerkannten Flüchtlinge in Europa in den letzten 20 Jahren wären interessant...

Gert Bachmann
 
147
31.7.2011, 11:58
wieso Österreich verpflichtet ist sich um Arme aus der dritten Welt zu kümmern,

und das gilt für ganz Europa, liegt ganz einfach daran, das wir von den unterbezahlten Arbeitskräften, Rohstoffen, landwirtschaftlichen Produkten und den aus dem Handel mit Drittweltleistungen kräftig profitieren und unseren Wohlstand zu einem guten Teil darauf, und nicht etwa der österreichischen inlandsleistung, aufgebaut haben. Wir haben also die moralische Verpflichtung einen Teil dieser Ausbeutung an den sogenannten Asylanten und auch Wirtschaftsflüchtlingen wieder gut zu machen. Unsere "Entwicklungshilfe" ist (genauso wie unsere Bildungsausgaben) auf einem derart beschämend niedrigen Level, das wir eigentlich als Parasiten Europas und der dritten Welt firmieren. wenn die Festung Europa fällt, dann auch wegen der Egozentrik hier.

Ernst Kratochwil
23
31.7.2011, 17:51
den aus dem Handel mit Drittweltleistungen kräftig profitieren und unseren Wohlstand zu einem guten Teil darauf,.....

.

Auch wenn das von einigen noch so oft wiederholt wird, es stimmt einfach nicht.

Sie, so wie alle anderen die das behaupten, bleiben regelmäßig den Beweis für ihre Unterstellungen schuldig.

Stellen Sie sich nur vor all die Produkte die in den EL nicht hergestellt werden würde es dort nicht geben.

Pharmazeutische und Chemische Produkte, Maschinen, Lebensmitteln (!), Autos, Elektrogeäte, Waffen, medizinische Geräte...

Es ist doch eine sehr einseitige Einstellung zu glauben nur die dort abgebauten Rohstoffe hätten einen Wert.

Licht Gestalt1
20
31.7.2011, 20:44
das Problem ist,

dass Afrika viele Rohstoffe hat, diese aber nur abgebaut und exportiert werden, also eigentlich nur die Konzerne, die korrupten Politiker oder Rebellen profitieren
Würden sie aus ihren Rohstoffen selber z.B. die Handys oder was auch immer herstellen
könnte hier ein Wirtschaft und auch Arbeitsplätze aufgebaut werden.
Will das der Westen??? Dann würden wir auch wieder aufschreien, wie immer wenn es um "unsere" Arbeitsplätze geht....

Ernst Kratochwil
04
31.7.2011, 21:07
Würden sie aus ihren Rohstoffen selber z.B. die Handys oder was auch immer herstellen

Dafür bräuchte man unter anderem

ausgebildetes Personal, Fachkräfte

eine Infrastruktur

Rechtssicherheit

keine (oder zumindest nur geringe) Korruption

Kapital

halbwegs sichere politische Verhältnisse .....

Dann, aber erst dann, müssten Sie sich darüber den Kopf zerbrechen ob der Westen wegen der weggenommennen Arbeit aufschreit.
Was erstens wurscht, zweitens aber eh nicht der Fall wäre. Weil der Ausfall vielfach durch den gestiegenen Bedarf kompensiert werden würde.

johannes schenk1
01
31.7.2011, 13:58
ich glaube zwar auch, dass wir Verantwortung haben,

aber ich kann nicht sehen, dass wir jemanden aktiv ausbeuten.
Doch selbst wenn es so wäre: ausbeuten, und dann die Opfer als Flüchtlinge versorgen, wäre auch keine sinnvolle Lösung.
Aus der 2. und 3. Welt weder Rohstoffe noch Produkte zu kaufen, wäre für beide Seiten schlecht. Lösungen kann es daher nur mit Hilfe der lokalen Regierungen der Länder der 2. und 3. Welt geben - und da wirds schwierig...

Gert Bachmann
 
02
31.7.2011, 16:02
aktiv ausbeuten ist relativ

und zwar hinsichtlich
1. der fraglichen Produkte
Reis, Kaffee, Kakao, Bananen....die klassischen Suedfruechte und andere Cashcrops wie Gemuese aus China. Hier waere als Ausweg konsequent auf das fair trade Prinzip zu setzen.
2. der Beteiligung an Welthandelsstrategien
3. der Nutzung von Energie welche auf unmenschlicher Arbeit fusst (yellow cake fuer Brennstaebe)
um nur einige Beispiele zu nennen....

johannes schenk1
12
31.7.2011, 17:05
alles Punkte, wo ich Ihnen

zustimme, dass die Dinge geändert gehören -
nur: es ist keine aktive Ausbeutung durch mich -
Mir gehören weder die Felder, noch sitze ich in den Regierungen der jeweiligen Staaten, die zB Gewerkschaften verbieten (und nützen die überhaupt, wenn die Konzerne, sobald das Lohnniveau ansteigt, die Produktion verlegen?)
Mich stört also nur der Vorwurf, als Konsument schuld zu sein.
In Europa haben wir Regeln, die der freien Marktwirtschaft Grenzen setzen - gerne etwa öko-soziale-Marktwirtschaft genannt. Gute Regeln, wenn auch zur Zeit ein bissl in Auflösung - solche Regeln bracht es auch anderswo - damit wäre viel geholfen - vom Konsumenten zu verlangen, das in die Hand zu nehmen ist - freundlich ausgedrückt: naiv.

jakov
13
31.7.2011, 17:44

Allerdings müssen auch nicht Sie selbst die asylsuchenden zuhquse aufnehmen, oder?

Dieses "wir" beziht sich also wahrscheinlich auf österreich und seine einwohner und dessen kapitalistisches system, dem Sie wenn auch ungewollt angehören.

"wir" beuten also aus, und "wir" sind daher auch moralisch verantwortlich.

johannes schenk1
02
31.7.2011, 17:49
"wir" nehmen auf:

natürlich nicht bei mir zu Hause - wäre schon logistisch nicht möglich - aber von unter anderem meinem Geld.
"wir" beuten aus:
nein: Schuld ist nicht kollektiv.
ja: da wo Österreich an Ausbeutung beteiligt ist - zB internationale Handelsabkommen usw...

Walles
111
31.7.2011, 12:20

Die wichtigsten Herkunftsländer der Asylwerber in Österreich sind Afghanistan, Russland, Irak und Kosovo. Wie beutet Österreich diese Länder aus?

Montgomery McFerryn
00

Wir nehmen den Russen zum Beispiel ihr Gas weg und geben ihnen nur viel Geld dafür, das ist sicher irgendeine Ausbeutung. :-)

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